Wie groß ist ein Drache? - Eine vielfach unterteilte Skala

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Wie groß ist ein Drache?
Mega: Offenbarung Kapitel 12, Vers 3
Ein Mega-Drache
Umweg statt Kurzschluss
Symbol und Wirklichkeit
Die Bedeutung des Kontextes für die Bedeutung
Gegensatzpaare
größer und kleiner
Was groß ist, kann auch klein sein
Absolute Gegensätze
Fragen, die alles offen lassen
Eine vielfach unterteilte Skala
Auf der Zielgeraden
Die Größe des Drachen
Einführung ausführlich - Wiederholung kurz und knapp
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Eine vielfach unterteilte Skala

Genug davon. Wir haben jetzt immer so getan, als gebe es auf der Skala der Größenverhältnisse nur das Gegensatzpaar groß-klein. Aber eigentlich sind das nur 2 von theoretisch unendlich vielen Unterteilungen und Bezeichnungen: mikroskopisch klein, winzig, klitzeklein, klein, normal, groß, hünenhaft, baumlang, riesig. Wir sehen: groß ist ein Relationsbegriff. Er bildet ein Element aus einem ganzen Spektrum von Begriffen, die sich auf die relative Größe einer Sache beziehen, nicht auf ihre absolute Größe. Alle diese Begriffe miteinander decken das gesamte Spektrum ab, jeder Einzelbegriff einen mehr oder weniger umfangreichen Teil der Skala. Die Begriffe auf dieser Skala bewegen sich von einem Mittelwert aus - normal - nach unten und nach oben, diminutiv und augmentativ, vom Zwerg bis zum Riesen. Man könnte die Extrempositionen der Skala festschreiben, könnte die Außenwerte zu absoluten Größen erklären, zu Fixwerten: kleiner geht es nicht, größer geht es nicht. Aber alle Zwischenpositionen sind relativ größer bzw. relativ kleiner, je nachdem, ob man nach oben oder nach unten hin vergleicht.

Ein Beispiel: die Zeugnisnoten. Alle Noten zusammen füllen ein referentielles Kontinuum aus; die Einzelnoten sind je nach Differenzierungsgrad mehr oder weniger gewichtig. In Deutschland und in der Schweiz haben wir eine 6er-Skala (6 Unterteilungen); folglich ist gut relativ stark eingegrenzt. Theoretisch vorstellbar wäre auch eine 2-Teilung (gut - schlecht / nicht gut) mit der Folge, dass gut einen viel höheren Stellenwert bekommt, eine größeres Gewicht bzw. eine völlig anders geartete Bedeutung: Kein Gut zu haben wäre bei der 6er-Skala kein Beinbruch, im 2er-System wäre es der Untergang! In Frankreich hat man sogar 20 Abstufungen. Da macht es natürlich keinen großen Unterschied, ob man ein Gut hat - wenn es diese Bezeichnung überhaupt gibt - oder eine benachbarte Note. Übrigens besteht zwischen dem deutschen und dem Schweizer Notensystem doch ein Unterschied (abgesehen davon, dass die Deutschen von 1 bis 6 zählen und die Schweizer von 6 bis 1): In der Schweiz gibt es 3 Noten überm Strich und 3 darunter, in Deutschland 4 überm Strich und 2 drunter. Bei beiden Skalen ist Gut die zweite Note von oben, und doch ist Gut nicht gleich Gut: In der Schweiz umfasst es ein Drittel des positiven Bereichs, in Deutschland nur ein Viertel! Von daher könnte man sagen: Das schweizerische Gut ist gewichtiger, weil es auch einen Teil des deutschen Befriedigend abdeckt; das deutsche Gut ist sozusagen nach oben gerutscht. Und deshalb - seien Sie mir nicht böse - könnte man auch sagen: Das deutsche Gut besser ist als das schweizerische. Auf jeden Fall ist klar: Je höher die Differenzierung, desto geringer der Umfang des einzelnen Begriffs.

Welchen Umfang ein solcher antonymischer Begriff abdeckt, hängt von der Gesamtzahl der Begriffe ab, die verwendet werden können. Und das wiederum ist zunächst einmal von den lexikalischen Möglichkeiten abhängig (welche Vokabeln zu dem diskutierten Wortfeld stellt die betreffende Sprache zur Verfügung?). Außerdem kann das Wortfeld durch das Sprachverhalten der jeweiligen gesellschaftlichen Gruppe eingeschränkt sein (Soziolekt) bzw. das Sprachverhalten des einzelnen Sprachteilhabers widerspiegeln (Idiolekt). Und schließlich sind auch die Literaturgattung und ähnliche Faktoren zu berücksichtigen (in der Poesie wird z. B. eher ein gehobenes und leicht antiquiertes Wortregister gebraucht, in einem Sachbuch fachsprachliche Ausdrücke, in einem Roman umgangssprachliche Wendungen).