Gebet – das Kennzeichen eines Christen - Die Geschichte des Gebets: Bitten und Danken

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Gebet – das Kennzeichen eines Christen
Das Gebet und der Heilige Geist
Beten heißt: die Beziehung zu Gott pflegen
Die Geschichte des Gebets: Bitten und Danken
Zwei Auswirkungen
Ein Mustergebet als Gebetsmuster: “Abba, Vater!“
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Die Geschichte des Gebets: Bitten und Danken

Also: Beten dient - wie alles Reden - dazu, einen Kontakt herzustellen bzw. einen Kontakt aufrechtzuerhalten. Das ist so ganz unabhängig davon, worüber man im einzelnen redet. Gehen wir einen Schritt weiter, fragen wir jetzt nach dem Inhalt des Gebets. Was tun Sie ganz konkret, wenn Sie beten? Es sind in den allermeisten Fällen zwei Dinge: Sie bitten Gott um etwas, oder sie danken Gott für etwas. Das sind die beiden Vorgänge, die das Beten kennzeichnen: Bitte und Dank.

Man könnte auch sagen: Jedes Gebet hat seine ganz persönliche Geschichte. Es fängt mit dem Bitten an und schließt mit dem Danken ab. Sehen wir uns diese Geschichte mal etwas genauer an.

a) Am Anfang: die Bitte

Es beginnt, habe ich gerade gesagt, mit einer Bitte. Eigentlich beginnt es noch vor der Bitte. Nicht jeder wendet sich mit seinen Anliegen an Gott. Damit jemand das tut, müssen drei Voraussetzungen erfüllt sein. Wer Gott um etwas bittet, bei dem ist dreierlei passiert.

Drei Voraussetzungen

Erstens: Er hat begriffen, dass er alleine nicht zurecht kommt, sondern auf andere angewiesen ist. Er hat sich seine Armut eingestanden, seine Hilflosigkeit, seine Schwäche. Er hat aufgehört, den starken Maxe zu markieren, und hat akzeptiert, dass er nicht die nötige Kraft, die nötige Weisheit, die nötige Liebe hat, um in den schwierigen Situationen des Lebens zu bestehen. Er hat die Illusion begraben, selbständig und unabhängig durchs Leben gehen zu können. Er sieht seine Hände an und ist ehrlich genug, zuzugeben, dass sie leer sind. Wer meint, seine Hände sind voll, der wird doch nicht zu einem anderen gehen und ihn um etwas bitten! Wer sich stark vorkommt und klug und barmherzig, der trinkt aus seiner eigenen Quelle. Er braucht keine Hilfe von außen. Er ist ein Selfmademan. Wissen Sie, was ein Christ und ein Selfmademan gemeinsam haben? Beide lieben ihren Schöpfer über alles! Aber genau das ist es natürlich auch, was sie trennt. Der Christ weiß, dass sein Schöpfer der wahre und lebendige Gott ist. Der Selfmademan dagegen hat sich, wie das Wort sagt, selber gemacht, er ist sein eigener Schöpfer, und den bewundert und verehrt er. Auf Gott kann er locker verzichten. Aber wer einsieht, dass es ihm an allen Ecken und Enden an grundlegenden Dingen fehlt, der wird bereit, sich an seinen eigentlichen Schöpfer zu wenden; er wird Gott um Hilfe bitten.

Was haben ein Christ und ein Selfmademan gemeinsam?

Beide lieben ihren Schöpfer über alles.

Zweitens: Wer Gott um etwas bittet, ist bereit, sich helfen zu lassen. Soo selbstverständlich ist das keineswegs. Nicht jeder, der merkt, dass er auf dem Holzweg ist, macht kehrt. Nicht jeder, der feststellt, dass seine Taschen leer sind, ist bereit, sie sich von jemand anders füllen zu lassen. Es genügt nicht, seine Hilflosigkeit zu begreifen; man muss auch seinen Stolz an den Nagel hängen. Man darf die leeren Hände nicht in der Tasche verstecken, sondern muss sie hervorholen und dem anderen hinstrecken - leer wie sie sind. Wer sich im Gebet an Gott wendet, signalisiert damit seine Bereitschaft, sich helfen zu lassen.

Drittens: Wer Gott um etwas bittet, gibt damit zu verstehen, dass er von Gottes Größe und Macht überzeugt ist, von Gottes Reichtum und Liebe. Wer Geld braucht, wird sich nicht an einen Bettler wenden, sondern an einen Fabrikbesitzer. Wer sich an Gott wendet, rechnet damit, dass Gott ihm die leeren Hände füllen kann und füllen will. Gott kann sie füllen, weil er unendlich reich ist. Gott will sie füllen, weil er uns unendlich lieb hat. Gott hat die Möglichkeit, uns zu helfen, und er hat die Bereitschaft, uns zu helfen.

Das sind also die drei Voraussetzungen dafür, dass jemand sich mit einer Bitte an Gott wendet:

Wer bittet
  • weiß, dass er allein nicht zurecht kommt
  • ist bereit, sich helfen zu lassen
  • ist überzeugt, dass Gott helfen kann und helfen will
Es gibt wohl kaum etwas, was unser Stellung gegenüber Gott besser zum Ausdruck bringt als das bittende Gebet. Zunächst stehen wir mit leeren Händen da. So sind wir: Wir können nicht aus eigener Kraft ein sinnvolles Leben führen. Nun strecken wir diese Hände Gott entgegen. Damit zeigen wir Gott, dass wir ihn als Gott erkannt haben. Wir vertrauen darauf, dass er uns die Hände füllt. Und schließlich erweist sich Gott als Gott und gibt uns alles, was wir brauchen - großzügig und liebevoll. Unser Bitten macht uns ganz klein: Wir brauchen Hilfe. Unser Bitten macht Gott ganz groß: Er gewährt uns Hilfe. Und dadurch macht unser Bitten am Ende auch uns ganz groß: Wir bekommen Hilfe. Gott tut uns Gutes. Er holt uns an seine Seite. Er behandelt uns wie Menschen, die seine Nähe verdient haben.

Bitten macht uns klein (wir brauchen Hilfe)

Bitten macht Gott groß (er gewährt uns Hilfe)

Bitten macht uns groß (wir bekommen Hilfe)

b) Am Ende: der Dank

Die Geschichte des Gebets fängt mit dem Bitten an, und sie schließt mit dem Danken. Der Dank ist das i-Tüpfelchen. Indem wir danken, bekennen wir, dass wir uns in Gott nicht getäuscht haben, sondern dass er wirklich der große Helfer ist. Alles Beten soll letztlich in Dank münden.

„Dankt Gott, dem Vater, immer und für alles im Namen von Jesus Christus, unserem Herrn.“ Epheser 5,20

„Wendet euch in jeder Lage mit Bitten und Flehen und voll Dankbarkeit an Gott und bringt eure Anliegen vor ihn.“ Philipper 4,6

„Dankt Gott in jeder Lage! Das ist es, was er von euch will und was er euch durch Jesus Christus möglich gemacht hat.“ 1. Thessalonicher 5,18

Fällt Ihnen an diesen drei Versen etwas auf? Es handelt sich um Befehle! Der Dank wird uns nicht nur empfohlen, er wird uns befohlen. Merkwürdig. Versteht sich Danken denn nicht von selbst? Wenn man was Tolles geschenkt bekommen hat, dankt man dann nicht ganz automatisch? Offensichtlich nicht! Ein älterer Christ sagte mir einmal, als ich ihn besuchte: „Wissen Sie, was mich schmerzt? Da unterstütze ich schon lange Zeit eine ganze Reihe Missionare, und kaum einmal äußert sich jemand dankbar dafür. Ist das denn alles selbstverständlich? Meinem Neffen, der auch in der Mission ist, schicke ich seit vielen Jahren monatlich Geld. Meinen Sie, der hätte sich auch nur ein einziges Mal dafür bedankt? Jetzt ist er zu Besuch bei mir gewesen. Aber von der Unterstützung - kein Wort! So was tut weh.“

Danken fällt schwer. Die Bibel muss uns zum Danken regelrecht auffordern. Denken Sie an die Geschichte, die ich zu Beginn vorgelesen habe - die Heilung der zehn Aussätzigen durch Jesus. Zehnmal Aussatz, zehnmal eine schreckliche, entstellende Hautkrankheit, zehnmal Ausgestoßensein aus der menschlichen Gesellschaft, zehnmal Leben in weiter Entfernung von allen Familienangehörigen und Freunden. Was für ein elendes, hoffnungsloses Dasein! Und dann kommt Jesus. Das ist ihre Chance: „Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!“ Die Bitte. Die leeren Hände. Jesus schickt sie zu den Priestern: „Geht und zeigt euch ihnen!“ Die Priester waren so etwas wie die Gesundheitsbehörde. Wenn ein Aussätziger wieder gesund wurde, durfte er nicht sofort in sein Dorf oder seine Stadt zurück; erst musste der zuständige Priester ihn untersuchen und die Heilung bestätigen. Die Zehn machen sich auf den Weg. Als sie losgehen, sind sie noch krank. Als sie ankommen, sind sie gesund! Dem Priester bleibt nur noch, die Heilung zu konstatieren. Was für ein Wunder! Was für eine Befreiung! Kein von der Krankheit zerfressener Körper mehr. Wieder nach Hause dürfen zu Frau und Kindern, zu Freunden und Verwandten! Die Erhörung. Die gefüllten Hände. Wenn das kein Grund zum Danken ist! Zehn Männer kommen zu Jesus zurückgerannt, werfen sich vor ihm zu Boden, jubeln und danken. Wirklich zehn? Einer kommt zurück, ein einziger - und ausgerechnet der Fremde, der Samaritaner. 10 Prozent Dank, 90 Prozent Undank. „Sind denn nicht alle zehn gesund geworden?“ sagt Jesus. „Wo sind die anderen neun? Ist es keinem außer diesem Fremden in den Sinn gekommen, zurückzukehren und Gott die Ehre zu geben?“
Die zehn Aussätzigen:
  • 10mal die Bitte
  • 10mal die Erhörung
  • 1mal der Dank
Warum fällt uns das Danken nur so schwer? Hat es mit Vergesslichkeit zu tun? Hat es mit Stolz zu tun? Ich erinnere mich an ein kleines Erlebnis aus meiner Studentenzeit. Ich wohnte damals mit einigen anderen Kommilitionen zusammen in einer WG. Vor mir stand ein Prüfungstermin, eine schwierige und wichtige Prüfung. Wir beteten zusammen, dass Gott mir helfen möge, das Examen zu bestehen. Dann kam die Prüfung, und ich bestand sie - noch dazu mit ziemlich guten Noten. Ich radelte in meine WG zurück - total erleichtert und glücklich und wohl auch ein bisschen stolz, ein bisschen zu stolz. „Wie ist es dir ergangen?“ wollten die anderen wissen, und ich berichtete. Und dann sagte einer: „Komm, wir wollen Jesus danken, dass er dir so geholfen hat!“ Ich spüre heute noch den kleinen Stich, den mir das gab. Warum gratuliert er mir denn nicht, wie sich das gehört? Warum verliert er nicht ein einziges Wort über meine tolle Leistung? Warum klopft er mir nicht wenigstens anerkennend auf die Schulter? Statt dessen sagt er: Kommt, wir wollen Jesus auf die Schulter klopfen! Und ich weiß noch, wie es mir im selben Moment wie Schuppen von den Augen fiel: Er hat ja so was von recht! Im Vorfeld der Prüfung haben wir Jesus gemeinsam um seine Hilfe gebeten. Also war es Jesus, der mich bestehen ließ. Also ist es mehr als angebracht, wenn wir uns jetzt gemeinsam bei Jesus bedanken!

„Was bringt dich dazu, so überheblich zu sein? Ist nicht alles, was du hast, ein Geschenk Gottes? Wenn es dir aber geschenkt wurde, warum prahlst du dann damit, als hättest du es dir selbst zu verdanken?“ 1. Korinther 4,7