Über den eigenen Schatten springen - ... und im Blick auf Gottes Volk

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Über den eigenen Schatten springen
Eine unwillkommene Einladung
Petrus muss über den Graben geschubst werden
Warum gerade Petrus?
Das große Umdenken ...
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... und im Blick auf Gottes Volk
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... und im Blick auf Gottes Volk

Die andere Frage, die sich mit der Bekehrung des Kornelius zum ersten Mal ganz massiv stellt: Wo ist denn jetzt das Volk Gottes zu finden? Bisher war Israel das erwählte Volk. Und sämtliche Christen waren gleichzeitig Juden. Scheinbar gab es da kein Problem. Aber seit Kornelius gibt es mit einem Mal Leute, die sind keine Juden und sind trotzdem vollwertige Christen und also auch vollwertige Mitglieder des Volkes Gottes - Römer, Griechen, Araber, Germanen, Helveter, Chinesen, Japaner, Indianer, Afrikaner. Plötzlich ist Christ nicht mehr automatisch gleich Jude. Plötzlich ist Volk Gottes nicht mehr automatisch gleich Volk Israel. Aber wie sieht denn dieses neugestaltete Volk Gottes jetzt aus? Wo ist es zu suchen? Die Antwort, so revolutionär sie den ersten jüdischen Christen vorkommen mußte, ist ganz einfach: Das Volk Gottes ist ab jetzt ein Volk aus vielen Völkern. Jesus hat, um das zu veranschaulichen, von einer Schafherde gesprochen. „Ich bin der gute Hirte“, sagt er in Johannes 10. „Ich kenne meine Schafe, und meine Schafe kennen mich ... Ich habe auch noch Schafe, die nicht aus diesem Stall sind (nämlich aus Israel). Auch sie muß ich herführen; sie werden auf meine Stimme hören, und alle werden eine Herde unter einem Hirten sein“ (Johannes 10,14.16). Eine Herde mit Schafen aus verschiedenen Ställen; ein Volk aus vielen Völkern. Paulus verwendet im Römerbrief ebenfalls ein Bild; er vergleicht Israel mit einem Ölbaum. „Einige Zweige hat Gott ausgebrochen“, sagt er - nämlich die Juden, die nicht an Jesus glauben wollten. Dafür hat Gott „Zweige von einem wilden Ölbaum eingepfropft“ (Römer 11,17) - nämlich die Nichtjuden, die bereit waren, ihr Leben Jesus zu unterstellen. Ein Ölbaum mit Zweigen verschiedenster Herkunft; ein Volk aus vielen Völkern.
Gott hat das von langer Hand vorbereitet. Es stimmt, in alttestamentlicher Zeit hat er ein Volk erwählt. Für die Israeliten war das das letzte Wort, der Schlußstein in Gottes Plan. Ihre Erwählung machte sie stolz. Ihre Erwählung führte dazu, daß sie sich von allen anderen Völkern abgrenzten. Dabei hatte Gott sich die Konzentration auf ein Volk nur als Zwischenstation gedacht, als Sprungbrett für einen viel umfassenderen Plan: alle Völker zu erreichen. Schließlich sind alle Menschen Gottes Geschöpfe; alle sind ihm gleich lieb und gleich wichtig. Und wenn man das Alte Testament aufmerksam liest, entdeckt man viele verstreute Hinweise auf dieses größere Ziel. Es ist, als hätte Gott - verzeihen Sie das kriegerische Bild - eine Zündschnur gelegt. Immer wieder gibt er einen Hinweis auf sein weltumspannendes Ziel, immer weiter frißt sich das Feuer an der Schnur. Das geht los bei Abraham, zu dem Gott sagt: „Durch dich sollen alle Völker der Erde gesegnet werden“ (1. Mose 12,3). Und weiter frißt sich das Feuer, bis zu Jesaja, der ankündigt: „Der Herr wird die Erde segnen mit den Worten: Gesegnet ist Ägypten, mein Volk! Gesegnet ist Assyrien, das ich geschaffen habe! Gesegnet ist Israel, mein Eigentum!“ (19,25). Und dann kommt der Missionsbefehl von Jesus; jetzt ist das Feuer schon ganz nah beim Dynamit angelangt: „Geht zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinen Jüngern!“ (Matthäus 28,19). Und dann endlich, hier, im Haus des Kornelius, bringt Petrus den Sprengsatz zum Explodieren. Jetzt ist der entscheidende Schritt gemacht; jetzt sind die einengenden Fesseln endgültig weggesprengt. Jetzt ist der Weg freigesprengt für eine Gemeinde aus Juden und Nichtjuden.
Dem entspricht haargenau, was Johannes im letzten Buch der Bibel schildert: „Ich sah eine riesige Menschenmenge aus allen Stämmen und Völkern, Menschen aller Sprachen und Kulturen; es waren so viele, daß niemand sie zählen konnte. In weiße Gewänder gehüllt, standen sie vor dem Thron Gottes und vor dem Lamm“ (Offenbarung 7,9). (Das Tuch, das Petrus in seiner Vision gesehen hat, das Tuch vom Himmel mit den reinen und unreinen Tieren, ist letztlich nichts anderes als ein Bild für die Gemeinde Jesu, die Gemeinde aus Juden und Nichtjuden.)
Johannes sieht voraus, daß es einmal so kommen wird. Aber damals, als Petrus die Einladung von Kornelius annahm, ahnten wohl die wenigsten, was für eine Lawine er damit lostrat. Sie hielten es vielleicht eher für eine Ausnahme, einen Einzelfall. Schließlich waren bis dahin 99,9 Prozent aller Christen Juden. Wer so dachte, hatte sich ganz schön getäuscht! Indem Petrus die Tür zu Kornelius‘ Haus öffnete, stieß er ein Scheunentor auf, durch das die Heiden nur so hereinströmten. Innerhalb weniger Jahre gab es im ganzen Mittelmeerraum zahlreiche christliche Gemeinden, und überall waren die Nichtjuden in der Mehrzahl. Ja, es ging nur wenige Jahrzehnte, da hatte sich das Zahlenverhältnis völlig auf den Kopf gestellt. Für uns ist selbstverständlich, daß es in der Schweiz Christen gibt und in Deutschland und England und Amerika; Christen in Israel dagegen sind die große Ausnahme (aber zum Glück gibt es auch davon neuerdings mehr und mehr).
Ein Volk aus vielen Völkern - ist das nicht großartig? Daß es dazu kam, verdanken wir der Begebenheit, die Lukas uns in Apostelgeschichte 10 berichtet. Ich glaube, ich weiß auch, warum Lukas das so ausführlich schildert - nicht nur, weil er begriffen hatte, was für ein Sprengsatz da gezündet wurde, sondern auch, weil er ganz persönlich betroffen war. Lukas war kein Jude! Von allen Schreibern des Neuen Testaments ist Lukas der einzige Nichtjude! Dieser Begebenheit verdankt er alles, die Vergebung seiner Schuld, sein neues Leben, seine Hoffnung, seinen Frieden. Immer wieder wird er sich gesagt haben: Was wäre aus mir geworden, wenn Kornelius Petrus nicht zu sich eingeladen hätte? Was wäre aus mir geworden, wenn Gott Petrus nicht geschubst hätte, wieder und wieder? Was wäre aus mir geworden, wenn Petrus schließlich nicht bereit gewesen wäre, über den Graben und über seinen eigenen Schatten zu springen und über die Schwelle von Kornelius‘ Haus zu treten? Ein kleiner Schritt für diesen einen Menschen; ein großer, revolutionärer Schritt für die Gemeinde Jesu und für die ganze Menschheit. Gott sei Dank, daß Petrus ihn gemacht hat!