Die Bibel genau übersetzen - wie macht man das? - Übersetzen ist nötig

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Die Bibel genau übersetzen - wie macht man das?
Übersetzen ist nötig
Übersetzen ist möglich
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Was zwischen den Zeilen steht: explizieren und implizieren
Sachtext oder Fiktivtext
Bibellesen ist Vertrauenssache
Zwei Zitate und zwei Schlussfolgerungen
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Übersetzen ist nötig

Müssen sie wirklich übersetzt werden? Nur weil wir nicht Griechisch können? Diese Begründung ist unvollständig. Es gibt noch einen Grund hinter diesem Grund: Die Texte müssen übersetzt werden, weil sie uns interessieren (und nicht nur, weil wir die fremde Sprache nicht verstehen).

Als Paulus seine Briefe schrieb, gab es ja noch unzählige andere Leute, die griechische Texte verfassten. Denken Sie an die Korrespondenz der Geschäftsleute. Oder an die Manuskripte der Dozenten. Oder an den Rechenschaftsbericht eines römischen Staatsbeamten. Oder an den Notizzettel eines Handwerkers. Alles griechische Texte! Alles Texte, die wir nicht lesen können. Müssen sie deshalb übersetzt werden? Für einen Altertumsforscher vielleicht. Aber für uns? Wohl kaum. Dafür interessieren sie uns zu wenig. Uns fehlt die Zeit, uns intensiv mit jener längst vergangenen Epoche abzugeben.

Aber die Bibel interessiert uns. Wir möchten wissen, was in diesem „Buch der Bücher“ steht. Und deshalb gibt es Bibelgesellschaften, die Übersetzer anstellen und dafür sorgen, dass der heutige Leser die Bibel in seiner Sprache lesen kann.

Damit sind wir bereits bei einem eminent wichtigen Punkt: Wer die Bibel übersetzen will, muss das so genau wie nur irgend möglich tun. Den deutschen Leser interessiert nicht, wie Herr Symank in religiösen Fragen denkt; er möchte wissen, was der Prophet Jesaja, was der Apostel Petrus, was Jesus Christus selbst in Sachen Religion zu sagen hat. Der Übersetzer ist kein Autor. Er erfindet keinen Text. Er findet einen Text vor und hat diesen so sorgfältig und gewissenhaft wie möglich wiederzugeben.

Eigentlich versteht sich das von selbst. Wenn ich eine Abhandlung des spanischen Philosophen Ortega y Gasset in englischer Übersetzung lese (ich kann nicht Spanisch), setze ich natürlich voraus, dass mir die Gedanken von Ortega y Gasset präsentiert werden und nicht die des Übersetzers. Wenn ich einen ins Deutsche übersetzten Roman des russischen Schriftstellers Dostojewski lese (ich kann nicht Russisch), gehe ich davon aus, dass ich es hier mit Dostojewski zu tun habe und nicht mit den Ansichten des Übersetzers. Der Leser eines übersetzten Werkes erwartet zu Recht, dass die Übersetzung den sprachlichen Graben überbrückt und ihn so nah wie möglich an das Original heranführt.

Bei der Bibel ist es genauso, und hier ist diese Erwartung noch einmal so wichtig: Nach dem Selbstverständnis der Bibel handelt es sich beim Inhalt dieses Buches um Offenbarung, um Mitteilungen des einzig wahren Gottes. Es handelt sich um Worte der Wahrheit, um autoritative Aussagen der allerhöchsten Instanz. Kein Mensch - auch nicht der Übersetzer - käme von sich aus auf diese Gedanken. Kein Mensch - erst recht nicht der Übersetzer - dürfte es wagen, an diesen Gedanken auch nur das Geringste zu ändern! Der Bibelübersetzer ist - um einmal dieses etwas altertümliche Bild zu gebrauchen - wie ein Herold, der eine Botschaft seines Königs unter die Leute bringt. Ein Herold ist nicht Ausgangspunkt der Botschaft, er ist nur Vermittler. Wehe, er verfälscht etwas! Sein Auftrag ist es ja gerade, das königliche Wort so genau und so klar wie möglich weiterzugeben. Und die Menschen, die ihm zuhören, sehen nicht den Herold vor sich, sondern den König. Was der Herold zu ihnen sagt, sagt ihnen der König. Wenn es so etwas wie ein übersetzerisches Berufsethos gibt, dann hat sich der Bibelübersetzer doppelt und dreifach daran zu halten. Er muss bereit sein, sich ganz und gar zurückzunehmen und ausschließlich die biblischen Autoren zu Wort kommen zu lassen.

Damit haben wir eine deutliche Abgrenzung vorgenommen, und zwar gegenüber solchen Texttransformationen, die bewusst etwas anderes wollen, als eine genaue Übersetzung zu liefern.
  • Denken Sie z. B. an eine Kinderbibel. Erstens wird dort nicht der gesamte biblische Stoff dargeboten, sondern eine Auswahl getroffen. Zweitens werden die ausgewählten Stücke z. T. sehr stark gerafft und z. T. sehr stark ausgeschmückt. Man bemüht sich, den Text dem kindlichen Aufnahmevermögen anzupassen. Daran ist überhaupt nichts Verkehrtes. Nur sollte man das nicht als Übersetzung bezeichnen. Es handelt sich um eine Bearbeitung.
  • Denken Sie - um einen Schritt weiter zu gehen - an ein Theaterstück oder ein musikalisches Bühnenwerk zu biblischen Stoffen. Hier wird der Bibeltext teilweise völlig umgeschrieben, auf Rollen verteilt, dramaturgisch neu geformt. Wieder: Das ist völlig legitim, solange man klarstellt, dass es sich um eine Bearbeitung handelt und nicht um den eigentlichen Text.
  • Oder denken Sie - jetzt lösen wir uns völlig von der Sprache - an die bildliche Darstellung einer biblischen Erzählung. Im späten Mittelalter gab es die sogenannten bibliae pauperum, die „Armenbibeln“ - bebilderte Bibeln für die „Armen im Geist“, d. h. für alle diejenigen, die nicht lesen und schreiben konnten, für die Analphabeten. Auch die vielen biblischen Geschichten in den bunten Kirchenfenstern hatten unter anderem diese Funktion. Noch einmal: Solche Darstellungen können durchaus biblische Inhalte vermitteln, aber natürlich handelt es sich nicht um Übersetzungen im eigentlichen Sinn. Fachsprachlich gesagt, hat hier eine intersemiotische Transmutation stattgefunden, der Wechsel von einem Zeichensystem (Buchstaben) in ein anderes (Bilder). Intrasemiotische Bearbeitungen bleiben innerhalb desselben Zeichensystems (eine Kinderbibel z. B); intersemiotische Bearbeitungen überschreiten diese Grenze (z. B. Gemälde, Comics oder Filme zur Bibel).
Texttransformation
Alle diese Übertragungs-Vorgänge kann man unter dem Oberbegriff der Texttransformation zusammenfassen. Dagegen ist nichts einzuwenden, solange bei den Unterbegriffen klar zwischen Übersetzung einerseits und Bearbeitung/Umformung andererseits unterschieden wird. Genau das ist heutzutage in manchen Wissenschaftskreisen nicht mehr der Fall. Man postuliert fließende Übergänge zwischen den verschiedenen Kategorien; man hebt die klaren Grenzen auf. Letztlich hat das damit zu tun, dass man den Ausgangstext grundsätzlich als ein vieldeutiges Gebilde ansieht. Er enthält - so wird gesagt - keine eindeutige Botschaft, sein Sinn ist nicht festgelegt. Möglich, dass der Autor etwas mitteilen wollte, aber das ist nicht maßgebend. Vielmehr entscheidet erst der einzelne Leser, welche Auslegung für ihn in seiner Situation die richtige ist.

Es gibt einige durchaus richtige Beobachtungen bei dieser sogenannten reader-response-Kritik (oder Rezeptionsästhetik, wie sie auch genannt wird). So stimmt es natürlich, dass mein Zugang zum Bibeltext immer ein Stück weit subjektiv ist. Man hat beim Bibellesen immer eine Brille auf. Sinnvoll lesen heißt verstehen, und damit ich verstehe, muss ich interpretieren, und jeder interpretiert wieder ein wenig anders. Aber - und das ist entscheidend: Wir können miteinander über unser unterschiedliches Verständnis diskutieren! Wir können unsere Interpretations-Ergebnisse miteinander vergleichen, im Text nach Argumenten pro und contra suchen und so nach und nach zu einer einheitlichen Auffassung kommen. Der Sprachwissenschaftler, der eine Vorlesung über die Rezeptionsästhetik hält, erwartet ja auch, dass seine Zuhörer ihn verstehen. Wenn er davon ausgehen müsste, dass jeder wieder etwas ganz anderes aus seinem Vortrag heraushört, brauchte er ihn gar nicht erst zu halten. Nein, notfalls lässt er Rückfragen zu oder schiebt Erklärungen nach, um sicherzustellen, dass er richtig verstanden wird! Genauso darf auch ein biblischer Autor erwarten, dass man ihn so versteht, wie er es beabsichtigt hat.