Wie groß ist ein Drache?

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Wie groß ist ein Drache?
Mega: Offenbarung Kapitel 12, Vers 3
Ein Mega-Drache
Umweg statt Kurzschluss
Symbol und Wirklichkeit
Die Bedeutung des Kontextes für die Bedeutung
Gegensatzpaare
größer und kleiner
Was groß ist, kann auch klein sein
Absolute Gegensätze
Fragen, die alles offen lassen
Eine vielfach unterteilte Skala
Auf der Zielgeraden
Die Größe des Drachen
Einführung ausführlich - Wiederholung kurz und knapp
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Die vielen Bedeutungen eines Wortes und die Schwierigkeit, es angemessen zu übersetzen
A. Symank, 1998

Das Sprach-Geschenk

Ich weiß nicht, was Sie sich gedacht haben, als Sie das Thema dieses Vortrags lasen: „Wie groß ist ein Drache?“ Haben Sie ein Referat über Schöpfung und Evolution erwartet oder einen Vergleich verschiedener antiker Religionen? Nun, um Ihnen auf die Sprünge zu helfen, habe ich einen Untertitel hinzugefügt: „Die vielen Bedeutungen eines Wortes und die Schwierigkeit, es richtig zu übersetzen.“ (Man könnte den Untertitel etwas exakter, aber auch etwas anspruchsvoller auch so formulieren: Lexikalische und kontextuale Bedeutung eines Wortes). Der Vortrag handelt von Sprache und Übersetzung, genauer gesagt: von Bibelübersetzung. Ich bin kein Biologe oder Zoologe. Im übrigen hat bestimmt noch nie ein Zoologe einen Drachen vermessen, einfach weil er noch nie einem begegnet ist - höchstens in Sagen und Legenden. Ich bin aber auch kein Mythologe oder Märchenforscher; ich bin Theologe und seit vielen Jahren im Bereich der Bibel-übersetzung tätig. Im Auftrag der Genfer Bibelgesellschaft übersetze ich zusammen mit einem kleinen Team zunächst einmal das NT aus dem Griechischen ins Deutsche. Unser Projekt nennt sich Neue Genfer Übersetzung, und einzelne neutestamentliche Bücher haben wir bereits veröffentlicht. Ich weiß, dass viele von Ihnen unsere Arbeit mit großem Interesse verfolgen und unterstützen, und früher habe ich hier ja auch hin und wieder einmal eine Predigt gehalten; aber so weit ich mich erinnere, habe ich hier noch nie in einem Vortrag über unsere Übersetzungstätigkeit berichtet. Deshalb dachte ich, es wäre endlich einmal an der Zeit, Ihnen einen Einblick zu geben.

Allerdings möchte ich kein Grundlagenreferat halten über Übersetzungsprinzipien, über die verschiedenen Bibelübersetzungen und über unser Übersetzungsmodell. Vielmehr möchte ich Ihnen einen kleinen Einblick in unsere Arbeit geben, möchte einen winzigen Ausschnitt mit Ihnen anschauen. Einerseits soll es eine Art Rechenschaftsbericht sein: Warum haben wir gerade so übersetzt und nicht anders? Andererseits ist damit der Versuch verbunden, Sie zum Nachdenken über die Sprache und das Sprechen anzuregen und - hoffentlich - auch ein wenig ins Staunen zu bringen über dieses tolle Instrument, das wir alle ständig gebrauchen und über das wir uns doch kaum je Gedanken machen. Die Sprache und die Sprachfähigkeit ist eines der größten Geschenke, die Gott, der Schöpfer, uns Menschen mit auf den Weg gegeben hat.

Als ich das Thema für diesen Vortrag festlegte, griff ich bewusst auf ein neutestamentliches Buch zurück, das wir bereits übersetzt und veröffentlicht haben - die Offenbarung des Johannes. Es geht um einen Abschnitt daraus, genauer gesagt, um nicht mehr als eine Wendung, streng genommen um ein einziges Wort: mega.

Mega: Offenbarung Kapitel 12, Vers 3

mega - kennen wir doch! Stammt aus der Jugendsprache und gehört längst zum Wortschatz der Erwachsenen: Alle paar Monate taucht in den Schlagerparaden ein Megahit auf; im Sport ist Michael Jordan nicht nur ein Superstar, sondern ein Megastar, und in einem offenen Kabrio durch die Gegend zu kutschieren ist nicht nur in, sondern mega-in. „mega“ ist ein sogenannter emotionaler Verstärker, die ultimative Steigerung von groß über riesig über super eben zu mega.

Nun, mega stammt eigentlich nicht aus der Jugendsprache, sondern aus dem Griechischen. Und dort bedeutet das Wort ganz einfach groß. So jedenfalls geben es die Wörterbücher an; im Standardlexikon zum Griechischen NT (W. Bauer) wird als einzige Hauptbedeutung groß angeführt.

Und nun sehen wir uns einmal eine Stelle in der NGÜ an: Offenbarung 12,3. Um den Zusammenhang zu verstehen, lese ich den ganzen Abschnitt, die Verse 1 bis 9.

Die Frau, das Kind und der Drache

1 Nun war am Himmel etwas Außergewöhnliches und Bedeutungsvolles zu sehen: eine Frau, die mit der Sonne bekleidet war; unter ihren Füßen war der Mond, und auf dem Kopf trug sie eine Krone aus zwölf Sternen. 2 Die Frau war schwanger, und die Geburt ihres Kindes stand unmittelbar bevor. Die Wehen hatten bereits eingesetzt; sie schrie und krümmte sich vor Schmerzen.

3 Noch etwas anderes war am Himmel zu sehen, etwas ebenso Bedeutungsvolles: ein riesiger, feuerroter Drache, der sieben Köpfe und zehn Hörner hatte und auf jedem seiner sieben Köpfe eine Krone trug. 4 Mit seinem Schwanz fegte er ein Drittel der Sterne vom Himmel und schleuderte sie auf die Erde.

Der Drache stellte sich vor die Frau hin, um das Kind, das sie bekommen würde, sofort nach der Geburt zu verschlingen. 5 Doch kaum war das Kind zur Welt gekommen, wurde es zu Gott hinaufgenommen und vor seinen Thron gebracht. Das Kind war ein männlicher Nachkomme, jener Sohn, von dem es in der Schrift heißt, dass er mit eisernem Zepter über alle Völker regieren wird. 6 Die Frau selbst floh in die Wüste. Dort hatte Gott einen Ort für sie vorbereitet, an dem sie dann tausendzweihundertsechzig Tage lang mit allem Nötigen versorgt wurde.

7 Nun brach im Himmel ein Krieg aus. Der Engelfürst Michael und seine Engel griffen den Drachen an. Dieser setzte sich mit seinen Engeln zur Wehr, 8 aber er unterlag, und von da an war für ihn und seine Engel kein Platz mehr im Himmel. 9 Der große Drache, jene Schlange der Urzeit, die auch Teufel oder Satan genannt wird und die ganze Menschheit verführt, wurde auf die Erde geworfen, und zusammen mit dem Drachen wurden auch seine Engel hinuntergeworfen.

Ein Mega-Drache

In Vers 3 finden wir unser mega: δρακων μεγας = ein riesiger Drache. (Das -ς ist eine geschlechtsspezifische Endung und muss Sie nicht weiter stören. μεγας - μεγαλη - μεγα: großer Mann, große Frau, großes Kind). δρακων bedeutet natürlich „Drache“; das deutsche Wort geht auf das griechische zurück. (Sie sehen: Griechisch ist gar nicht so schwer!)

Übrigens taucht der δρακων μεγας in Vers 9 gleich noch einmal auf. Zweimal kommt dieser Ausdruck also in unserem Abschnitt vor. Und zwei Fragen verbinden sich damit:

1. Wieso weichen wir in Vers 3 von der lexikalischen Angabe groß ab und geben das Adjektiv mit riesig wieder? Ist diese Abweichung linguistisch gerechtfertigt? Scheinbar haben wir hier eine Anleihe bei der Jugendsprache gemacht: ein Megadrache. Scheinbar greifen wir zu einer Übertreibung. Nun, ich kann Sie beruhigen: Von dramatisierenden Effekten haben wir in der Offenbarung möglichst sparsamen Gebrauch gemacht. Johannes selbst, der Autor, übt in dieser Hinsicht, so scheint mir, große Zurückhaltung, und ich empfinde das (verglichen mit anderen zeitgenössischen Apokalypsen - z. B. dem äthiopischen Buch Henoch, der Himmelfahrt des Mose, dem Vierten Esrabuch, dem Testament der Zwölf Patriarchen, alle in der Zeit von ca. 200 v. Chr. bis 100 n. Chr. entstanden) als wohltuend. Aber gerade deshalb scheint die Frage um so mehr berechtigt: Haben wir hier nicht doch für einmal übertrieben?

2. Wieso greifen wir in Vers 9 auf die “normale“ Wíedergabe zurück (der große Drache)? Wieso sind wir so inkonsequent und geben den Begriff - wenn wir schon von der üblichen Formulierung abweichen - nicht an beiden Stellen gleich wieder? (Dieser zweite Punkt wird schnell beantwortet sein.)

Sie sehen, es geht nicht um eine tiefgründige theologische Frage, bewusst nicht. Ich wollte für einmal jede gewichtige theologische Diskussionen ausklammern und mich ganz auf den sprachlichen Aspekt konzentrieren. (Darum werden Sie heute abend von mir auch keine Auskunft bekommen über die Identität der Frauengestalt und über die zeitliche Einordnung des Geschehens, das Johannes sieht. Wer der Drache ist, sagt er uns ja in Vers 9 selbst: der Satan; und das Kind ist Jesus Christus, wie Vers 5 deutlich macht. Aber alles andere bleibt offen, was zu den verschiedensten Deutungen geführt hat. Wie gesagt - mein Vortrag wird Ihnen dazu keine Lösung offerieren).

Umweg statt Kurzschluss

Ich könnte jetzt versuchen, eine unmittelbare Antwort auf die beiden oben gestellten Fragen zu geben, aber das wäre nicht klug, es wäre eine Art Kurzschlusshandlung. Wir würden die Zusammenhänge nicht richtig begreifen. Unsere Situation ist die eines Wanderers, der von einer Bergtour zu seinem Dorf absteigt. Er ist schon fast unten, aber dann steht er über einer senkrechten Wand. Die Kirchturmspitze ist zum Greifen nah, einen Steinwurf entfernt; trotzdem kommt er nicht direkt hinunter (wenigstens nicht, ohne Kopf und Kragen zu riskieren). Er muss an der Wand entlanggehen, bis sie abflacht. Er muss sich zunächst einmal vom Ziel entfernen, um das Ziel zu erreichen. Der Umweg mag beschwerlich sein, aber er ist nötig. (Ähnlich ist es beim Leben mit Gott: wir wollen oft eine Kurzschluss-Antwort, aber die gibt es nicht. Gott führt uns scheinbar weit ausholende Umwege, bis wir endlich begreifen. Ein anderes Beispiel: Mancher Mensch steht ganz nah bei Gott, bei der Kirche - und kommt doch nicht dorthin, weil er unbedingt die Direttissima benutzen will. Er sieht einem echten Christen zum Verwechseln ähnlich, pflegt den frömmsten Lebensstil - und sein Leben gehört Jesus doch nicht. Er müsste bereit werden, den Umweg übers Kreuz zu gehen, den „Umweg“ weg von den eigenen Leistungen hin zu dem, was der Mann am Kreuz für uns geleistet hat; einen kürzeren Weg zum Leben gibt es nicht. - Verzeihung, jetzt habe ich doch noch etwas Theologisches gesagt. Aber das war's dann auch. Ab jetzt geht es nur noch um Sprache.)

Und noch ein letzte kleine Bemerkung im Rahmen der Prolegomena: Ich weiß, dass Sie alle über jede Menge Grips verfügen. Nur hoffe ich, Sie haben ihn nicht ausgerechnet heute abend zum Auslüften rausgenommen und zu Hause gelassen. Wir werden ihn nämlich gut gebrauchen können.

Symbol und Wirklichkeit

Zunächst einmal eine grundlegende Einsicht: Sprachen sind Symbolsysteme. Die gesprochenen oder geschriebenen Wörter sind Symbole (phonetische [gesprochene] oder graphische [geschriebene] Symbole), die auf eine außersprachliche Wirklichkeit hinweisen. Dabei sind die Symbole zwar nicht immer zufällig zustandegekommen, sind aber doch zumeist willkürlich und auf jeden Fall konventionell [auf Übereinkunft beruhend] (im Gegensatz zu natürlichen Symbolen, z. B. Rauch als Anzeichen für Feuer).

Beispiel (von der außersprachlichen Wirklichkeit her kommend):

[außersprachliche Bezugsgröße] weibliches Hausrind
[sprachliches Symbol] Kuh (dt.), cow (engl.), vache (frz.)

Beispiel (vom Symbol her kommend):

KIND je nach Sprache
- Kind (dt.)
- Art; freundlich (engl.)

Häufig stößt man auf die naive Annahme, beim Erlernen der Symbole einer anderen Sprachgemeinschaft müssten nur die Symbole ausgetauscht werden, die Bedeutungen würden sich einigermaßen decken. (Das führt zu sogenannten “Wörterbuchübersetzungen“: Wort für Wort schlägt man im Wörterbuch nach und ersetzt es durch die dort angegebene Bedeutung. Überall, wo im griechischen Text mega steht, gibt man das im Deutschen mit groß wieder.) Wäre jene Annahme richtig, dann könnte man eine andere Sprache lediglich mit Lexikon und Grammatik lernen - dass das nicht funktioniert, merkt jeder Schüler, der zum erstenmal ins Ausland kommt und sich dort mit der Sprache zurechtfinden muss, die er in der Schule so fleißig und so erfolgreich gebüffelt hat.

Meist schätzen wir die Auswirkungen des Turmbaus von Babel zu gering ein; wir haben das Ausmaß dieser Katastrophe nicht begriffen. Als Gott die Sprachen verwirrte, hat er gründliche Arbeit geleistet. Er hat nicht nur die einzelnen Symbole ausgetauscht, sondern jede Sprache (z. T.  völlig) anders programmiert und konzipiert. Alles ist durcheinandergeraten. Die Zuordnung der Symbole zu dem Bezeichneten ist einzelsprachlich völlig verschieden; die Wortfelder sind auf unterschiedlichste Weise organisiert, die Sätze immer wieder anders strukturiert. Das gilt selbst bei nahe verwandten Sprachen. Darauf weist schon Martin Luthers berühmtes Diktum in seinem Sendbrief vom Dolmetschen hin: „Man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll Deutsch reden ... sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen; da verstehen sie es denn und merken, dass man deutsch mit ihnen redet.“

Beispiel:

kind (engl.) im Deutschen je nach Zusammenhang
- Art
- freundlich

Im Englischen 1 Symbol für zwei ganz verschiedene Dinge; im Deutschen dafür je ein eigenes Symbol.

Beispiel:

frz. Le président mange - La vache mange
dt. Der Präsident isst - Die Kuh frisst

Wo das Französische 1 Symbol hat, verwendet das Deutsche 2.

Der Sachverhalt ist jedesmal derselbe (Nahrungsaufnahme). Trotzdem symbolisieren essen und
fressen nicht dieselbe Bedeutung. Man kann das auf einfache Weise testen, indem man die beiden Ausdrücke vertauscht:

Der Präsident frisst bezeichnet denselben Vorgang, ändert aber seine Bedeutung, kennzeichnet ihn als negativ (“tierähnlich“ - so etwas tut ein anständiger Mensch nicht).

Die Kuh isst: ist zwar nicht bedeutungsverändernd, wirkt aber deplaziert und wird als sprachliche Fehlleistung empfunden (mit komischem Effekt).

Die Bedeutung des Kontextes für die Bedeutung

Dazu kommt etwas Weiteres: Der Lexikon-Eintrag kann nur eine ungefähre Angabe sein, er vermittelt die Hauptbedeutung(en) eines Wortes. Aber das ist eine Abstraktion, gehört zur langue (Sprache als System); in der Sprech- und Schreibpraxis sind Wörter Teil von Äußerungen (parole). Die Bedeutung eines Wortes innerhalb eines Textes kann nur unter Einbeziehung des Kontextes ermittelt werden.

Ein gutes Lexikon berücksichtigt mögliche Kontexte (Syntagmen, Kollokationen) und belegt sie mit Beispielen aus der Literatur. So gibt das Wörterbuch von W. Bauer zu megaj unter anderem folgende neutestamentlichen Kombinationen und damit Übersetzungsmöglichkeiten an: eine laute Stimme, ein starker Wind, eine lange Kette, ein heftiger Sturm, eine tiefe Stille, ein helles Licht, hohes Fieber, stolze Worte, aufrichtige Freude, grimmiger Zorn, innige Liebe, fester Glaube, ein wichtiger Tag, ein mächtiger Gott ... (Die Reihe ließe sich beliebig verlängern.) Gerade diese Vielfalt an Bedeutungen verpflichtet den Übersetzer, den Lexikon-Eintrag auf keinen Fall mechanisch oder gar sklavisch zu übernehmen, sondern jedem einzelnen Vorkommen der Vokabel sein eigenes Recht zu geben, d. h. das Wort in seinem jeweiligen Kontext zu sehen und zu verstehen.

Gegensatzpaare

Nun zu unserem konkreten Fall. Welche Bedeutung hat mega, und wie ist es in Offbg. 12,3 am besten zu übersetzen?

[Zum Folgenden siehe John Lyons, Einführung in die moderne Linguistik, München 19897, Seite 471ff]

groß gehört zu den sogenannten Antonymen, den Wörtern oder besser Wortpaaren mit entgegengesetzter Bedeutung: groß-klein, jung-alt, reich-arm. Der Begriff Antonyme ist den meisten von Ihnen wahrscheinlich fremd, aber das Gegenteil kennen Sie sicher: Synonyme, bedeutungsähnliche, bedeutungsgleiche Wörter, z. B. schauen-sehen-blicken, Metzger-Fleischer-Schlachter. [Antonym leitet sich vom Griechischen her: αντι-ονυμα (aeolisch-dorische Form von ionisch-attisch ονομα) = „Gegen-Name/Wort“. Wieder sehen Sie: Griechisch ist gar  nicht so schwer!]

Und zwar handelt es sich bei den Antonymen um die Gegensatzwörter, die gradierbar sind (in Abstufungen eingeteilt werden können), mit deren Hilfe also ein Vergleich, eine Komparation vorgenommen werden kann (groß - größer - am größten).

Achtung: Es gibt ein anderes Gegensatzverhältnis, das man gewöhnlich nicht als Antonymie bezeichnet, sondern als Komplementarität. Hier handelt es sich um Begriffe, die sich gegenseitig ergänzen, und das bedeutet im selben Atemzug auch: die sich gegenseitig ausschließen). Beispiele: männlich-weiblich; alleinstehend-verheiratet. Solche häufig paarweise auftretenden lexikalischen Einheiten/Terme stehen in einem komplementären Verhältnis zueinander: Die Negation des einen impliziert die Assertion des anderen (und umgekehrt). Die Bejahung des einen bedeutet gleichzeitig die Verneinung des anderen - einfacher gesagt: Wenn das eine zutrifft, trifft das andere nicht zu.

Beispiel:
Hans ist verheiratet impliziert Hans ist nicht alleinstehend
Hans ist nicht verheiratet impliziert Hans ist alleinstehend
Also: Wenn A, dann nicht B; wenn nicht A, dann B.

Dasselbe gilt auch bei mehr als 2 Elementen, z. B. bei den Farben.

Das Kleid ist rot impliziert Inkompatibilität sämtlicher anderen Farben (Das Kleid ist weder blau noch grün noch gelb ...).

Solche Komplementärpaare sind normalerweise nicht graduierbar, von ihnen lässt sich keine Steigerungsform bilden.
Dieses Kleid ist blauer als das andere??
X ist alleinstehender als Y??


X ist mehr verheiratet als Y?? (höchstens im übertragenen Sinn: X scheint mehr verheiratet zu sein als Y: sein Verhalten ist typischer für das, was normalerweise als charakteristisch für Verheiratete gilt).

männlicher/weiblicher?? (nicht möglich, wenn damit die Geschlechtsunterscheidung bezeichnet werden soll - die biologische Klassifikation ist dichotomisch [zweigeteilt] -, höchstens im Sinn von einer Beschreibung des Charakters und Verhaltens: Sie benimmt sich männlicher als ein Mann).

„größer“ und „kleiner“

Zurück zu den Antonymen und damit zur Möglichkeit des Vergleichs. Nehmen wir zunächst einmal nicht den Drachen, sondern etwas Alltäglicheres: Unser Haus ist groß.

Die Komparation kann (1) explizit oder (2) implizit sein.
(1) Sehen wir uns als erstes den expliziten Typus an; er ist einfacher zu erkennen.

Beispiele:
(a) Unser Haus ist größer als eures.

2 Dinge (in diesem Fall 2 Häuser) werden unter Bezug auf eine bestimmte Eigenschaft (in diesem Fall ihre Größe) verglichen, und diese Eigenschaft wird dem einen in größerem Ausmaß zugesprochen als dem anderen. 

(b) Unser Haus ist größer als früher.

2 Zustände (früher - heute) desselben Gegenstandes werden unter Bezug auf die betreffende Eigenschaft verglichen. 

Die Äußerung Unser Haus ist größer ist nur zur Hälfte explizit. Dass ein Vergleich vorliegt, sieht man zwar an der Steigerungsform (größer), aber weil die durch als eingeleitete Teilaussage fehlt, weiß man nicht, womit das Haus verglichen wird - mit einem anderen Haus oder einem anderen Zustand? Die verkürzte Äußerung kann nur sinnvoll interpretiert werden, wenn sich der zweite Ausdruck des Vergleichs aus dem Kontext wiederherstellen lässt, was in normalen Gesprächssituationen in der Regel problemlos der Fall ist. Wenn ich einem Freund mit stolzgeschwellter Brust mein neues Eigenheim zeige, und er erwidert: Mein Haus ist größer, muss er nicht hinzufügen: ... als deines; ich weiß auch so, was er sagen will.

Was groß ist, kann auch klein sein

(2) Nehmen wir uns den impliziten Vergleich vor (jetzt wird es ein wenig komplizierter).
Beispiel: Unser Haus ist groß.

(a) Zunächst muss ich noch einmal an den Unterschied zwischen Antonymität und Komplementarität erinnern: Im Gegensatz zu den Komplementärbegriffen impliziert bei den Antonymen die Negation (Verneinung) des einen nicht zwingend und in jedem Fall die Assertion (Bejahung) des anderen. Die beiden antonymen Begriffe schließen sich nicht unbedingt aus.

Unser Haus ist nicht groß impliziert nicht zwingend: Unser Haus ist klein. Der Besitzer, der (in aller Bescheidenheit!) Satz 1 sagt, würde sich unter Umständen sehr dagegen verwahren, Satz 2 gelten zu lassen (das würde ihn dann doch in seinem Stolz treffen!). Also: groß und klein sind keine sich ausschließenden Gegensätze!

(b) Sätze mit Antonymen sind immer komparativ; d. h. es wird immer etwas verglichen, selbst wenn das nicht explizit gemacht wird. Es ist eine Illusion zu meinen, mit Gegensatzpaaren wie klein/groß, wenig/viel seien (innerhalb des Feldes der Quantität) absolute Werte gegeben (vergleichbar z. B. den qualitativen Unterschieden bei Farbwerten: rot/grün). Der Eindruck der absoluten Angabe rührt daher, dass das Gradieren, die Abstufung formal nicht markiert ist (so beim expliziten Komparativ: Er ist größer als ...). Aber: Während rot oder grün tatsächlich feststehende Farbqualitätswerte darstellen, die in jeder Erfahrungssituation gleich bleiben, ist z. B. viele ein relativer Begriff ohne jede absolute Quantitätsangabe.

In Zürich wohnen viele Menschen - sagt der Dorfbewohner. Genau dasselbe könnte auch der verwitwete und kinderlose Bauer auf seinem Aussiedlerhof vom Nachbargehöft sagen: Auf jenem Hof wohnen viele Menschen. Das eine Mal umfasst viele ca. 200 000 Menschen, das andere Mal vielleicht ein Dutzend). Eine genauere Vorstellung über die tatsächliche Anzahl entsteht erst durch die Bezugsgröße (Stadt, Hof) bzw. durch einen ausdrücklichen Vergleich (In Zürich wohnen mehr Menschen als in Basel; Auf dem Nachbarhof wohnen mehr Menschen als bei mir). Wenn jemand von viele spricht, heißt das lediglich: Er wählt eine Anzahl als Ausgangsbasis, die er (subjektiv) als ziemlich umfangreich empfindet; objektiv kann diese Anzahl beliebig variieren.

Ein anderes Beispiel: Das Antonymenpaar reich-arm. Beides sind sehr relative Begriffe! Es gibt reiche Millionäre und arme Millionäre. Ein Reicher fühlt sich arm, wenn er sich als Zweitwagen keinen Ferrari leisten kann, und ein Armer fühlt sich reich, wenn er nach jahrelangem Sparen endlich imstande ist, ein Fahrrad zu erstehen.

(c) Wörter wie groß und klein beziehen sich also nicht auf gegensätzliche Eigenschaften, sondern sind ein lexikalisches Instrument zum Gradieren, zur Markierung von Abstufungen. Eine Person ist entweder männlich oder weiblich. Aber: Dieselbe Person kann klein sein (verglichen mit X) und groß (verglichen mit Y) - was aber nicht bedeutet, dass ihr gleichzeitig 2 verschiedene Größen zugeschrieben werden müssen; in ihrem Pass steht mit Sicherheit nur eine Größenangabe! Objektiv gesehen ist die Person selbstverständlich immer gleich groß - subjektiv wird sie in der einen Situation als groß erlebt und in der anderen als klein.

Beispiele:
Die Tante, die ihrem Neffen nach über zwei Jahren endlich wieder mal einen Besuch abstattet, ruft verblüfft aus: So ein großes Kind! (groß: verglichen mit seinen Altersgenossen bzw. verglichen mit den Erinnerungen der Tante; aber verglichen mit der Tante selbst ist das Kind natürlich klein).

Deshalb kann auch der Biologe, der durchs Mikroskop sieht, zu Recht sagen: Hey - diese Amöbe ist riesig! (riesig: gegenüber der üblichen Amöben-Größe).

Und auch der Ausruf eines Mädchens stimmt, als es Xian zum ersten Mal zu Gesicht bekommt (Sie wissen schon: Xian - der Jungelefant aus dem Zürcher Zoo): Ist das ein winziger Elefant! (obwohl der Elefant - auch dieser - zu Recht als großes Tier bezeichnet wird). Ein großes Tier - verglichen mit der übrigen Tierwelt. Ein winziges Tier - verglichen mit anderen Exemplaren seiner Rasse. Man darf es also ruhig so paradox formulieren: Ein kleiner Elefant ist ein großes Tier. Wären klein und groß komplementäre und damit inkompatible Ausdrücke, dann wäre dieser Satz kontradiktorisch (vgl.: Ein männlicher Elefant ist ein weibliches Tier). So aber ist die Aussage völlig korrekt und verständlich: Ein Elefant, der - gemessen an der für Elefanten verbindlichen Norm - eher klein als groß ist, ist (trotzdem) - gemessen an der für Tiere im allgemeinen verbindlichen Norm - eher groß als klein. Die implizierte Größennorm für Elefanten ist eben nicht unbedingt dieselbe wie die für Tiere als ganze Klasse.

(d) Der Satz Unser Haus ist groß ist also formal-morphologisch (so, wie die Wortform gebildet ist) ein Positiv (das Adjektiv liegt in der ungesteigerten Form vor, in der Grundstufe), semantisch hingegen (was seine Bedeutung betrifft)  ist er ein Komparativ: Unser Haus ist größer (als das normale Haus).

Absolute Gegensätze

An dieser Stelle erlaube ich mir einen kleinen Einschub (und jetzt wird's doch noch einmal ein bisschen theologisch): Das Gesagte gilt in gewisser Hinsicht auch für das Antonympaar gut-böse (ohne deshalb aus Gut Böse machen zu wollen, wovor Jesaja 5,20 warnt: „Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Schwarz Weiß und aus Weiß Schwarz machen, aus Sauer Süß und aus Süß Sauer!“). „Gut“ im absoluten Sinn ist nur Gott, „böse“ im absoluten Sinn nur Satan. Bezogen auf das Gegensatzpaar Gott-Satan sind gut und böse tatsächlich komplementär, d. h. sie schließen sich gegenseitig aus. Gott ist ausschließlich gut („er kann nicht zum Bösen verführt werden und verführt auch niemand dazu“, Jakobus 1,13), Satan ausschließlich böse (“der Vater der Lüge“, Johannes 8,44). Bei uns Menschen dagegen ist gut und böse abgestuft; es ist graduierend zu verstehen. Deshalb können in der Bibel so unterschiedliche, gegensätzliche Aussagen nebeneinander stehen wie: „Alle Menschen sind böse“ und (vor allem in den Psalmen): „Herr, ich bin unschuldig, rette mich vor den bösen Menschen!“ Verglichen mit Verbrechern kann ein bestimmter Mensch gut sein, verglichen mit Christus ist er böse. Bezogen auf ein bestimmtes Geschehen können wir tatsächlich unschuldig sein; vor Gott, der unser gesamtes Leben beurteilt, sind wir trotzdem schuldig und brauchen seine Vergebung. Gemessen an den Mitmenschen mag jemand gut sein, gemessen an Gott ist er böse.

Fragen, die alles offen lassen

(e) Zurück zu unserem Ausgangssatz: Das Haus ist groß. Machen wir daraus doch einmal eine Frage. Angenommen, Sie wollen die Größe eines Hauses in Erfahrung bringen. Was würden Sie fragen? Wie groß ist das Haus? Aber merkwürdigerweise nicht: Wie klein ist das Haus? Theoretisch könnten wir doch auch so fragen, solange wir noch nicht wissen, wie das betreffende Haus beschaffen ist. Aber so fragen wir nicht, und das ist auch gar nicht nötig. Offensichtlich setzt die Frage Wie groß ist es? nicht voraus, dass das Objekt, dem die Nachforschung gilt, eher groß als klein klassifiziert wird, sondern ist völlig offen oder (wie man in der Fachsprache sagt) unmarkiert, was die Erwartungen des Fragestellers anbelangt. Die Frage Wie groß ist das Haus? sagt also nichts anderes als: Ist das Haus groß oder klein? Ist es eher größer oder eher kleiner? Das liegt eben genau an dem Umstand, von dem bisher die Rede war: Antonyme machen - qualitativ gesehen - keine absoluten Angaben. Sie sind - ob es ausgesprochen wird oder implizit bleibt - immer gradiert, d. h. sie können die ganze Bandbreite aller tatsächlichen Größen abdecken. Deshalb zielt die Frage Wie groß ist das Haus? in beide Richtungen, und die Antwort kann sowohl sein: Es ist groß als auch: Es ist klein.

Ein anderes Beispiel: Wie alt ist er? Genauso wird auch gefragt, wenn es sich um ein gerade erst geborenes Baby handelt - also nicht: Wie jung ist es?, sondern: Wie alt ist es?

Die Frage führt in das Gespräch gewissermaßen einen stillschweigend vorausgesetzten Maßstab ein, der von den Partnern als verbindlich anerkannt wird (eine Übereinkunft über das, was groß bzw. alt ist), und stellt die Forderung, dass das betreffende Objekt sozusagen anhand dieses Maßstabes gemessen wird. Die erste Messung (die erste Antwort) erfolgt dichotomisch (in zwei Richtungen gegabelt) mittels eher groß als klein oder eher klein als groß (nämlich in Bezug auf diese Norm). Wem die Beschreibung nach dieser ersten Stufe nicht ausreichend genau ist, der kann immer noch eine weitere, diesmal eine markierte Frage stellen: Wie groß ist das Haus? oder Wie klein ist es? (beachten Sie den Akzent bzw. die Intonation zur Unterscheidung von der unmarkierten Frage). Hinter der markierten Frage steht bereits die Voraussetzung, dass das Objekt, um das es geht, mehr an dem einen Ende des Maßstabs als an dem anderen lokalisiert worden ist; mit ihr wird die nähere Festlegung des genauen Punktes auf dem Maßstab gesucht, und zwar in bezug auf die verbindliche Größennorm.

Dieser neutralisierende, den Gegensatz aufhebende Gebrauch eines Antonyms findet sich übrigens nicht nur bei den Adjektiven (Eigenschaftswörtern), sondern z. B. auch bei den Substantiven (Hauptwörtern): Wir messen die Größe, Höhe, Breite, Länge des Schrankes, nicht die Kleinheit, Niedrigkeit, Schmalheit, Kürze - selbst wenn es sich um ein minikleines Möbelstück handelt.

Sowohl beim Messen als auch bei der Frage greifen wir also immer nur auf den einen Pol des Antonymenpaares zurück. Wir fragen: Wie groß ist das Haus?, nie: Wie klein ist es? (obwohl damit im Grunde genau dasselbe erfragt würde). Es scheint so - das nebenbei bemerkt; jetzt machen wir beinahe einen Ausflug in die Sprachphilosophie -, als wäre für unser Empfinden das eine Antonym von positiver, das andere von negativer Polarität (wobei der positive Begriff den Ausgangspunkt unseres Denkens bildet). Wir gehen gewissermaßen von einer Normgröße aus und fragen von diesem positiven Pol aus nach der tatsächlichen Größe. Wir gehen von einem gewissen Alter aus und fragen von dort aus nach der absoluten Jahreszahl. Deshalb sagen wir normalerweise auch, dass kleine Dinge von geringer Größe sind, und nicht, dass große Dinge von geringer Kleinheit sind. Und im allgemeinen wird das unmarkierte Antonym (z. B. groß) beim Komparativ für die positive Seite gebraucht, also für das, was als mehr als, aber nicht für das, was als weniger als die Norm empfunden wird.

Eine vielfach unterteilte Skala

Genug davon. Wir haben jetzt immer so getan, als gebe es auf der Skala der Größenverhältnisse nur das Gegensatzpaar groß-klein. Aber eigentlich sind das nur 2 von theoretisch unendlich vielen Unterteilungen und Bezeichnungen: mikroskopisch klein, winzig, klitzeklein, klein, normal, groß, hünenhaft, baumlang, riesig. Wir sehen: groß ist ein Relationsbegriff. Er bildet ein Element aus einem ganzen Spektrum von Begriffen, die sich auf die relative Größe einer Sache beziehen, nicht auf ihre absolute Größe. Alle diese Begriffe miteinander decken das gesamte Spektrum ab, jeder Einzelbegriff einen mehr oder weniger umfangreichen Teil der Skala. Die Begriffe auf dieser Skala bewegen sich von einem Mittelwert aus - normal - nach unten und nach oben, diminutiv und augmentativ, vom Zwerg bis zum Riesen. Man könnte die Extrempositionen der Skala festschreiben, könnte die Außenwerte zu absoluten Größen erklären, zu Fixwerten: kleiner geht es nicht, größer geht es nicht. Aber alle Zwischenpositionen sind relativ größer bzw. relativ kleiner, je nachdem, ob man nach oben oder nach unten hin vergleicht.

Ein Beispiel: die Zeugnisnoten. Alle Noten zusammen füllen ein referentielles Kontinuum aus; die Einzelnoten sind je nach Differenzierungsgrad mehr oder weniger gewichtig. In Deutschland und in der Schweiz haben wir eine 6er-Skala (6 Unterteilungen); folglich ist gut relativ stark eingegrenzt. Theoretisch vorstellbar wäre auch eine 2-Teilung (gut - schlecht / nicht gut) mit der Folge, dass gut einen viel höheren Stellenwert bekommt, eine größeres Gewicht bzw. eine völlig anders geartete Bedeutung: Kein Gut zu haben wäre bei der 6er-Skala kein Beinbruch, im 2er-System wäre es der Untergang! In Frankreich hat man sogar 20 Abstufungen. Da macht es natürlich keinen großen Unterschied, ob man ein Gut hat - wenn es diese Bezeichnung überhaupt gibt - oder eine benachbarte Note. Übrigens besteht zwischen dem deutschen und dem Schweizer Notensystem doch ein Unterschied (abgesehen davon, dass die Deutschen von 1 bis 6 zählen und die Schweizer von 6 bis 1): In der Schweiz gibt es 3 Noten überm Strich und 3 darunter, in Deutschland 4 überm Strich und 2 drunter. Bei beiden Skalen ist Gut die zweite Note von oben, und doch ist Gut nicht gleich Gut: In der Schweiz umfasst es ein Drittel des positiven Bereichs, in Deutschland nur ein Viertel! Von daher könnte man sagen: Das schweizerische Gut ist gewichtiger, weil es auch einen Teil des deutschen Befriedigend abdeckt; das deutsche Gut ist sozusagen nach oben gerutscht. Und deshalb - seien Sie mir nicht böse - könnte man auch sagen: Das deutsche Gut besser ist als das schweizerische. Auf jeden Fall ist klar: Je höher die Differenzierung, desto geringer der Umfang des einzelnen Begriffs.

Welchen Umfang ein solcher antonymischer Begriff abdeckt, hängt von der Gesamtzahl der Begriffe ab, die verwendet werden können. Und das wiederum ist zunächst einmal von den lexikalischen Möglichkeiten abhängig (welche Vokabeln zu dem diskutierten Wortfeld stellt die betreffende Sprache zur Verfügung?). Außerdem kann das Wortfeld durch das Sprachverhalten der jeweiligen gesellschaftlichen Gruppe eingeschränkt sein (Soziolekt) bzw. das Sprachverhalten des einzelnen Sprachteilhabers widerspiegeln (Idiolekt). Und schließlich sind auch die Literaturgattung und ähnliche Faktoren zu berücksichtigen (in der Poesie wird z. B. eher ein gehobenes und leicht antiquiertes Wortregister gebraucht, in einem Sachbuch fachsprachliche Ausdrücke, in einem Roman umgangssprachliche Wendungen).

Auf der Zielgeraden

Erinnern Sie sich noch an unseren Wanderer, der die Felswand entlanggeht, statt sich direkt zur Dorfkirche abzuseilen? Vielleicht haben Sie inzwischen das Gefühl, wir hätten uns längst hoffnungslos verlaufen und wären meilenweit vom Ziel entfernt. Aber ob Sie's glauben oder nicht - wir sind schon vor einiger Zeit umgekehrt und marschieren wieder Richtung Dorf. Deshalb will ich seit langer Zeit endlich wieder eine Frage stellen, die unmittelbar mit dem Drachen aus Offbg. 12 zu tun hat: Welchen Teil des Gesamtspektrums deckt das griechische Wort μεγας ab? Um das zu wissen, müsste man sämtliche Begriffe und Ausdrücke des Griechischen zu diesem Wortfeld zusammenstellen; erst dann ergibt sich eine zutreffende Vorstellung vom quantitativen und qualitativen Wert des Einzelbegriffs. Möglicherweise deckt das griechische μεγας mehr ab als das deutsche groß. Oder zumindest - so viel ist sicher - werden die beiden Wörter nicht deckungsgleich verwendet. Im griechischen NT heißt es: Er spricht mit großer Stimme; in natürliches, idiomatisch korrektes Deutsch übersetzt muss es heißen: Er spricht mit lauter Stimme.

Und vor allem müsste man nicht nur das Griechische als solches untersuchen (genauer: die Koine, die damalige Umgangssprache, in der auch das NT abgefasst ist), sondern speziell das Vokabular des Johannes in der Offenbarung. Vielleicht gebraucht er nur eine 2-Teilung (groß-klein)? Das würde es umso mehr rechtfertigen, seinen Sprachgebrauch bei der Übersetzung den Erwartungen und den Möglichkeiten des Deutschen anzupassen und ein verfeinertes Vokabular zu verwenden.

Halten wir uns, ehe wir endgültig zu Offbg. 12 zurückkehren, nochmals die grundsätzliche Einsicht vor Augen, um die es im Grunde die ganze Zeit gegangen ist: Die Bedeutung eines Wortes rekrutiert sich nicht aus dem einzelnen, isolierten Wort, sondern immer nur in einem Wortverband. Der Kontext bestimmt über die Bedeutung der Einzelwörter. Das gilt sogar bei scheinbar referentiell eindeutigen Ausdrücken wie z. B. Zürich. Isoliert betrachtet, wären wir uns allesamt einig: Zürich ist jene große Stadt an der Limmat, oder allenfalls: Damit sind die Bewohner der Stadt gemeint. Aber nun stellen wir den Einzelbegriff in den Zusammenhang einer Aussage: Zürich hat verloren. Wer ist jetzt gemeint? Der FC Zürich gegen den FC Basel (bei einem Fußballspiel)? Der Stadtrat (bei einer politischen Auseinandersetzung)? Die Reformierte Kirche des Kantons Zürich (beim Tauziehen um die Meinungsführerschaft mit den Berner Reformierten)? Wie auch immer - mit ziemlicher Sicherheit ist eben nicht das gesamte Zürich gemeint, wie das Einzelwort zunächst nahelegt. Wie gesagt: Der Kontext bestimmt über die Bedeutung des Wortes. Bei einem Relationsbegriff wie groß ist das besonders offensichtlich, das haben wir uns in aller Ausführlichkeit angesehen. groß gibt keine absolute Größe an, sondern impliziert immer einen Vergleich.

Die Größe des Drachen


Welche Vergleichsgrößen haben wir denn nun im Umfeld von μεγας in Offbg. 12,3? (Sie merken, wir sind endlich am Ziel angelangt, wir stehen unmittelbar vor der Dorfkirche!)

(a) Zunächst: μεγας wird von einem Drachen gesagt. Seine Größe wird betont. Nun würden wir uns aber einen Drachen sowieso als etwas Großes vorstellen. Ein kleiner Drache - das wäre eine überraschende Kennzeichnung. Aber „ein großer Drache“ - das ist im Grunde fast so etwas wie ein „weißer Schimmel“. Die Wendung enthält ein überflüssiges Element, sie ist redundant. Es sei denn, dass damit eine über die Erwartung bzw. über die Vorstellungswelt hinausgehende Größe bezeichnet wird, sozusagen eine Übergröße: XXL. Deshalb darf angenommen werden, dass μεγας hier nicht gegen die Mitte des Spektrums hin angesiedelt ist, sondern am oberen Rand. Und deshalb dürfte eine Wiedergabe wie riesig der Intention des Griechischen entsprechen.

(b) Und es dürfte dem entsprechen, was Johannes gesehen hat. Man denke an den weiteren Kontext: Eine Frau, mit der Sonne bekleidet, den Mond unter ihren Füßen - also eine ungeheuer große Gestalt, eine Gestalt von kosmischen Ausmaßen. Vor ihr sieht Johannes einen Drachen stehen, offensichtlich in entsprechender Größe, einen Drachen, der sie bedroht und nur darauf wartet, über sie und ihr Kind herzufallen. Deshalb passt ein bloßes groß nicht recht, und aus demselben Grund passt riesig sehr gut.

(c) Außerdem ist die Einleitung der Vision zu beachten: Johannes kündigt etwas „Außergewöhnliches und Bedeutungsvolles“ an. Erwartet man dann nicht zu Recht etwas, was unsere gewöhnlichen Vorstellungen und Maße sprengt?

Aus all diesen Gründen wäre die Wiedergabe von μεγας mit groß antiklimaktisch,  abschwächend statt steigernd; sie wäre geradezu kontradiktorisch, im Widerspruch zur übrigen Darstellung.

Fazit: Mit riesig verfälschen wir nichts. riesig passt besser, beschreibt die Vision zutreffender. Und wir brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben - als hätten wir etwas nach unseren Vorstellungen umgebogen, als hätten wir das Wörterbuch nicht ernstgenommen, als würden wir willkürlich etwas in den Text hineinlesen, was gar nicht drinsteht. Es stimmt, wir interpretieren (das tun wir bei allem Übersetzen), aber nicht willkürlich, sondern nach gut begründeten linguistischen und exegetischen Gesichtspunkten.

Sehen Sie: Jede Übersetzung interpretiert. Viele Christen denken: Die guten, genauen Bibelübersetzungen lassen alles Interpretieren aus dem Spiel, die weniger guten interpretieren. Das ist leider eine Illusion. Keine einzige Übersetzung kommt ohne Interpretationen aus, und zwar Interpretationen auf Schritt und Tritt - auch nicht die Elberfelder, nicht einmal die Konkordante, die so übergenau ist, dass man streckenweise kaum noch etwas versteht. Der Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Übersetung ist der zwischen einer guter und einer schlechten Interpretation, zwischen eigenen Meinungen, die willkürlich in den Text hineingelesen werden, und solchen, die auf sorgfältiger exegetischer und linguistischer Arbeit beruhen. Nochmals: Übersetzung ist immer mit Auslegung verbunden. Die Alternativen heißen nicht: Auslegung oder keine Auslegung, sondern gute Auslegung oder schlechte Auslegung.

Einführung ausführlich - Wiederholung kurz und knapp

So viel zu Offbg. 12,3. Nun noch ganz rasch zu Vers 9: Wieso haben wir μεγας dort nicht auch mit riesig wiedergegeben? Die Antwort ist simpel: Weil hier nicht mehr die Beschreibung der äußeren Erscheinung im Vordergrund steht, sondern die Identifizierung des Drachen. Er ist die Schlange der Urzeit, er ist der Teufel, der Satan. Von der Beschreibung in Vers 3 muss daher nur das Nötigste wiederholt werden, um für den Leser bzw. Hörer sicherzustellen, dass es sich um dasselbe Wesen, um dieselbe Person handelt.

Wenn eine neue Person eingeführt wird, ist eine detaillierte Schilderung ihres Aussehens angebracht. Danach jedoch reicht ein knapper, identifizierender Rückbezug. Jede Wiederholung der ausführlichen Beschreibung hat den Effekt einer (unmotivierten) Markierung. Man weiß ja inzwischen, wie die Person aussieht - wieso wird es dann nochmals gesagt? Der Leser sucht nach einem Grund (den es nicht gibt), und ist irritiert. Man stelle sich vor, wie es wäre, wenn Johannes bei jedem Vorkommen des Drachen in Kap. 12 den ganzen Rattenschwanz (pardon: Drachenschwanz) der Verse 3 und 4 mitschleppen würde: der riesige, feuerrote Drache, der 7 Köpfe und 10 Hörner hatte und auf jedem seiner 7 Köpfe eine Krone trug. Es reicht, lieber Johannes, würden wir sagen, es reicht - das alles hast du uns doch längst mitgeteilt.

Wieso fügt Johannes überhaupt nochmals μεγας hinzu (nachdem er es in Vers 4b und in Vers 7 nicht getan hatte)? Meines Erachtens vermutlich deshalb, weil es sich in Vers 9 um eine andere Art von Aussage handelt. Bis dahin verfährt Johannes rein deskriptiv und narrativ: Die Person wird eingeführt und beschrieben, und daraufhin wird geschildert, was sie tut und erlebt. Das ist typisch für den “Wahrnehmungsmodus“ der Offenbarung - der Seher teilt uns in aller Regel einfach mit, was er beobachtet. In Vers 9 hingegen macht Johannes etwas, was er eigentlich nur sehr selten tut: Er wird für einen Augenblick zum Interpreten, d. h. er schildert nicht nur, was er sieht, sondern er deutet eines der Symbole, gibt an, wer hinter der Maske steckt. Vers 9a bildet sozusagen eine Hintergrundinformation. Und darin - so scheint mir - ist der Grund zu suchen, weshalb diese Aussage auch formal abgesetzt ist vom narrativen Umfeld und weshalb Johannes bewusst über den berichtenden Teil hinweg an Vers 3 anknüpft.

Übrigens könnte man diese Überlegungen noch weiterführen und auch an Vers 4b eine kritische Anfrage richten: Wieso spricht Johannes dort nochmals ausdrücklich vom Drachen (nicht nur in der NGÜ, sondern genauso auch im Griechischen!)? Würde nicht ein deiktisches, ein zurückverweisendes Pronomen reichen? „Er stellte sich vor die Frau hin“ - wäre da irgend jemand unsicher, um wen es sich bei Er handelt? Bestimmt nicht. Aber in einem anderen Punkt wären wir unsicher: Wo hört die Beschreibung auf, und wo beginnt die Handlung? Die nominale Nennung des Subjekts markiert einen Einschnitt: Jetzt - so signalisiert Johannes - kommt es zu einem Wechsel in der Darstellung. Bis dahin hat er gewissermaßen ein Diapositiv vorgeführt, ein statisches Bild, auf dem die maßgebenden Figuren zu sehen waren, die Frau und der Drache. Jetzt legt er ein Video ein - das Bild beginnt sich zu bewegen, die Gestalten fangen an zu handeln, das Drama wird in Gang gesetzt. Die nochmalige ausdrückliche Nennung des Drachen definiert also den Übergang von der Beschreibung der Ausgangssituation zum Einsetzen der Handlung. (Damit wird auch deutlich, dass das Herunterfegen der Sterne vom Himmel auf die Erde in Vers 4a - obwohl es, formal gesehen, eine Handlung darstellt - statisch zu verstehen ist, immer noch als Teil der Background-Schilderung. Das ist auch der Grund, weshalb wir mitten im Vers einen Absatz eingefügt haben.)

So, das war nun ein langer, intensiver Blick auf einen winzigen Ausschnitt aus dem, was Sprache ist, und aus dem, was Übersetzen bedeutet. Übersetzen bedeutet, für die sprachlichen Symbole des einen Textes die angemessenen sprachlichen Symbole in der anderen Sprache zu finden, damit die außersprachliche Wirklichkeit, um die es im Ausgangstext geht, auch im übersetzten Text so genau wie möglich bezeichnet wird. Das ist auch unser Anliegen bei der Neuen Genfer Übersetzung.