Die Bibel genau übersetzen - wie macht man das? - Was zwischen den Zeilen steht: explizieren und implizieren

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Die Bibel genau übersetzen - wie macht man das?
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Was zwischen den Zeilen steht: explizieren und implizieren
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Was zwischen den Zeilen steht: explizieren und implizieren

So, jetzt haben wir uns alles angesehen, was im griechischen Text zu finden ist - die Wörter und die Sätze. Wenn wir bei den Wörtern die vom Zusammenhang her angemessene Bedeutung wählen und wenn wir alles berücksichtigen, was zum griechischen Satzbau gehört, müsste der Text eigentlich genau übersetzt sein. Ich behaupte: Wir haben noch nicht alles berücksichtigt! - Aber was fehlt denn noch? Wörter und Sätze - mehr steht doch nicht da?! - O doch, da stehen noch eine Menge andere Dinge - aber sie stehen zwischen den Zeilen! Sie sind bei dem, was gesagt wird, mit gemeint, aber sie werden nicht ausgesprochen.

Was zwischen den Zeilen steht, lässt sich in mindestens drei Bereiche aufteilen.

Der erste Bereich:

Dinge, die man weglässt, weil Sprach-struktur und Sprachgebrauchsnormen das erlauben
In Markus 1,40ff heißt es wörtlich (Revidierte Elberfelder):

„Und es kommt ein Aussätziger zu ihm, bittet ihn und kniet nieder und spricht zu ihm: Wenn du willst, kannst du mich reinigen. Und er war innerlich bewegt und streckte seine Hand aus, rührte <ihn> an und spricht zu ihm: Ich will. Sei gereinigt! Und sogleich wich der Aussatz von ihm, und er war gereinigt. Und er bedrohte ihn und schickte ihn sogleich fort und spricht zu ihm ...“

Hier haben wir das, was man einen Pronomensalat nennt: „Er spricht, er ist innerlich bewegt, er ist gereinigt, er bedroht ihn ...“ Wissen Sie am Ende noch, wer wer ist und wer was tut? „Er“ ist einmal der Aussätzige und ein anderes Mal Jesus. Nach den Regeln der deutschen Syntax scheint sich „er“ jedes Mal auf den Kranken zu beziehen. Aber genau das ist vom Zusammenhang her nicht möglich. „Er war gereinigt“ - der Aussätzige. „Und er bedrohte ihn“ - der Aussätzige bedrohte Jesus? Nein, Jesus bedrohte den Aussätzigen! Man merkt nach einziger Zeit schon, wer jeweils gemeint ist, aber eben erst nach einiger Zeit; zunächst wird man immer erst ein Stückchen weit in die Irre geführt, und das macht es schwierig, den Handlungsablauf rasch zu erfassen. Dem Leser muss es vorkommen, als habe der Übersetzer (oder womöglich der Autor?) bewusst Hürden eingebaut, damit man nicht so schnell ans Ziel kommt. Oder als befinde er sich auf einer Schnitzeljagd und werde immer wieder in die falsche Richtung geschickt, ehe er den Fehler korrigieren kann. Es ist nun einmal so, dass man im Deutschen statt des Pronomens das Nomen setzen, wenn die Perspektive wechselt (wie hier) oder wenn sonst eine Unklarheit besteht. Der griechische Text hingegen bleibt - formal gesehen - viel öfter unbestimmt. Wahrscheinlich hängt das auch mit der Erzählstruktur zusammen. Jesus ist die Hauptfigur, die entscheidende Person aller Berichte, der Agens aller großen Reden und aller großen Taten. Einmal eingeführt, ist er einfach der Er. (In Krimis wird diese Technik manchmal auch angewandt. Da kann ein Kapitel so beginnen: „Er schlich sich zur Haustür, drückte vorsichtig die Klinke; die Tür ließ sich geräuschlos öffnen.“ Wer ist der Er? Man kennt seine Identität noch nicht, aber man weiß: Es ist der große Unbekannte, es muss der Mörder sein.). In den Evangelien beginnen zahllose Abschnitte des griechischen Textes mit „Er“ - „Er verließ das Haus“, „Er begann zu reden“, „Er heilte“. Im Deutschen ist es üblich, jedes Mal, wenn einer neuer Abschnitt beginnt, die Personen, die darin vorkommen, gleichsam wieder einzuführen, also mit Namen zu nennen. So machen wir es in der Neuen Genfer Übersetzung. Auch hier in unserem Ausgangsbeispiel (Markus 1) sprechen wir bei jedem Subjektswechsel wieder neu von Jesus bzw. vom Aussätzigen. Damit wird nichts verfälscht. Das Pronomen steht ja - wie sein Name schon sagt - für ein entsprechendes Nomen.

Übrigens sehen wir hier noch eine Eigenart des Griechischen: Statt „er rührte ihn an“ heißt es wörtlich nur: „er rührte an“ (deshalb die Klammer bei der Elberfelder). Wen, wird nicht gesagt. Warum nicht? Weil es sich ohne weiteres aus dem Zusammenhang erschließen lässt. Im Deutschen wüsste man zwar auch, wen Jesus berührt, und trotzdem muss man das Akkusativ-Objekt ausdrücklich erwähnen. Die deutsche Syntax verlangt das; andernfalls wäre der Satz nicht vollständig.

Wir befassen uns mit dem, was zwischen den Zeilen steht. Den ersten Bereich haben wir uns angesehen.

Der zweite Bereich:

Informationen, die den Zuhörern/Lesern bereits bekannt sind
Versetzen wir uns einmal an einen Sonntagmorgen-Gottesdienst in einer freikirchlichen Gemeinde, deren Prediger - sagen wir - Paul Schmidt heißt.
  • Einer von den Ältesten macht die Abkündigungen: „Unser Prediger, Herr Schmidt, ist ab morgen für 3 Tage an einer Konferenz. In dringenden Fällen wenden Sie sich bitte an ...“
  • Derselbe Älteste am nächsten Tag zu einem Gemeindeglied, das nicht im Gottesdienst war: „Haben Sie es mitbekommen? Herr Schmidt ist für 3 Tage verreist.“ [„Unser Prediger“ wäre überflüssig; es gehört ja zum gemeinsamen Wissenspool. Es wäre nicht nur überflüssig, sondern störend. Das Gemeindeglied würde stutzig werden: Warum sagt er das? Er muss doch wissen, dass ich den Prediger dieser Gemeinde kenne! Oder will er mir damit einen versteckten Hinweis zukommen lassen? Aber welchen nur? Merken Sie: Die Zufügung wäre sachlich korrekt, und trotzdem wäre sie kontraproduktiv.]
  • Wieder einen Tag später trifft er sich mit einem anderen Ältesten: „Du weißt, Paul ist zur Zeit an der Konferenz.“ [Der Nachname wäre deplaziert, schließlich duzen sich die beiden Ältesten und der Prediger.]
  • Am Abend dieses Tag führt er ein Telefongespräch mit einem Pfarrer in Österreich, der über mangelnde Fortbildungsmöglichkeiten klagt. Darauf der Älteste: „Unser Prediger besucht immer wieder mal eine Konferenz.“ [Der Name ist unnötig, ihn ausdrücklich zu nennen wäre eine Überinformation.]
Also: Je nach Adressat nimmt der Sprecher kleine, aber wichtige Änderungen in der Bezeichnung der betreffenden Person vor. Die Referenz ist jedes Mal dieselbe, aber die formalen Änderungen sind nötig, um eine sinnvolle Kommunikation zu gewährleisten und Störfaktoren auszuschalten. Die Gesprächspartner richten sich dabei (ihnen selbst meist gar nicht bewusst) nach der „Quantitätsmaxime“: Man sagt das, was zum Verständnis der Sache nötig ist, mehr nicht. Würde man Erklärungen liefern, die dem Gegenüber bereits bekannt sind, wäre das keine Verständnishilfe, sondern ein Anlass zu Verwirrung.

Beim Bibelübersetzen ist es meist so, dass die Erstleser oder Ersthörer uns gegenüber einen Wissensvorsprung hatten. Jesus und die Apostel lebten vor 2000 Jahren im Mittelmeerraum. Die Sitten und Bräuche, von denen sie sprachen, die Städte und Ortschaften, die sie erwähnten, die politischen Ereignisse, auf die anspielten - das alles war den Menschen damals bekannt; es war Teil ihrer eigenen Lebenswelt. Viele Informationen konnten daher implizit bleiben. Heute dagegen muss man diese Infos explizit machen, weil wir in einem anderen Land, zu einer anderen Zeit und in einer anderen Kultur leben.

Explizieren kommt aus dem Lateinischen und heißt ursprünglich „auseinanderfalten“. Etwas steckt sozusagen in den Falten des Gewandes. Es ist da, aber nur implizit. Man sieht es nicht, es sei denn, jemand holt es aus den Falten heraus, „expliziert“, erklärt es. Und umgekehrt bedeutet implizieren: etwas hineinfalten, es in den Falten des Gewandes verschwinden lassen, es nicht ausdrücklich zur Sprache bringen.

explizieren = sichtbar machen / ausdrücklich sagen

implizieren = verstecken / nicht ausdrücklich sagen

Ein Beispiel für Explizierung beim Übersetzen des Neuen Testaments:

In Apostelgeschichte 1 wird berichtet, wie Jesus in den Himmel hinaufgenommen wurde; die Apostel waren Augenzeugen. In Vers 12 heißt es dann ziemlich wörtlich bei der Revidierten Elberfelder:

„Da kehrten sie nach Jerusalem zurück von dem Berg, welcher Ölberg heißt, der nahe bei Jerusalem ist, einen Sabbatweg entfernt.“

Ein Sabbatweg? Was könnte das wohl sein? Die damaligen Leser wussten Bescheid: So wurde die Strecke bezeichnet, die ein Jude nach rabbinischer Gesetzesauslegung am Sabbat von seinem Wohnort aus gehen durfte, etwa 1 km. Mehr nicht, denn dann wäre es Arbeit gewesen, und am Sabbat zu arbeiten war verboten. Aber wer weiß das heute noch? Welcher deutsche Leser, 2000 Jahre später, kann sich einen Reim darauf machen? Man könnte nun natürlich eine erklärende Fußnote hinzufügen (genau das tut die Elberfelder). Nur: Nicht jeder sieht in den Fußnoten nach; der Text sollte nach Möglichkeit auch ohne sie verständlich sein. In der Neuen Genfer Übersetzung haben wir die Erklärung deshalb unmittelbar in den Text aufgenommen (allerdings nicht ohne sie als verdeutlichenden Zusatz zu kennzeichnen):

„Daraufhin kehrten die Apostel nach Jerusalem zurück; sie waren mit Jesus auf einem Hügel gewesen, der Ölberg genannt wird und nur einen Sabbatweg - etwa eine Viertelstunde - von der Stadt entfernt ist.“

Formal betrachtet, hat die Neue Genfer Übersetzung eine ganze Wendung („etwa eine Viertelstunde“) einfach dazuerfunden. Dazuerfunden? Nein; was die Wendung sagt, steht auch im Originaltext, nur eben zwischen den Zeilen, Die ursprünglichen Hörer hörten diese Information gleichsam mit, wenn sie „Sabbatweg“ hörten. Die deutschen Leser verbinden damit überhaupt nichts. Die Neue Genfer Übersetzung macht also etwas sichtbar, was implizit auch im Griechischen steht. Wenn es auf formale Übereinstimmung ankommt, ist die Elberfelder genauer - sie fügt nichts hinzu und lässt nichts weg. Aber wenn es auf den Inhalt ankommt (und darauf kommt es doch in erster Linie an!), ist die Elberfelder defizitär; sie unterschlägt ein wesentliches Stück Information. Ihre Wiedergabe des griechischen Textes wäre nur dann vollwertig, wenn der deutsche Leser genau die gleichen Kenntnisse über Sabbatwege und ähnliches mitbringen würde wie der griechische Leser. Und das ist eindeutig nicht der Fall.

(Dieses Beispiel macht unmittelbar deutlich, dass eine Übersetzung sich nicht nur am Ausgangstext orientieren darf, sondern auch die angestrebte Leserschaft im Auge haben muss. Jeder Originaltext, der in eine bestimmte Situation hinein spricht, ist adressatenbezogen. Und genauso richtet sich auch jeder übersetzte Text an ein bestimmtes Leserpublikum, und je nachdem wird der Übersetzer mehr oder weniger explizieren, wird unterschiedliche stilistische Register ziehen, wird einen einfacheren oder umfangreicheren Wortschatz gebrauchen.)

In Apostelgeschichte 12 ist von König Herodes Agrippa die Rede. Er befindet sich zunächst in Jerusalem, und in Vers 19 heißt es:

„Daraufhin ging er von Judäa nach Cäsarea und verweilte dort.“

Die damaligen Leser wussten, von wo und nach wo Herodes reiste. Judäa war ein Land und Cäsarea eine Stadt. Für sie enthielt der Text implizit (unausgesprochen) Informationen zu den beiden Ortsangaben. Aber jetzt versetzen wir uns mal in die Situation eines heutigen deutschen Lesers ohne spezielles Wissen über die geographischen Gegebenheiten des Nahen Ostens in der Antike. So, wie die beiden Ortsangaben miteinander verbunden sind, wird er vermuten, dass es sich entweder um zwei Länder oder um zwei Städte handelt. Man kann z. B. sagen: „Er reiste von Bayern nach Thüringen“ (Land-Land) oder „Er reiste von München nach Hamburg“ (Stadt-Stadt). Aber würde man sagen: „Er reiste von Bayern nach Hamburg?“ Kaum; Stadt und Land kombiniert man in der Regel nicht. Dazu kommt noch eine Schwierigkeit. Judaä war damals eine römische Provinz, und die Provinzhauptstadt war nicht etwa Jerusalem, sondern Cäsarea. Cäsarea lag in Judäa! Das wäre dann also so, wie wenn man sagen würde: „Er reiste von Graubünden nach Chur.“ Und das sagt natürlich kein Mensch. Sachlich ist die Lösung wohl darin zu suchen, dass mit Judäa gelegentlich das jüdische Kernland bezeichnet wurde, also Jerusalem und sein Umland, aber nicht Samarien und Galiläa, die ebenfalls zur Provinz Judäa gehörten. Alle diese Infos stehen hier zwischen den Zeilen; erst sie machen die Aussage sinnvoll. Wenn eine Übersetzung daher versucht, sie gewissermaßen sichtbar werden zu lassen, verfälscht sie nichts, sondern gleicht nur das Wissensdefizit auf seiten der heutigen Leser aus. Die Wiedergabe der Neuen Genfer Übersetzung lautet:

„Daraufhin verließ er Jerusalem und das judäische Umland und reiste nach Cäsarea, wo er seine Residenz hatte.“

Nun das Gegenteil, die Implizierung. Denn auch das gibt es: dass man im Deutschen weniger sagen muss als im Griechischen, dass man also Dinge, die im Griechischen ausdrücklich dastehen, im deutschen Text unsichtbar machen kann.

So stößt man im Alten und Neuen Testament immer wieder auf den Ausdruck „die Vögel des Himmels“. In Lukas 9,58 heißt es:

„Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel des Himmels ihre Nester; aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sich ausruhen kann.“

Würde sich etwas ändern, wenn man „des Himmels“ einfach weglässt? Keineswegs; die Aussage bleibt genau dieselbe. Vögel sind immer „Vögel des Himmels“ - insofern, als diese Tiere sich von der Erde lösen und fliegen können. Man verliert nichts, wenn man im Deutschen einfach von „Vögel“ spricht. Natürlich könnte man „Vögel des Himmels“ sagen, aber das ist im Deutschen unüblich. Infolgedessen würde der Leser zu spekulieren beginnen, ob hier an eine besondere Art von Vögeln gedacht ist. Das wäre dann eine typische Art von Über-Interpretation des Textes. Aber ist denn im Griechischen die Präzisierung nötig? Nicht zwingend; es gibt Stellen, wo sie unterbleibt und wo einfach von „Vögeln“ die Rede ist. Aber ich vermute, dass der hebräische bzw. griechische Ausdruck für „Vögel“ gleichzeitig ein Oberbegriff für Vögel und Geflügel ist, also etwa: „geflügelte Wesen“. Und dann ergibt die Präzisierung plötzlich einen Sinn. Denn es gibt nun mal „geflügelte Wesen am Himmel“ (das, was wir als Vögel bezeichnen) und „geflügelte Wesen auf der Erde“ (das, was wir als Geflügel bezeichnen - Hühner, Gänse, Enten etc.). Wenn das so ist, stützt sich die Auslassung von „des Himmels“ nicht nur auf unser Sprachgefühl, sondern auf ein rational nachvollziehbares Argument.

Es gibt noch etwas Drittes, was häufig nicht ausdrücklich mitgeteilt wird, sondern zwischen den Zeilen gelesen werden muss: die Absicht, die der Schreiber mit seinem Text verbindet.

Der dritte Bereich:

Was der Autor mit seinen Aussagen bewirken will
Als ich vor einiger Zeit in einem Restaurant aß, entdeckte ich zu meinem Vergnügen auf dem Tisch ein kleines Kärtchen, das in einem Klemmfuß steckte. Auf dem Kärtchen stand: „Danke, dass Sie an diesem Tisch nicht rauchen.“ Ein Dank? Nein, eine Bitte. Aber wenn der Restaurantbesitzer plump und direkt befehlen würde: „An diesem Tisch bitte nicht rauchen!“ (oder noch knapper: „Rauchen nicht erwünscht“), wären seine Kunden womöglich verärgert. Die Methode mit dem vorweggenommenen Dank ist viel erfolgversprechender!

Ein Lehrer erteilt einem fremdsprachigen Schüler Deutschunterricht. Er zeigt auf einen Tisch und sagt: „Das ist ein Tisch.“ Und der Schüler zeichnet einen Tisch in sein Heft und schreibt daneben: „Tisch.“ In der Pause geht der Lehrer ins Lehrerzimmer. Im Flur haben einige Schüler es sich rund um einen Tisch bequem gemacht. Sie haben die Beine hochgelegt; ihre dreckigen Turnschuhe liegen auf der Tischplatte. „Das ist ein Tisch“, sagt der Lehrer, und prompt nehmen die Schüler ihre Füße vom Tisch. Sie haben richtig verstanden und im gewünschten Sinn reagiert. Was der Lehrer gesagt hatte, war eben nicht einfach eine Feststellung, sondern eine Aufforderung. Er hätte auch sagen können: „Das ist ein Tisch und keine Fußbank. Bitte nehmt die Füße vom Tisch!“ Aber das wäre völlig überflüssig. Die Schüler verstehen ihn auch so. Er muss nicht mehr sagen als nötig. Andernfalls macht er sich lächerlich.

Ein Beispiel aus dem Neuen Testament: Apostelgeschichte 26,28. Der inhaftierte Apostel Paulus hat vor dem römischen Gouverneur Festus und vor dem jüdischen König Agrippa eine lange Verteidigungsrede gehalten. Zum Schluss wendet er sich unmittelbar an den König und sagt:

„König Agrippa, glaubst du den Propheten? Ich weiß, dass du ihnen glaubst!“

Da entgegnet der König (nach der Revidierten Elberfelder Übersetzung):

„In kurzem überredest du mich, ein Christ zu werden!“

Wenn man einfach nur übersetzt, was dasteht, ist die Antwort des Königs damit korrekt wiedergegeben. Der Haken ist nur: Diese Antwort klingt so, als würde Agrippa lediglich eine Feststellung machen. In Wirklichkeit bezieht er Stellung. Wahrscheinlich ist er beeindruckt von dem, was Paulus aus seinem Erleben mit Jesus berichtet hat. Möglicherweise reagiert er auch spöttisch (um sich vor einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Evangelium zu drücken). Wie auch immer - die Übersetzung sollte deutlich machen, dass wir es mit einer stark emotional gefärbten Reaktion zu tun haben. In der Neuen Genfer Übersetzung lautet die königliche Antwort so:

„Du redest so überzeugend, dass du demnächst noch einen Christen aus mir machst!“

Wenn der Autor ermutigen möchte, sollte die Übersetzung einen ermutigenden Tonfall wählen. Wenn der Autor etwas anordnet, sollten die Befehle in der Übersetzung so klar formuliert sein, dass der Leser weiß, wie er sich verhalten muss. Das ist die pragmatische Seite eines Textes, und eine genaue Übersetzung darf sie nicht unterschlagen.