„Denn in ihm, ‚dessen Gegenwart alles durchdringt,‘ leben wir …“

„Denn in ihm, ‚dessen Gegenwart alles durchdringt,‘ leben wir …“

Apostelgeschichte 17,28 (NGÜ)

Frage

Diese gewaltige Aussage („dessen Gegenwart alles durchdringt“) finde ich sonst in keiner Übersetzung. Auf welche Aussage des Grundtextes geht Ihre Wiedergabe zurück?

Antwort

Sie haben ganz recht: Diese Wendung findet sich in keiner anderen Übersetzung. Sie ist nämlich eine Zufügung zum Wortlaut des Originaltextes und ist auch als solche gekennzeichnet (durch die Akzentzeichen – siehe die „Hinweise für den Leser“ in der NGÜ2003-Ausgabe).

Nun nehmen wir solche Beifügungen natürlich nicht willkürlich vor, sondern nur dort, wo sie unseres Erachtens für ein angemessenes Verständnis des Textes hilfreich oder sogar unumgänglich sind. Anders ausgedrückt: Die Zufügungen explizieren (verdeutlichen) etwas, was implizit („zwischen den Zeilen“) auch im griechischen Text steht.

Hier nun einige Hinweise zu der Beifügung „dessen Gegenwart alles durchdringt“:
  1. Wörtlich lautet Vers 28a etwa so: „Denn in ihm / durch ihn leben wir und bewegen wir uns und sind wir.“
  2. Die griechische Präposition „en“ umfasst ein sehr weites Bedeutungsspektrum: unter anderem lokal (in, an, auf, bei, mit, unter), temporal (im Verlauf von, bei, während), instrumental (durch, mit Hilfe von) und kausal (wegen, auf Grund von). Das deutsche „in“ ist also keineswegs in jedem Fall die „wörtlichste, genaueste“ Übersetzung. Der jeweilige Aussage- und Textzusammenhang muss entscheiden, welche Bedeutung im Einzelfall gemeint ist.
  3. In unserem Fall kommen eigentlich nur das lokale oder das instrumentale Verständnis in Frage – „in ihm“ (so der NGÜ-Haupttext) bzw. „durch ihn“ (so die zugehörige NGÜ-Fussnote und z. B. Gute Nachricht und Hoffnung für alle). Die instrumentale Deutung ist relativ problemlos: Durch Christus leben wir, weil Christus uns erschaffen hat und weil er uns alles gibt, was wir zum Leben brauchen. Doch so stimmig diese Aussage in sich ist, so ungenügend fügt sie sich in den Kontext ein. Voraus geht nämlich eine lokale Feststellung: „Gott ist für keinen von uns in unerreichbarer Ferne“ (und deshalb ist es jedem Menschen möglich, Kontakt mit Gott aufzunehmen und ihn zu finden, Vers 27). Daran knüpft Vers 28 mit einer kausalen Konjunktion an („Denn“). Begründet wird also, inwiefern Gott für uns Menschen nicht in unerreichbarer Ferne ist. Gott ist uns – so erläutert Paulus – so nah, dass er gewissermaßen die Umgebung unseres Lebens bildet, das Umfeld unserer Existenz: Wir leben in ihm. „nicht fern“ wird durch „in ihm“ erklärt. Deshalb ist diese Wendung hier m. E. lokal zu verstehen.
  4. Natürlich könnte man es nun beim einfachen „in ihm“ belassen. Allerdings gebraucht Paulus diese Fügung sonst in einem anderen, soteriologischen Sinn. Nicht jeder Mensch ist „in Gott / in Christus“, sondern nur die Erlösten. „in ihm“ zu sein ist das Privileg derer, die an Jesus glauben. Es drückt nicht nur (und nicht primär) räumliche Nähe aus, sondern innere Übereinstimmung und bewusste Zugehörigkeit, Teilhabe am gegenwärtigen und künftigen Heil. Nichts davon ist in Apg. 17,28 gemeint. Hier geht es nicht um die Nähe des Retters zum Geretteten, sondern um die Nähe des Schöpfers zum Geschöpf.
Ein kleines Beispiel mag den Unterschied verdeutlichen. Angenommen, ich reise zusammen mit meiner Frau in einem vollbesetzten Zugabteil durch die Schweiz. Räumlich gesehen sind sich alle 6 Personen gleich nah. Was die Beziehungen betrifft, steht mir nur eine einzige Person nahe; die anderen sind mir allesamt so fern, als wären sie in Südamerika oder im Fernen Osten.
Entsprechend ist es zwischen Gott und uns Menschen. Es gibt eine Ebene, da ist Gott allen unendlich nah. Aber auf einer anderen, tieferen (oder höheren) Ebene ist Gott nur seinen Kindern nah; für die anderen ist er einer „ferner Gott“.
Wenn man nur von „in ihm“ spricht, könnte das also aus christlicher Perspektive soteriologisch missverstanden werden. Und für säkulare Denker klingt die Aussage pantheistisch (Gott und die Welt sind letztlich dasselbe) oder doch zumindest panentheistisch (die Welt ist als Ganze in Gott, ist ein Teil Gottes). Genau so haben die griechischen Stoiker diesen Satz wahrscheinlich verstanden; Paulus zitiert ja sowohl im ersten als auch im zweiten Versteil damals viel gelesene Dichter und Denker (s. die betreffenden Fußnoten in der NGÜ).

Um sich gegen solche irrigen Auffassungen abzugrenzen, hat die NGÜ die Ergänzung „dessen Gegenwart alles erfüllt“ hinzugefügt. Damit soll zumindest angedeutet werden, dass es weder um soteriologische Nähe zu Gott geht (das christliche Missverständnis) noch um Vergottung des Menschen (das philosophische Missverständnis). Die Zufügung zeigt, inwiefern wir alle „in Gott“ sind: weil er allgegenwärtig ist – aber nicht, weil wir ein Teil Gottes wären oder weil alle bereits erlöst wären.
Pfr. Andreas Symank