„Konfliktbewältigung“ - I. Die Personen - 1. Paulus, Apostel und Gefangener

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„Konfliktbewältigung“
Der Brief des Apostels Paulus an Philemon
I. Die Personen - 1. Paulus, Apostel und Gefangener
II. Das Dilemma
III. Wege zur Konfliktbewältigung
IV. Konflikt gelöst?
V. Taktik ist kein Tabu
Neutestamentliche Texte zur Sklavenfrage
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I. Die Personen

Fangen wir mit den drei Männern an, um die es in unserem Brief geht.

1. Paulus, Apostel und Gefangener

Da ist als erstes der Absender, Paulus. Von dem wissen wir natürlich tausend Dinge - aus seinen anderen Briefen und vor allem aus der Apostelgeschichte. Paulus war von Beruf Apostel, aber keiner von den Zwölf, sondern sozusagen ein Nachzügler, ein Spätberufener. Die Zwölf haben Jesus drei Jahre lang begleitet, während er hier auf der Erde lebte. Dem Paulus dagegen ist Jesus erst nach seiner Auferstehung erschienen, vor Damaskus, in einem dramatischen Bekehrungserlebnis. Die Zwölf sollten die Botschaft von Jesus unter ihrem eigenen Volk verkünden. Paulus dagegen hat den speziellen und riesigen Auftrag erhalten, das Evangelium zu den anderen Völkern zu bringen, zu den Griechen und Römern, zu allen Nichtjuden. Paulus, der Völkerapostel. Paulus, der Heidenmissionar.

Aber von dem allem erfahren wir im Philemonbrief nichts. Hier wird uns nur ein einziger Umstand mitgeteilt: nämlich dass Paulus sich im Gefängnis befindet. So stellt Paulus sich gleich zu Anfang vor: „Paulus, für sein Bekenntnis zu Jesus Christus im Gefängnis.“ Und darauf weist er in diesem kleinen Brief noch weitere vier Mal hin (Verse 9.10.13.23). Paulus im Gefängnis - wo war das? Wann war das? Wenn wir nur den Philemonbrief hätten, müssten diese Fragen offenbleiben. Aber wenn man die anderen Briefe und die Apostelgeschichte zu Rate zieht, wird klar: Paulus ist in Rom inhaftiert und schreibt diesen Brief etwa im Jahr 60 n. Chr. In Apostelgeschichte 28 wird Genaueres über diese Gefangenschaft berichtet. Paulus befand sich demnach in einer Art Untersuchungshaft; er wartete auf seinen Prozess vor dem römischen Kaiser, der darüber urteilen sollte, ob Paulus etwas Todeswürdiges tat, wenn er das Evangelium verkündete. Paulus hatte für diese vorprozessurale Zeit eine Wohnung gemietet, in der er zwar ständig an einen römischen Soldaten angekettet war, aber doch Besucher empfangen durfte. Einer dieser Besucher war der Sklave Onesimus.

2. Philemon, Christ und Sklavenhalter

Damit sind wir bei der zweiten Person: dem Sklavenhalter Philemon. Was wissen wir von ihm?

(a) Philemon lebte in der Stadt Kolossä in der römischen Provinz Asia (die heutige Türkei). Das geht jetzt auch wieder nicht aus dem Philemonbrief hervor, sondern aus dem Kolosserbrief - Kapitel 4,9.

(b) Philemon war wohlhabend: Er besaß ein eigenes großes Haus, in dem sich die Christen von Kolossä (oder doch wenigstens ein Teil von ihnen) für ihre Zusammenkünfte trafen (Vers 2: „die Gemeinde, die in deinem Haus zusammenkommt“). Er konnte jederzeit ein Gästezimmer bereitstellen (Vers 22: „Ich bitte dich, mir eine Unterkunft bereitzuhalten.“). Und er hatte Sklaven, die für ihn arbeiteten. Onesimus war sicher nicht der einzige (sonst wäre der Verlust für Philemon noch viel gravierender gewesen, als Paulus es beschreibt).

(c) Philemon war ein Christ. Zweimal nennt Paulus ihn einen „Bruder“ (Verse 7 und 20), also ein Mitglied in Gottes Familie, und er dankt Gott ausdrücklich und ausführlich für Philemons Glauben an Jesus Christus (Verse 4+5).

(d) Philemon hatte durch Paulus zum Glauben an Jesus gefunden. In Vers 19 deutet Paulus das so gerade mal an: „Du schuldest mir etwas - nämlich dich selbst“, m. a. W.: Du verdankst mir dein Leben, dein neues Leben als Christ. Wann und wo waren sich die beiden begegnet? Da können wir nur raten. In Kolossä war es jedenfalls nicht; der Kolosserbrief macht deutlich, dass Paulus (zumindest bis dahin) nicht in dieser Stadt gewesen ist (Kolosser 2,1). Ein Mitarbeiter von ihm - Epaphras -, der selber aus Kolossä stammte, hat dort evangelisiert und die Gemeinde gegründet. Wahrscheinlich war Philemon ein erfolgreicher Geschäftsmann und als solcher viel auf Reisen, und da ist er sicher auch nach Ephesus gekommen. Ephesus lag nicht allzu weit von Kolossä entfernt und war für Paulus volle drei Jahre lang die Missionszentrale gewesen. Da kann man sich lebhaft vorstellen, dass Philemon einmal miterlebt hat, wie Paulus in der Fußgängerzone, auf dem Marktplatz oder in einer Schule von Jesus erzählte. Und das hat Gott benutzt, um ihm das Herz zu öffnen und ihn zu seinem Kind zu machen.

(e) Philemon war aktiv für das Evangelium tätig. Paulus nennt ihn seinen „Mitarbeiter“ (Vers 1), also jemand, der ihm hilft, die Botschaft von Jesus weiterzugeben. Paulus und Philemon haben Seite an Seite für Gottes Sache gekämpft, und daraus ist eine tiefe Freundschaft entstanden. Paulus geht so weit, dass er dieses Arbeitsverhältnis umdreht und sagt: Ich bin dein Mitarbeiter (Vers 17); ich unterstütze dich bei deinem Einsatz für Jesus! Er tut so, als sei Philemon in Sachen Evangelisation die Hauptperson und er, Paulus, nur sein Handlanger. So hoch hat er ihn geschätzt. Vielleicht fungierte Philemon als Kontaktperson zwischen Paulus und den Christen von Kolossä. Wahrscheinlich war er der Leiter seiner Hausgemeinde. Und ganz sicher hat er vielen Christen viel Gutes getan (Verse 5-7). Philemon redete nicht nur von der Liebe, er praktizierte sie auch. Er war ein ganzer Christ - ein Christ mit dem Herzen und mit Händen und Füßen.

3. Onesimus, Sklave des Philemon und Kind des Paulus

Schließlich noch zur dritten Hauptperson, zu dem Sklaven Onesimus.

(a) Onesimus gehört sozusagen zum Hausrat des Philemon. Sklaven waren nach römischem Recht Teil des Besitzes; sie waren rechtlich gesehen nicht höher gestellt als ein Rind oder ein Schaf oder als ein Tisch oder ein Schrank. Ihr Besitzer hatte sie gekauft und konnte mit ihnen machen, was er wollte. Ihre Zeit und ihre Kraft gehörten nicht ihnen selbst; darüber verfügte einzig und allein ihr Herr. Sklaven hatten keinerlei Persönlichkeitsrechte.

(b) Nun war es allerdings nicht so, dass Sklaven immer und überall wie der letzte Dreck behandelt wurden. Im Lauf der Zeit hatte sich so etwas wie ein Gewohnheitsrecht entwickelt: Sklaven durften heiraten, Sklaven konnten unter gewissen Umständen sogar Besitz erwerben und ein eigenes Geschäft führen (natürlich immer unter der Kontrolle dessen, der sie selbst besaß). Manche Sklaven waren hoch gebildet und waren dann gelegentlich sogar z. B. als Erzieher oder als Ärzte tätig. (Die römischen Kaiser führten ja ständig Kriege, hauptsächlich Eroberungskriege, und alle Kriegsgefangenen waren automatisch Sklaven. Da war dann natürlich mancher Gelehrte darunter, mancher Geschäftsinhaber, mancher Politiker; und wenn sie Glück hatten, durften sie von ihrem Know-How auch als Sklaven Gebrauch machen.) Letztlich hing alles davon ab, was für einen Herrn sie hatten. War ihr Herr ein guter Mensch, ging es ihnen (den Umständen entsprechend) gut. War er ein schlechter Mensch, ging es ihnen schlecht. „Zeige mir, wie du deine Sklaven behandelst, und ich sage dir, was für einen Charakter du hast“, hätte man damals wohl sagen können. Wenn ein Sklave ganz großes Glück hatte und sich als Arbeitskraft bewährte, konnte es sogar passieren, dass sein Herr ihn freiließ. Im Römischen Reich gab es viele solche Freigelassene, die ihrem früheren Herrn oft sehr nahe standen und für die ihr ehemaliger Sklavenhalter jetzt den Patron abgab, der weiterhin für ihr Wohlergehen sorgte.

(c) Wie sah das bei Onesimus aus? Onesimus hatte sicher einen guten Herrn; Philemon war Christ, ein vielfach bewährter Christ. Aber Onesimus selbst war kein Christ. Und offensichtlich war er auch kein guter Sklave. Der Name Onesimus bedeutet zwar „nützlich“, aber die Person Onesimus war „unnütz“, ein Taugenichts von Sklave (s. Vers 11). Und als wäre das nicht genug, ließ sich Onesimus auch noch etwas zuschulden kommen. In Vers 18 schreibt Paulus: „Und sollte er dir irgendein Unrecht zugefügt haben oder dir etwas schulden, stell es mir in Rechnung!“ Onesimus schuldete seinem Herrn etwas. Vielleicht war er zum Dieb geworden, hatte sich an Philemons Eigentum vergriffen und hatte daraufhin die Flucht ergriffen. Vielleicht war er auch ganz einfach abgehauen und schuldete seinem Herrn sich selbst, seine Arbeitskraft. Er hatte sich sozusagen selbst gestohlen. Zahllose Sklaven versuchten damals, aus ihren bedrückenden Verhältnissen zu fliehen. Die riesige Metropole Rom mit ihrer Subkultur übte eine natürliche Anziehungskraft auf flüchtende Sklaven aus. Etwa ein Drittel aller Einwohner dieser Millionenstadt waren Sklaven. Auch Onesimus floh nach Rom. Irgendwie schlug er sich von der Türkei nach Italien durch, ein antiker Bootsflüchtling sozusagen.

(d) Und dort ist er Paulus begegnet, ausgerechnet Paulus! Unglaublich! Ein untergetauchter Sklave trifft auf einen Gefangenen, der - an einen Soldaten gefesselt - drei Jahre lang Hausarrest hat. Ehrlich gesagt, es fällt mir schwer zu glauben, dass Onesimus rein zufällig auf Paulus stieß. Er konnte ihm ja nicht beim Evangelisieren auf einem öffentlichen Platz begegnet sein; Paulus durfte seine Wohnung nicht verlassen. Wenn Onesimus bis dahin nichts von ihm wusste, wieso hätte er dann bei ihm angeklopft? Welche Hilfe hätte er von einem Gefangenen erwarten können?

(e) Nein, ich glaube, Onesimus hatte genau diese Adresse (oder besser gesagt: diesen Namen) im Kopf, als er nach Rom floh. Woher wusste er von Paulus? Sie erinnern sich - Paulus war vermutlich nie in Kolossä gewesen; er hat die dortige Gemeinde nicht selbst gegründet. Onesimus kann ihm also nicht im Haus seines Herrn begegnet sein. Aber ganz bestimmt hat Philemon von ihm geredet, und zwar dankbar und voller Begeisterung, glücklich, diesen Mann kennengelernt zu haben. Wer weiß, vielleicht hat der Geschäftsmann Philemon seinen Sklaven Onesimus sogar mal auf eine Geschäftsreise mitgenommen, bei der er sich mit Paulus getroffen hat, und Onesimus hat Paulus persönlich gesehen und gehört, hat miterlebt, was für ein durch und durch integerer Mann das war, und hat Vertrauen zu ihm gefasst. Nun, das ist Spekulation. Auf jeden Fall war ihm der Name geläufig, und er wusste, dass sein Herr allergrößte Stücke auf Paulus hielt. Wahrscheinlich wird sich Onesimus, als er weglief, gesagt haben: Ich muss zu jemand, der mir raten kann, sonst bin ich verloren. Und wenn er so überlegte, tauchte jedesmal das Bild von Paulus vor ihm auf. Ich muss zu Paulus. Der kennt meinen Herrn; von dem lässt mein Herr sich etwas sagen; der kann mir am ehesten aus der Patsche helfen.

(f) So kam es, dass er schließlich bei Paulus landete. Und was geschah dann? Wie lange Onesimus bei Paulus blieb, wissen wir nicht. Aber eins wissen wir: Er wurde Christ. Paulus hat ihm den Weg zu Jesus gezeigt, und Onesimus hat den entscheidenden Schritt gewagt, den Schritt vom Tod ins Leben. Vers 10: „Es geht bei meiner Bitte um jemand, den ich als mein Kind betrachte, jemand, dessen Vater ich geworden bin, weil ich ihn hier im Gefängnis zum Glauben an Christus geführt habe.“

Kleine Bemerkung am Rande: Paulus hat offensichtlich missioniert, obwohl er gefangen war. Nichts und niemand konnte ihn davon abhalten, seinen Auftrag zu erfüllen. Und Onesimus ließ sich offensichtlich nicht davon abschrecken, dass Paulus gefesselt war. Er fand die Botschaft von Jesus trotzdem total anziehend! Paulus schreibt in 2. Timotheus 2, 9: „Weil ich diese Botschaft verkünde, habe ich viel Schweres durchzumachen und bin jetzt sogar wie ein Verbrecher gefesselt. Aber das Wort Gottes kann man nicht in Fesseln legen.“ Die Begegnung mit Onesimus ist ein konkretes Beispiel für die Wahrheit dieser Wahrheit.

(g) Onesimus wurde nicht nur Christ; er wurde ein einsatzfreudiger, zuverlässiger Mitarbeiter von Paulus, und die beiden haben sich richtig lieb gewonnen (Verse 12+13). Am Ende war Onesimus geradezu unentbehrlich. Paulus schreibt: „Wenn es nach mir ginge, hätte ich ihn am liebsten hier behalten.“ (Vers 13)

(h) Aber es geht eben in diesem Fall nicht nach Paulus. Es geht nach dem Römischen Gesetz. Und das kannte kein Pardon: Ein entlaufener Sklave musste zu seinem Herrn zurück. Wer ihn deckte, versteckte oder sonstwie beschützte, machte sich strafbar, gefährdete sein eigenes Leben. Es gab in der Antike professionelle Fangkommandos, die davongelaufene Sklaven aufspürten und zu ihren Eigentümern zurückbrachten. Und der Eigentümer konnte den Sklaven dann nach Belieben bestrafen, konnte ihn weiterverkaufen oder sogar töten.

(i) Paulus wird mit Onesimus darüber geredet haben: Du musst zu deinem Herrn zurück! - Ich kann nicht! - Du musst! Willst du etwa auch mich in Gefahr bringen? - Aber ich habe ihn doch bestohlen! Ich kann es nicht einmal zurückzahlen! - Trotzdem: Du musst! Hör her: Ich habe sowieso vor, einen Brief an die Gemeinde in Kolossä zu schreiben. Da setze ich halt noch einen Extra-Brief für deinen Herrn auf, ein Bittschreiben zu deinen Gunsten. Den Brief an die Christen in Kolossä lasse ich durch meinen Mitarbeiter Tychikus überbringen, und du begleitest ihn. Zu zweit reist ihr sicher. (Kolosser 4, 7-9) Tychikus wird den Kolosserbrief an die Kolosser aushändigen und den Philemonbrief an Philemon. Wir wollen Gott bitten, dass er deine Angelegenheit in die Hand nimmt und Philemon barmherzig stimmt!