„Nacht und Tag“ oder „Tag und Nacht“?

Im elften Kapitel des zweiten Korintherbriefes zählt Paulus auf, was er alles im Dienst für Jesus Christus durchgemacht hat. „Einmal“, so sagt er in Vers 25, „trieb ich einen ganzen Tag und eine ganze Nacht auf dem offenen Meer“. Der Sieben-Wörter- Zeitangabe in der NGÜ („einen ganzen Tag und eine ganze Nacht“) liegt ein einziges griechisches Wort zugrunde: nychthämeron, ein „Nacht-Tag“ (zusammengesetzt aus nyx = Nacht und hämera = Tag). Gemeint ist damit die Zeiteinheit, die eine Nacht und einen Tag umfasst, also ein voller Vierundzwanzigstundentag. So weit, so einfach.

Etwas weniger einfach ist es, dieses unscheinbare kleine Wort angemessen ins Deutsche zu übertragen. „Einen Tag und eine Nacht“, würde man wohl spontan formulieren, weil es so im Deutschen sprachüblich ist. Aber halt - im Griechischen ist die Reihenfolge umgekehrt: erst die Nacht, dann der Tag. „So frei wie nötig, so treu wie möglich“, lautet ein bewährter Übersetzungsgrundsatz. Demnach müsste man die beiden Zeitangaben vertauschen: „eine Nacht und einen Tag“. Ob „Tag und Nacht“ oder „Nacht und Tag“ - jedes Mal ergibt sich zusammengezählt ein 24-Stunden-Tag. Warum also nicht bei der wörtlichen Abfolge bleiben? Sie mag im Deutschen vielleicht nicht so geläufig klingen, mag idiomatisch nicht ganz korrekt sein, aber sachlich ändert sich ja nichts. Wirklich? Nach der Logik mag das stimmen; in der Praxis stimmt es leider nicht. Die beiden Wendungen sind nicht deckungsgleich; sie sind keine spiegelbildlichen Wiedergaben desselben Sachverhalts.

Bei „einen Tag und eine Nacht“ ist alles klar; gemeint ist: einmal rund um die Uhr. Bei „eine Nacht und einen Tag“ dagegen wird's unklar. Geht es um 24 Stunden, oder geht es womöglich um 36 Stunden (eine Nacht und anschließend noch ein voller Tag)? Macht man den Praxistest und befragt beliebig ausgewählte Personen, dann stellt man fest: Die wörtliche Wiedergabe des Griechischen verunsichert und verwirrt.

Woran liegt das? Es hat natürlich - erstens - damit zu tun, dass man von der konventionellen Reihenfolge des Doppelbegriffs „Tag und Nacht“ abweicht. Die unauffällige Wendung ist plötzlich markiert, sodass sich der Leser/Hörer fragt, ob durch die Vertauschung etwas Spezielles ausgedrückt werden soll. Geht es womöglich um einen größeren Zeitrahmen als den üblichen? Und zweitens hat es damit zu tun, dass „Tag“ (im Gegensatz zu „Nacht“) mehrdeutig ist; „Tag“ bezeichnet nicht nur die Phase der Helligkeit innerhalb der 24-Stunden-Einheit, sondern kann auch für die Einheit als Ganze stehen, also den Oberbegriff zur „Tag-und-Nacht- Einheit“ bilden. „Letzte Woche habe ich zwei Tage Tag und Nacht gearbeitet“: Das erste „Tag“ bezeichnet den 24-Stunden-Tag, das zweite, unmittelbar darauf folgende die Zeit zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang.

„Tag und Nacht“ - hier ist klar, dass „Tag“ die Helligkeitsphase bezeichnet, auf die dann die Phase der Dunkelheit folgt. Wäre „Tag“ im Sinn von „24-Stunden-Einheit“ gebraucht, könnte darauf nicht die Nacht folgen, sondern nur ein weiterer Tag. Umgekehrt jedoch sieht es anders aus. „Nacht und Tag“ - hier könnte „Tag“ sowohl Komplementärbegriff zu „Nacht“ sein als auch Oberbegriff zu „Tag und Nacht“; auf die Nacht folgt schließlich sowohl eine Helligkeitsphase als auch ein gesamter 24-Stunden-Tag einschließlich einer weiteren Nacht!

Wollte man also die Reihenfolge des Griechischen beibehalten, müsste man - um ihre Mehrdeutigkeit aufzuheben - die Zeitangabe präzisieren, etwa so: „eine Nacht und auch noch den folgenden Tag (bis zum Sonnenuntergang)“.

Es fragt sich allerdings, ob damit nicht in einer anderen Hinsicht zu viel gesagt würde. Wollte Paulus wirklich darauf hinweisen, dass der Schiffbruch in der Nacht geschah und dass er zunächst stundenlang im Dunkeln auf dem Meer trieb? Wohl kaum; das hätte er ausführlicher schildern müssen. Der von ihm gewählte knappe Ausdruck betont die Länge des Geschehens (volle 24 Stunden), nicht eine bestimmte Abfolge innerhalb dieses Zeitrahmens. Der Ausdruck nychthämeron kommt im Neuen Testament zwar nur hier vor, doch führen Wörterbücher und Grammatiken zahlreiche andere Belegstellen aus der griechischen Literatur an. Bezeichnend ist z. B. die Wendung epi tessaras holas nychthämerous = „volle 40 Nacht-Tage lang“. Im Deutschen würde es genügen, von „volle 40 Tage“ zu sprechen („Tag“ hier im Sinn von „24-Stunden-Periode“); auf jeden Fall ist klar, dass die Abfolge Nacht- Tag keinerlei Rolle spielt; die Bedeutung wäre genau dieselbe, wenn von „Tag-Nächten“ die Rede wäre.

Man könnte einwenden, die Abfolge des Originaltextes entspreche der jüdischen Zählweise (wonach der Tag mit dem Sonnenuntergang des Vorabends beginnt) und sei daher für ein angemessenes Verständnis biblischen Denkens bedeutsam. Doch zum einen geht das griechische nychthämeron nicht auf einen entsprechenden hebräischsemitischen Ausdruck zurück und wird auch nicht nur von Paulus verwendet, sondern ebenso von griechischen, also heidnischen Schriftstellern. Zum anderen lässt sich dem Zeitpunkt des Schiffbruchs und den Lichtverhältnissen während des Dahintreibens wohl kaum ein „tieferer Sinn“ abgewinnen. Und zum dritten handelt es sich bei der griechischen Abfolge „Nacht - Tag“ genauso wie beim deutschen „Tag - Nacht“ (oder wie bei „Sonne und Regen“, „kommen und gehen“, „gut und böse“) um festgeprägte, formelhafte Wendungen, aus deren Reihenfolge sich keinerlei inhaltliche Schlüsse ziehen lassen (das „Herrn und Frau XY“ der Briefanschrift verweist so wenig auf Männervorherrschaft wie das „Meine Damen und Herren“ der Redeeinleitung auf männliche Höflichkeit oder feministische Tendenzen).

Was zeigt dieses harmlose, theologisch völlig unbedeutende Beispiel? Die Umkehrung eines Doppelausdrucks führt keineswegs immer zu semantisch gleichwertigen Ergebnissen. Und die wörtliche Übersetzung einer fremdsprachlichen Wendung gibt das Gemeinte keineswegs immer am genauesten wieder. Im Fall von 2. Kor. 11,25 weist nichts darauf hin, dass eine andere Zeitspanne gemeint ist als die eines vollen 24-Stunden-Tages oder dass der Voranstellung von „Nacht“ eine besondere Bedeutung zukommt. Mit nychthämeron betont Paulus lediglich, wie lange es ging, bis er aus seiner lebensbedrohlichen Lage gerettet wurde. Deshalb gibt die NGÜ - sachlich angemessen und sprachlich korrekt, wie mir scheint - die Aussage so wieder: „Einmal trieb ich einen ganzen Tag und eine ganze Nacht auf dem offenen Meer.“ Pfr. Andreas Symank