Die Bibel genau übersetzen - wie macht man das? - Wörter sind mehrdeutig

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Die Bibel genau übersetzen - wie macht man das?
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Wörter sind mehrdeutig

„Möglichst die gesamte Ladung“ soll der Fährmann übersetzen. „So genau wie möglich“ soll der Übersetzer übersetzen. Wie macht man das?

Viele stellen sich das so vor, dass man am besten Wort für Wort wiedergibt. Je wörtlicher eine Übersetzung, desto weniger läuft der Übersetzer Gefahr, etwas hineinzuinterpretieren. Je wörtlicher, desto zuverlässiger.

Wenn das nur so einfach wäre! Die wenigsten Wörter sind eindeutig! Die meisten Wörter, gerade die, die zum Grundwortschatz gehören und ständig vorkommen, haben mehrere, oft zahlreiche Bedeutungen.

Beginnen wir mit ein paar ganz einfachen Beispielen. Einem Wort in der einen Sprache stehen zwei in der anderen Sprache gegenüber: eine Eins-zu-zwei-Entsprechung.
  • deutsch „Straße“ -> englisch „street“ [wenn mindestens an 1 Straßenseite Häuser] / „road“ [wenn keine Häuser]
  • deutsch „Himmel“ -> englisch „sky“ [Luftraum] / „heaven“ [religiöser Bereich]
  • deutsch „Leben“ -> griechisch βιος/bios [physisches, irdisches Leben] / ζωη/zoë [geistliches Leben]
  • griechisch δακτυλος/daktylos -> deutsch „Finger“ / „Zehe“
  • griechisch ψυχη/psyche -> deutsch „Seele“ / „Leben“
Vor ein paar Wochen schickte mir jemand einen Artikel zu Übersetzungsfragen. Darin beklagt sich der Autor darüber, dass selbst eine so „wortnahe“ Übersetzung wie die Elberfelder Bibel yuch nicht immer mit „Seele“ wiedergibt, sondern fast genauso oft mit „Leben“, und er schreibt wörtlich: „Das ist nach meiner Auffassung geistlich kriminell.“ Mag er das sehen, wie er will - kriminell ist hier ganz und gar nichts. ψυχη unterschiedlich wiederzugeben ist so wenig ein Verbrechen, wie wenn ein Engländer das deutsche „Himmel“ einmal mit „sky“ und einmal mit „heaven“ übersetzt. Es ist nicht nur kein Verbrechen, es ist das einzig Richtige, was er tun kann, wenn er die Mehrdeutigkeit des sprachlichen Zeichens HIMMEL ernst nimmt.

Nehmen wir ein etwas aufwendigeres Beispiel, das deutsche Wort „Gang“ (ein Substantiv, das interessanterweise nicht mit dem Verb „gehen“ verwandt ist, wie man meinen würde, sondern auf ein germanisches Verb mit der Bedeutung „schreiten“ zurückgeht). Man wird also vielleicht als erstes an die Bedeutung „Gangart“ denken:

(a) Ich erkannte ihn sofort an seinem schleppenden Gang.

Aber das ist keineswegs die einzige Bedeutung dieses Wortes. Sehen Sie sich mal die folgenden Beispielsätze an:

(b) Er hatte einen schweren Gang vor sich. [das Gehen einer Strecke (mit einem bestimmten Ziel)]
(c) Jetzt musst du in den vierten Gang schalten! [Getriebestufe des Automotors]
(d) Der Kellner brachte den zweiten Gang. [einzelnes Gericht einer Speisenfolge]
(e) Mein Büro befindet sich am Ende des Ganges. [Korridor in Haus/Wohnung]
(f) Die Anlage ist die ganze Nacht über in Gang. [in Betrieb / in Bewegung]
(g) Es gelang ihr, den Gang der Ereignisse zu rekonstruieren. [Ablauf]

Vielleicht überrascht Sie diese Vieldeutigkeit. Aber sie ist der Normalfall. Dass ein Wort nur eine einzige Bedeutung hat, ist die Ausnahme und trifft eigentlich nur im Bereich der Fachterminologie zu. Wörter sind in aller Regel mehrdeutig. Das ist in allen Sprachen so, im Griechischen und Hebräischen genauso wie im Deutschen und Englischen.

Zum Glück ist das so! Stellen Sie sich mal vor, für all die verschiedenen Bedeutungen von „Gang“ gäbe es je eine eigene Vokabel! Da würde der deutsche Wortschatz, der ohnehin schon eine halbe Million Wörter umfasst, ins Astronomische anschwellen. Keiner wäre imstande, diese unüberschaubare Menge von Begriffen zu beherrschen. Die Situation würde dann jener ähneln, als das Alphabet noch nicht erfunden war und man für jedes Wort ein eigenes bildliches oder abstraktes Zeichen schrieb. 26 Buchstaben kann sich jeder merken. Aber wer hat schon die Zeit, sich tausende von Zeichen einzuprägen? Deswegen entwickelten sich damals eigene Schreiberkasten; eine Information schriftlich festhalten zu können wurde zu einem Beruf. Und genauso wäre sprachliche Kommunikation unter normal begabten Menschen kaum mehr möglich, wenn die Sprache nicht so ökonomisch wäre und viele verschiedene Bedeutungen unter einem Zeichen, einem Symbol, einem Wort zusammenfassen würde.

Was bedeutet diese Mehrdeutigkeit nun für die Übersetzung? Ganz einfach: Es gibt für ein bestimmtes griechisches Wort in der Regel nicht nur ein deutsches. Man muss bereit sein, das eine griechische Wort immer wieder anders wiederzugeben.

Nochmals zurück zu dem deutschen „Gang“; übersetzen wir es ins Englische. Im ersten Beispielsatz könnte man es mit „walk“ wiedergeben, im zweiten mit „way“, im dritten mit „gear“, im vierten mit „course“, im fünften mit „corridor“, im sechsten müsste man es mit einem Verb umschreiben („the machine ist running“), und im siebten würde wieder „course“ passen („course of events“). Also: Für 6 mal „Gang“ mindestens 5 verschiedene englische Wörter! Eine Eins-zu-viele-Entsprechung.

Das Ganze ginge ja noch, wenn es dabei bliebe. Aber die sprachliche Wirklichkeit ist noch wesentlich komplexer. Nehmen wir mal den zweiten Beispielsatz: „Gang“ lässt sich mit „way“ wiedergeben. Aber „way“ kann z. B. auch die „Art und Weise“ bedeuten, was überhaupt nichts mit „Gang“ zu tun hat („the american way of life“ - die amerikanische Lebensweise). In diesem Fall muss also mit „Weise“ übersetzt werden, nicht mit „Gang“. Das deutsche „Weise“ wiederum kann auch „Melodie“ bedeuten; und „Melodie“ heißt im Englischen nicht „way“, sondern „tune“. „Tune“ seinerseits bedeutet unter anderem auch „Stimmung“, „Laune“. Und so geht das immer weiter - eine beinahe endlose Wörterkette.

Die deutschen und englischen Wörter stehen zueinander also nicht in einem Eins-zu-eins-Verhältnis, auch nicht in einem Eins-zu-viele-Verhältnis, sondern in einem Viele-zu-viele-Verhältnis! Alles ist irgendwie mit allem verkettet und verzahnt. Ein Wort überschneidet sich mit einem anderen, bildet mit ihm sozusagen eine Teilmenge. Gleichzeitig überschneidet es sich mit einem anderen und bildet auch mit ihm eine Teilmenge.

  deutsch
englisch
französisch
(1) Generischer Begriff  Mensch man homme
   ≠  ≠  =  ≠  =  ≠
(2) Komplementärbegriffe
Mann Frau  man
woman
homme
femme
   =  =  ≠  ≠  ≠  =
(3) Relationale Begriffe
Mann
Frau
husband
wife
mari
femme

Ein klassisches Beispiel sind die Komplementärbegriffe „Mann“ - „Frau“. Im Englischen lauten sie „man“ - „woman“ und im Französischen „homme - femme“. Das sind die absoluten Begriffe. Dazu gibt es ein Untersystem mit den relationalen Bezeichnungen (also den Begriffen, die eine Beziehung ausdrücken): „Mann“ - „Frau“ bzw. „husband“ - „wife“ bzw. „mari“ - „femme“. Interessant daran ist die Asymetrie: Das Deutsche verwendet für den verheirateten Mann dasselbe Wort wie für den unverheirateten und genauso bei der Frau, das Französische nicht beim Mann und das Engli­sche weder beim Mann noch bei der Frau! (Wenn man also eine deutsche Aussage mit „Frau“ ins Englische übersetzt, muss man erst klären, ob es um eine ledige oder verheiratete Person geht, und je nachdem einen anderen Begriff wählen.) Außerdem gibt es zu den anfangs genannten Begriffspaaren auch noch Oberbegriffe, die generischen Bezeichnungen „Mensch“ bzw. „man“ (oder „hu­man being“) bzw. „homme“. Wieder verlaufen die Trennlinien verschieden. Das Deutsche kennt einen eigenen Oberbegriff; im Englischen und Französischen ist der generische Begriff identisch mit einem der beiden Pole. [Damit lassen sich hübsche Wortspiele machen: „La moitié des hommes sont des femmes“ - was im Deutschen natürlich nicht funktioniert: „Die Hälfe der Männer sind Frauen“ (das ist definitiv falsch) / „Die Hälfte der Menschen sind Frauen“ (da fehlt das Entscheidende, der Witz).] Jede der drei Sprachen hat also ihr eigenes Trennlinien-Muster.

Die unterschiedliche Aufteilung dieses Bedeutungsfeldes wirkt sich auch auf die Übersetzung biblischer Texte aus. Die erste Hälfte von 1. Korinther 11 ist dem Verhältnis von Mann und Frau gewidmet. Das griechische γυνη/gyne kann - genau wie im Deutschen und Französischen - sowohl die ledige Frau bezeichnen als auch die verheiratete. Aber übersetzen Sie 1. Korinther 11 mal ins Englische! Jetzt können wir uns nicht mehr vor der Entscheidung drücken. Sagen wir „wife“, dann gelten die Anweisungen des Textes nur den Ehefrauen. Sagen wir „woman“, dann gelten sie allen Frauen, unabhängig von ihrem Zivilstand.

In manchen afrikanischen Sprachen fehlt das Wort „Bruder“. Es gibt nur den älteren Bruder und den jüngeren Bruder. Und wenn man vom älteren Bruder spricht, muss man noch dazu angeben, ob er beschnitten ist oder nicht. Überlegen Sie mal, wie schwierig das wird, wenn das Neue Testament Brüderpaare einführt: Petrus und Andreas, Jakobus und Johannes. Woher soll der Übersetzer wissen, welcher jeweils der ältere war?!

Um nochmals auf die unterschiedliche Aufteilung der Bedeutungsfelder zurückzukommen: Man kann die Sprache mit einem Puzzle vergleichen. Jedes Puzzleteilchen entspricht einem Wort. Alle Teilchen zusammen ergeben das vollständige Bild. Ein Deutschsprachiger kann mit Hilfe der deutschen Wörter alle Dinge und Vorgänge und Eigenschaften und Abstrakta erfassen, die zu seiner Lebenswelt gehören. Genauso konnte in alttestamentlicher Zeit ein Israelit mit Hilfe der hebräischen Wörter alle Dinge und Vorgänge und Eigenschaften und Abstrakta erfassen, soweit sie zu seiner Lebenswelt gehörten. Der Unterschied ist jedoch der: Die Puzzleteilchen sind total anders geschnitten. Das Gesamtbild ist dasselbe, aber es ist komplett anders aufgeteilt.

fig-sprach-sinn-aufteilung
Wenn der Fährmann also denkt: Ich sehe mir jetzt ein bestimmtes hebräisches Teilchen ganz genau an, und dann setze ich ans andere Ufer über und suche dort so lange, bis ich das genau gleich geformte deutsche Teilchen gefunden habe - wissen Sie, wie die Geschichte dann weitergeht? „Und wenn er nicht gestorben ist, dann sucht der Mann noch heute.“ Denn dieses Teilchen gibt es nicht!

Noch ein letztes simples Beispiel hierzu:
  • Der Tagungsleiter stellt die Teilnehmer vor. „Unter uns befindet sich ein ausgewiesener Fachmann“, sagt er.
  • Dann informiert er über die Tagungsstätte: „Unter uns befindet sich die Küche.“
  • Und schließlich erklärt er: „Leider war ich letzte Woche krank. Es war mir nur unter großen Schmerzen möglich, mich für diesen Kurs vorzubereiten.“
Dreimal ver­wendet er die Präposition „unter“, jedesmal mit einem völlig anderen Inhalt. Natürlich kann man die drei Aussagen in jede Sprache der Welt übersetzen, aber es wäre ein großer Zufall, wenn es auch nur eine einzige Sprache gäbe, in der für „unter“ wie im Deutschen jedesmal dasselbe Wort verwendet würde.

Das alles macht deutlich: Beim Übergang von einer Sprache in eine andere bleiben die Bedeutungsfelder der Wörter nicht deckungsgleich; sie sind in jeder Sprache wieder anders organisiert. Diese Deckungsungleichheit ist der Normalfall. Deckungs­gleichheit, der Sonderfall, ist gewöhnlich nur bei der regulierten Fachterminologie anzutreffen. Wer eine konkordante Übersetzung anstrebt, die einen bestimmten Ausdruck der einen Sprache immer mit demselben Ausdruck der anderen Sprache wiedergibt, nimmt eine grundlegende Ei­genschaft natürlicher Sprachen nicht zur Kenntnis.

Was ich bis jetzt ausgeführt habe, hat Sie hoffentlich misstrauisch gemacht gegenüber den Wort-für-Wort-Übersetzungen, die angeblich besonders genau sind. Wenn eine englische Übersetzung das deutsche „Gang“ immer mit - sagen wir - „way“ wiedergibt, hat der Leser nur einen einzigen Vorteil: Er weiß jetzt, wo in der deutschen Vorlage überall „Gang“ steht. Was er nicht weiß (und ohne gute Deutschkenntnisse auch gar nicht wissen kann), ist die Bedeutung im jeweiligen Zusammenhang („way“ trifft jedenfalls nur ganz gelegentlich zu). Der formale Gewinn wird durch den inhaltlichen Verlust zunichte gemacht - und auf den Inhalt kommt es doch vor allem an!