Eine Sternstunde im Leben des Thomas - Ein Gott zum Anfassen

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Ein Gott zum Anfassen

Und dann steht mit einem Mal tatsächlich wieder Jesus im Kreis seiner Jünger. Er tritt ein, ob­wohl die Türen verschlossen sind. Er grüßt sie: „Friede sei mit euch!“ Und dann wendet er sich an Thomas persönlich. Eigentlich ist er dieses zweite Mal ja nur seinetwegen gekommen. Die bloße Tatsache, daß sich alles genauso abspielt wie vor einer Woche, hat mit Thomas zu tun. Es ist, als wollte Jesus ihm sagen: Sieh mal, deine Kollegen haben sich nicht getäuscht, sie ha­ben sich da nicht etwas eingebildet. Es war alles genauso, wie du es jetzt selbst erlebst.

In dieser kleinen nachösterlichen Begebenheit wird etwas deutlich, was wir immer wieder in den Evangelienberichten entdecken: Jesus hat nicht nur die große Masse und die großen Ziele vor Augen, er kümmert sich um einzelne Menschen. Er sieht die ganze Welt, aber er übersieht deswegen nicht die einzelne Person. Er liebt alle, und er liebt jeden. (Ich glaube, Jesus ist es nie passiert, daß er vor lauter Wald keine Bäume mehr sah.) Jesus läßt niemand links liegen, nur um seine weltumspannenden Ziele nicht zu gefährden. Er geht nicht über Leichen. Er hat jeden ganz persönlich lieb - so lieb, daß er gar nicht anders kann, als sich dem zuzuwenden, der ihn gerade nötig hat. Und das ist in unserer Geschichte Thomas.

Wie sehr Jesus Thomas lieb hat und wie sehr er ihm helfen möchte, sehen wir auch an dem, was er zu ihm sagt: „Leg deinen Finger auf dieses Stelle hier und sieh dir meine Hände an! Reich deine Hand her und leg sie in meine Seite!“ (V. 27). Jemand hat diese Aufforderung ei­nen der liebevollsten Sätze der ganzen Bibel genannt. Nicht, man könnte sich ja vorstellen, daß Jesus herrisch auftritt, daß er sich unnahbar gibt, überlegen: Mich berühren willst du? Eine Unverschämtheit! Sei froh, daß ich mich von dir sehen lasse! Das muß dir genügen, um zu glauben. - Ich vermute, eine solche Reaktion hätte in Thomas etwas zerbrochen; die vertrau­ensvolle Beziehung zu Jesus, die in all den Jahren mit ihm aufgebaut worden war, wäre mit einem Schlag zerstört gewesen. Nein, Jesus kanzelt ihn nicht ab, er stellt ihn nicht bloß. Er versteht nur zu gut, wie schwierig es ist, etwas zu begreifen, was noch nie vorher geschah, und weiß, wie wichtig es ist, jeden Zweifel auszuräumen. Jesus, der auferstandene, erhöhte Gottes­sohn, macht sich noch einmal zu einem Mensch unter Menschen: Komm, du darfst mich berüh­ren!

Übrigens: Woher wußte Jesus denn, daß Thomas seine Wundmale berühren wollte? Hat Tho­mas seine Forderung ihm gegenüber wiederholt? Haben die anderen Jünger sie verraten? Sicher nicht. Jesus wußte es, weil er dabeigewesen war, als Thomas die Forderung stellte - unsichtbar zugegen. Thomas muß es heiß und kalt geworden sein: Da diskutiere ich mit den anderen und weigere mich kategorisch, an Jesu Auferstehung zu glauben, und er steht daneben und hört sich Wort für Wort von meinem dummen Geschwätz an! So nah war mir Jesus gerade in dem Augenblick, als ich abstritt, daß es ihn überhaupt noch gibt! Ich dachte, Jesus sei definitiv in der Versenkung verschwunden, in endloser Ferne - und in Wirklichkeit war er mir näher als mein eigenes Hemd! Daß Jesus alles mitgekriegt hat, das allein hätte genügt, um Thomas von Jesu Lebendigkeit und Göttlichkeit zu überzeugen. Die Jünger sagten einmal: „Du kennst un­sere Fragen, bevor wir sie dir stellen. Darum glauben wir, daß du von Gott gekommen bist“ (Joh. 16,30). Genauso ist es Thomas hier ergangen.

Hier wird also so ganz nebenbei deutlich, daß Jesus Gott ist. Er weiß alles. Er ist überall. Als der Auferstandene unterliegt er keinen Einschränkungen mehr. Er hörte zu, als Thomas so ent­rüstet ablehnte, seine Auferstehung für wahr zu halten, und hat sich überlegt, wie er es am be­sten anstellen könnte, um Thomas für sich zu gewinnen. Er hört auch zu, wenn wir Zweifel äu­ßern oder Ärger; er sieht, wann wir am Ende sind mit unserem Latein. Und er wendet sich dann nicht empört von uns ab, sondern versucht jedesmal alles, um uns seine Liebe zu zeigen und unser Vertrauen zurückzugewinnen. Er war bei Thomas genau in den Tagen, als dieser sich total im Stich gelassen vorkam, und er ist bei uns, auch wenn wir uns völlig allein vor­kommen.