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Ein Beispiel aus der deutschen Sprache

Ich weiß, das war jetzt alles ein bisschen kompliziert, ein bisschen viel Griechisch, ein bisschen viel Grammatik. Bevor wir von den sprachlichen Überlegungen zu den inhaltlichen und praktischen übergehen, hier noch ein Beispiel aus dem Deutschen, das nochmals verdeutlicht, was wir bis jetzt herausgefunden haben.

Nehmen wir an, ein gewisser Ernst Hauser, langjähriger Mitarbeiter in der Forschungsabteilung einer Firma, feiert ein Dienstjubiläum. Da könnte sein Chef z. B. folgenden Toast auf ihn ausbringen: “Mein lieber Ernst! Diese Ernsthaftigkeit, die schon in Deinem Namen zum Ausdruck kommt, hat Deiner gesamten Tätigkeit bei uns ihren Stempel aufgedrückt. Immer konnte man sich auf Dich verlassen, mit größter Gewissenhaftigkeit hast du alle Deine Aufträge ausgeführt, Nachlässigkeit und Verspätung waren Fremdwörter für Dich ...“

Hier haben wir, genau wie in Matthaus 16,18, den Übergang von einem Männernamen zu einer daran anknüpfenden Charakterisierung durch ein feminines Substantiv (Ernst - Ernsthaftigkeit). Der formale Unterschied ist sogar wesentlich größer als bei Πετρος/πετρα. Und doch ist völlig klar, daß zwischen “Ernst“ und “Ernsthaftigkeit“ hier nicht der geringste Kontrast beabsichtigt ist. Im Gegenteil, das zurückweisende “diese“ greift ausdrücklich die im Namen enthaltene Bedeutung auf und führt sie weiter aus. Wäre ein inhaltlicher Gegensatz intendiert, müßte das mit sprachlichen Mitteln sehr klar formuliert werden, etwa so: “Du heißt zwar Ernst; aber Deine Arbeit bei uns hast Du nicht mit Ernst durchgeführt, sondern mit Ernsthaftigkeit.“ Und natürlich käme dann bei den Hörern sofort die Frage auf: Was ist denn der Unterschied zwischen “Ernst“ und “Ernsthaftigkeit“? Denn die beiden Bedeutungsfelder überschneiden sich so weitgehend, daß man nicht an möglicherweise vorhandene Unterschiede denkt, sondern die beiden Begriffe als deckungsgleich empfindet.

Hätte der “Chef“ es sich und uns nicht leichter machen können, indem er zweimal “Ernst“ verwendete? “Mein lieber Ernst! Dieser Ernst, der schon in Deinem Namen zum Ausdruck kommt ...“ Sicher ginge das. Aber der Chef nimmt (vielleicht ohne sich die Gründe dafür bewußt überlegt zu haben) den Wechsel zu Recht vor. “Ernst“ tendiert leicht zu einer eher negativen Färbung (“streng“,“humorlos“); “Ernsthaftigkeit“ dagegen wird ausschließlich positiv empfunden (“zuverlässig“, “aufrichtig“) und paßt daher noch besser, um den Jubilar und seine Arbeit zu charakterisieren. Aber damit ist auch klar: Der Redner möchte mit dem Wechsel keinesfalls auf ein vermeintliches Defizit bei “Ernst“ hinweisen, sondern im Gegenteil allen negativen Nebentönen oder Hintergedanken einen Riegel vorschieben und ausschließlich das Positive hervorheben. “Ernst“ soll bei dem Toast als gleichbedeutend mit “Ernsthaftigkeit“ verstanden werden (und selbstverständlich verstehen es die Zuhörer auch so).

Übrigens wird daran auch eine sprachliche Gesetzmäßigkeit deutlich, die sogenannte Neutralisierung. Es gibt viele Wörter, deren Bedeutungen zwar nicht völlig identisch sind, die sich aber doch teilweise überschneiden. Isoliert betrachtet, haben z. B. “Bauer“ und “Farmer“ durchaus unterschiedliche Bedeutungsaspekte, und es lassen sich Kontexte denken, wo alles auf diese Unterschiede ankommt (“Wohlgemerkt, ich spreche von einem Farmer, nicht von einem Bauer; was ich berichten werde, ereignete sich also in Amerika“). Viel häufiger ist jedoch das andere der Fall: daß es keine Rolle spielt, ob ich von Bauer spreche oder von Farmer, Landwirt oder Agronom. Gemeint ist dann jedesmal dasselbe; die verschiedenen Begriffe bringen lediglich unterschiedliche stilistische Register ins Spiel. In der Regel trifft das genau dann zu, wenn jemand solche teilweise kongruenten Begriffe im selben Sachzusammenhang verwendet. Ein geübter Redner/Schreiber wechselt dann aus stilistischen Gründen von einem Begriff zum anderen, will damit aber gerade nicht Unterschiede hervorheben, sondern im Gegenteil immer dasselbe ausdrücken (und so verstehen ihn seine Hörer/Leser auch!).

Zum Beispiel kann ein Journalist die Rede eines Politikers folgendermaßen zusammenfassen: “Herr A. wies auf die Bedeutung von ... hin. Es sei unerläßlich, daß ..., erklärte er. Er sagte, man müsse ... In solchen Fällen, so meinte er, gäbe es nur eine Lösung ... Deshalb freue er sich über ..., hob er hervor. Er sei überzeugt, daß es nichts Besseres gebe als ...“ usw. Betrachtet man die vom Berichterstatter gebrauchten Verben einzeln, dann stellt man rasch fest, daß weite Teile ihres jeweiligen Bedeutungsfeldes sich stark voneinander unterscheiden. “sagen“ ist (je nach Zusammenhang!) etwas völlig anderes als “hervorheben“, “hinweisen“ etwas anderes als “erklären“, “meinen“ etwas anderes als “überzeugt sein“. Aber im angeführten Beispiel, wo alle diese Begriffe nebeneinandergestellt sind, zählt nur noch der Teil ihres Bedeutungsspektrums, den sie gemeinsam haben. Die Unterschiede heben sich gegenseitig auf; die Begriffe “neutralisieren sich“. Man könnte jeden durch jeden ersetzen, ohne daß sich an der Gesamtaussage das Geringste ändern würde. Probieren Sie es einmal aus!

Dieses Gesetz der Neutralisierung ist beim Sprechen (und Zuhören) gewissermaßen allgegenwärtig. Wir berücksichtigen es ganz automatisch, wenn wir säkulare Texte interpretieren. Aber sobald es an biblische Texte geht, “vergessen“ viele Christen ihr natürliches Sprachempfinden und interpretieren Dinge hinein bzw. lesen Dinge heraus, die sie, wenn sie den Text “normal“ angehen würde, niemals darin finden würden.

Natürlich handelt es sich bei der Bibel um Offenbarung: Gott teilt uns Dinge mit, die wir von uns aus nicht wissen. Insofern erwarten wir in der Bibel zu Recht neue, unserem Denken fremde Inhalte. Aber damit wir diese Inhalte verstehen, hat Gott sie uns in einer uns vertrauten Sprache mitgeteilt. Die Bibel ist in natürlichen, irdischen Sprachen verfaßt; sie respektiert die Gesetzmäßigkeiten der Sprache. Und gerade damit baut sie uns Menschen eine Brücke zu den Gedanken Gottes.