Der Abenteurer Paulus - Karriereknick

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Karriereknick

In Apostelgeschichte 22 schildert Paulus der Volksmenge seine Umkehr zu Jesus: Auf dem Weg nach Damaskus - plötzlich vom Himmel her ein unbeschreiblich helles Licht - Paulus stürzt geblendet zu Boden - er hört eine Stimme: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ - er fragt zurück: „Wer bist du, Herr?“ und hört die Antwort: „Ich bin Jesus von Nazaret.“

Vor Damaskus hat Paulus sein Damaskus erlebt. Hier haben wir den Karriereknick im Leben dieses großen Mannes. Und was für ein Knick das war! Ein regelrechter Absturz, das totale Desaster! Paulus war nach dieser Begegnung nicht nur geknickt; er war am Boden zerstört, blind, hilflos, ratlos, am Ende.

Eben noch war er geachtet und gefürchtet, der starke Mann der jüdischen Regierung, der mit unerbittlicher Härte gegen die Jesusleute vorging. In sämtlichen Synagogen von Jerusalem spürte er die Christen auf und brachte sie ins Gefängnis, und wenn man beschloß, sie zu töten, stimmte er ausdrücklich zu. Immer weiter dehnte er seine Kreise aus: bis in die Städte außerhalb von Judäa verfolgte er sie, und jetzt war er sogar nach Damaskus unterwegs, der Hauptstadt von Syrien, ausgestattet mit allen nötigen Vollmachten des jüdischen Gerichtshofs und begleitet von ein Schar von Helfershelfern. Alle Christen zitterten vor ihm!

Und dann der Karriereknick, das jähe Ende: „Warum verfolgst du mich?“ - „Was soll ich tun?“ - „Tu, was ich dir sage!“ Paulus muß sich an der Hand nehmen und nach Damaskus führen lassen und wird erleben, daß ausgerechnet Christen ihm dort zurechthelfen. Christus nimmt - so könnte man sagen - Paulus gefangen, ehe Paulus die Christen gefangennimmt. Was für eine Demütigung, was für ein Gesichtsverlust!

Übrigens: Diese Frage, mit der Jesus Paulus anspricht, ist einfach genial - genial einfach und genial tiefgründig. Für Paulus stand bisher fest: Jesus ist tot, am Kreuz gestorben, begraben, aus. Wenn jemand behauptete, Jesus sei der Messias, dann war das eine Gotteslästerung, die zu Gottes Ehre mit allen Mitteln bekämpft werden mußte. Und jetzt hört Paulus diesen totgeglaubten Jesus zu ihm sprechen. Die Stimme liefert den Gegenbeweis: Jesus lebt, und daher ist er der Messias. Die bloße Tatsache, daß Jesus mit ihm spricht, zertrümmert die gesamte Ideologie des Paulus, das falsche Bild, das er sich zurechtgezimmert hatte. Mit einem Mal ist seine Grundüberzeugung dahin, ist der Motor abgewürgt, der ihn bisher antrieb; seine ganze Theologie liegt in Scherben. Was er getan hat, stellt sich als verkehrt heraus. Er meinte, ganz nah bei Gott zu sein, und war ihm in Wirklichkeit davongelaufen.

Und noch etwas wird Paulus durch die Frage Jesu klar: Sein Kampf gegen die Christen ist ein aussichtsloser Kampf. „Warum verfolgst du mich?“ sagt Jesus. Wer die Christen verfolgt, verfolgt Christus. Und deshalb wird Paulus die Gemeinde niemals kleinkriegen; Jesus stellt sich hinter sie und schützt sie mit seiner ganzen Macht. Es wird dem Wolf niemals gelingen, die Schafherde auszurotten. Und wie Paulus das begreift, wechselt er die Fronten. Er schließt sich dem Hirten an, dessen Schafe den Wolf überwinden.

Wissen Sie, was ich denken mußte, als ich diese Begebenheit las? Eigentlich bringt uns jede Begegnung mit Jesus einen Karriereknick! Natürlich nicht jedesmal in so großem Maßstab wie damals bei Paulus, aber doch. Jedesmal, wenn wir uns den Aussagen der Bibel stellen, jedesmal, wenn wir uns im Gebet in die Nähe Gottes wagen, werden eigene Werte als wertlos entlarvt, werden eigene Pläne auf den Kopf gestellt, werden eigene Verhaltensweisen als zerstörerisch aufgedeckt. Bei jeder Begegnung mit ihm will uns Jesus ein kleines Bißchen mehr ihm ähnlich machen, und das bringt jedesmal auch eine Korrektur unserer Lebensführung mit sich, einen kleinen oder größeren Knick für unsere karrieresüchtigen Ideen und Wünsche.

Bei Paulus war die ganze Existenz zerbrochen. Alles, wofür er so leidenschaftlich gekämpft hatte, war ihm aus den Händen geschlagen. Aber jetzt kommt das Unglaubliche: Jesus zertritt ihn nicht, er zerstört sein so sinnlos gewordenes Leben nicht. Im Gegenteil: Er nimmt diese zerbrochene Existenz und stellt sie in seinen Dienst. Mehr noch: Er macht Paulus zu seinem leitenden Angestellten, zum Chefunterhändler. Stellen Sie sich das vor! Wenn in einer Firma rauskommt, daß jemand jahrelang gegen den Chef gearbeitet hat, dann wird dieser Jemand auf der Stelle entlassen, und er kann von Glück reden, wenn er nicht noch strafrechtlich verfolgt wird. Aber hier bei Jesus geht es Paulus komplett anders: Er wird neu eingestellt, an einem anderen Posten, mit höherer Verantwortung als bisher. So ist Gott, so gut, so freundlich. Seine besten Jahre hatte Paulus noch vor sich. Wäre er ein Christenverfolger geblieben, kein Mensch würde sich heute noch an ihn erinnern. So aber ist er der große Paulus geworden, der Völkerapostel, der Lehrer der Nationen. Der Karriereknick war nicht das Karriereende; jetzt ging seine Karriere erst richtig los!