Keine Satzzeichen im Urtext

Keine Satzzeichen im Urtext

Frage

Besten Dank für Ihren Beitrag zu Markus 15,34 im NGÜ info, den ich mit grossem Interesse gelesen habe! Neben der Bedeutung der Wörter ist vielleicht auch die Bedeutung des Satzaufbaus wichtig, wozu ich Ihnen gern eine Frage stellen würde.

Von einem Theologen habe ich erfahren, dass es im Urtext keine Satzzeichen gibt. Somit darf man nicht einfach davon ausgehen, dass Jesus gerufen hat: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Vielmehr kann man annehmen, dass die Frage „Mein Gott, warum? Hast Du mich verlassen?“ lautete. Dies würde eine völlig andere (und für mich viel plausiblere) Auslegung der Schriftstelle bedeuten. Was denken Sie dazu?

Antwort

Der Ausgangspunkt für Ihren Übersetzungsvorschlag ist richtig: In den ältesten griechischen Handschriften gibt es so gut wie keine Satz- bzw. Lesezeichen (Ähnliches gilt für den hebräischen Text des AT).

Trotzdem lässt sich die Frage von Jesus nicht so wiedergeben, wie Sie es vorschlagen. Um eine Frage als Frage kenntlich zu machen, gibt es eben nicht nur (akustisch – für den Hörer) die Möglichkeit des Anhebens der Stimme am Satzende oder (visuell – für den Leser) die Möglichkeit eines Fragezeichens. Zusätzlich sorgt auch die Grammatik für Klarheit.

Es gibt – formal gesehen – zwei Typen von Fragesätzen: solche, die mit einem Fragewort eingeleitet werden („wer, wie, wo, wann, wieso“ – die sog. Ergänzungsfragen), und solche, die ohne Fragewort auskommen (sog. Entscheidungsfragen). Den ersten Typus erkennt man natürlich immer sofort als Frage, eben wegen des einleitenden Fragewortes (in Markus 15,34: „Warum?“). Beim zweiten Typus (der formal wie ein Aussagesatz gebildet wird) tritt in der Regel eine Fragepartikel hinzu. Damit wird die Frage von der Aussage unterschieden, und gleichzeitig kann damit angedeutet werden, ob man eine bejahende oder verneinende Antwort erwartet (z. B. die Partikel ou/ouchi: „Ist er nicht da?“ Antwort: „Doch, er ist da“, oder die Partikel me: „Ist er etwa da?“ Antwort: „Nein, er ist nicht da“). Diese Partikeln können je nach Zusammenhang unübersetzt bleiben („Ist er da?“); auf jeden Fall markieren sie die Frage als Frage.

Das eben Gesagte gilt fürs Griechische. Im Hebräischen (und genauso auch im Aramäischen – Jesus zitiert Psalm 22,2 wahrscheinlich in einer Mischform) tritt bei Entscheidungsfragen das sog. He-Interrogativum vor den Satz; es kennzeichnet die Frage als Frage dort, wo ein Fragewort fehlt.
Auf unsere Stelle bezogen, bedeutet das folgendes:

(a) Im hebräischen Originaltext (Psalm 22,2) wird der Satz durch ein Fragewort eingeleitet (lama); es handelt sich also um eine ganz normale Ergänzungsfrage („Warum hast du mich verlassen?“). Würde man aus dieser einen Frage zwei machen wollen (so Ihr Vorschlag), dann wäre die erste unvollständig und in ihrer Stossrichtung unklar; vor allem aber müsste bei der zweiten dann das He- Interrogativum stehen („Hast du mich verlassen?“). Das ist nicht der Fall.

Dazu kommt noch etwas: Die Massoreten (jüdische Gelehrte, die in nachbiblischer Zeit mit Hilfe eines Zeichensystems festlegten, wie der alttestamentliche Text gelesen werden soll) haben hier das Fragewort („warum“) und das Verb („hast du mich verlassen“ - im Hebräischen ein einziges Wort) durch eine Art Klammer verbunden (einen Coniunctivus - einen verbindenden Akzent), d. h. sie haben angezeigt, dass diese beiden Wörter zusammengehören. (Damit interpretierten sie die Aussage sicher nicht willkürlich; ihre „Satzzeichen“ spiegelten vielmehr das jahrhundertealte „offizielle“ Verständnis des Textes wider.) Würde es sich um zwei separate Fragen handeln, hätten sie einen Distinctivus setzen müssen, einen trennenden Akzent.

(b) Im griechischen Zitattext (Markus 15,34) ist es eigentlich genau gleich. Wir haben das Fragewort, und alles spricht dafür, dass es sich daher um eine Ergänzungsfrage handelt; man wartet ja nach dem einleitenden „Warum“ auf ein Verb, das die Frage vervollständigt. Wollte man (entgegen der Erwartung) nach „Warum“ abbrechen und mit einer zweiten Frage neu ansetzen, müsste man dies deutlich markieren (weil es der durch die sprachliche Form geweckten Erwartung widerspricht), und dazu stünde z. B. das Mittel zur Verfügung, eine entsprechende Fragepartikel einzufügen. In diesem Fall würde sich das oben erwähnte me geradezu anbieten, weil es eine verneinende Antwort suggeriert, also: „Hast du mich etwa/wirklich verlassen?“ (Antwort: „Nein, natürlich nicht!“).

Noch etwas: In Ihrem Vorschlag ist „Du“ durch Kursivschreibung hervorgehoben; Sie möchten das Pronomen also betont lesen. Auch das ist sowohl vom Hebräischen also auch vom Griechischen her so gut wie unmöglich. In beiden Sprachen ist das unmarkierte (unbetonte) Pronomen immer schon in der Verbform mit enthalten (wie im Lateinischen oder z. B. im Italienischen). Nur dann, wenn das Pronomen eine besondere Betonung haben soll, wird es als eigenes, zusätzliches Wort neben das Verb gestellt. Das ist aber weder in Psalm 22,2 noch in Markus 15,34 der Fall. Somit liegt keine Betonung der Person vor, und die von Ihnen erwogene Wiedergabe ist unzulässig.

Sie halten Ihren Vorschlag für „viel plausibler“. Ich muss gestehen, dass ich mir - selbst wenn er vom Hebräischen und Griechischen her möglich wäre – keinen rechten Reim darauf machen kann. Das isolierte „Warum?“ hängt in der Luft – es sei denn, man sieht darin eine emphatische Vorwegnahme der anschliessenden Frage, was dann aber wieder auf das herkömmliche Verständnis hinausläuft („Warum nur? Warum hast du mich verlassen?“). Und die Frage mit dem betonten Du impliziert, dass Jesus überlegt, wer ihn verlassen haben könnte – sein Vater oder jemand anders, und das ist m. E. in dieser Situation eher abwegig. Wenn überhaupt, läge die Betonung auf dem Verb: „Hast du mich verlassen?“ Das ergäbe einen guten Sinn, aber dem steht, wie gesagt, das Fehlen des He- Interrogativums bzw. einer Fragepartikel entgegen.
Pfr. Andreas Symank