Wie groß ist ein Drache? - Einführung ausführlich - Wiederholung kurz und knapp

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Wie groß ist ein Drache?
Mega: Offenbarung Kapitel 12, Vers 3
Ein Mega-Drache
Umweg statt Kurzschluss
Symbol und Wirklichkeit
Die Bedeutung des Kontextes für die Bedeutung
Gegensatzpaare
größer und kleiner
Was groß ist, kann auch klein sein
Absolute Gegensätze
Fragen, die alles offen lassen
Eine vielfach unterteilte Skala
Auf der Zielgeraden
Die Größe des Drachen
Einführung ausführlich - Wiederholung kurz und knapp
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Einführung ausführlich - Wiederholung kurz und knapp

So viel zu Offbg. 12,3. Nun noch ganz rasch zu Vers 9: Wieso haben wir μεγας dort nicht auch mit riesig wiedergegeben? Die Antwort ist simpel: Weil hier nicht mehr die Beschreibung der äußeren Erscheinung im Vordergrund steht, sondern die Identifizierung des Drachen. Er ist die Schlange der Urzeit, er ist der Teufel, der Satan. Von der Beschreibung in Vers 3 muss daher nur das Nötigste wiederholt werden, um für den Leser bzw. Hörer sicherzustellen, dass es sich um dasselbe Wesen, um dieselbe Person handelt.

Wenn eine neue Person eingeführt wird, ist eine detaillierte Schilderung ihres Aussehens angebracht. Danach jedoch reicht ein knapper, identifizierender Rückbezug. Jede Wiederholung der ausführlichen Beschreibung hat den Effekt einer (unmotivierten) Markierung. Man weiß ja inzwischen, wie die Person aussieht - wieso wird es dann nochmals gesagt? Der Leser sucht nach einem Grund (den es nicht gibt), und ist irritiert. Man stelle sich vor, wie es wäre, wenn Johannes bei jedem Vorkommen des Drachen in Kap. 12 den ganzen Rattenschwanz (pardon: Drachenschwanz) der Verse 3 und 4 mitschleppen würde: der riesige, feuerrote Drache, der 7 Köpfe und 10 Hörner hatte und auf jedem seiner 7 Köpfe eine Krone trug. Es reicht, lieber Johannes, würden wir sagen, es reicht - das alles hast du uns doch längst mitgeteilt.

Wieso fügt Johannes überhaupt nochmals μεγας hinzu (nachdem er es in Vers 4b und in Vers 7 nicht getan hatte)? Meines Erachtens vermutlich deshalb, weil es sich in Vers 9 um eine andere Art von Aussage handelt. Bis dahin verfährt Johannes rein deskriptiv und narrativ: Die Person wird eingeführt und beschrieben, und daraufhin wird geschildert, was sie tut und erlebt. Das ist typisch für den “Wahrnehmungsmodus“ der Offenbarung - der Seher teilt uns in aller Regel einfach mit, was er beobachtet. In Vers 9 hingegen macht Johannes etwas, was er eigentlich nur sehr selten tut: Er wird für einen Augenblick zum Interpreten, d. h. er schildert nicht nur, was er sieht, sondern er deutet eines der Symbole, gibt an, wer hinter der Maske steckt. Vers 9a bildet sozusagen eine Hintergrundinformation. Und darin - so scheint mir - ist der Grund zu suchen, weshalb diese Aussage auch formal abgesetzt ist vom narrativen Umfeld und weshalb Johannes bewusst über den berichtenden Teil hinweg an Vers 3 anknüpft.

Übrigens könnte man diese Überlegungen noch weiterführen und auch an Vers 4b eine kritische Anfrage richten: Wieso spricht Johannes dort nochmals ausdrücklich vom Drachen (nicht nur in der NGÜ, sondern genauso auch im Griechischen!)? Würde nicht ein deiktisches, ein zurückverweisendes Pronomen reichen? „Er stellte sich vor die Frau hin“ - wäre da irgend jemand unsicher, um wen es sich bei Er handelt? Bestimmt nicht. Aber in einem anderen Punkt wären wir unsicher: Wo hört die Beschreibung auf, und wo beginnt die Handlung? Die nominale Nennung des Subjekts markiert einen Einschnitt: Jetzt - so signalisiert Johannes - kommt es zu einem Wechsel in der Darstellung. Bis dahin hat er gewissermaßen ein Diapositiv vorgeführt, ein statisches Bild, auf dem die maßgebenden Figuren zu sehen waren, die Frau und der Drache. Jetzt legt er ein Video ein - das Bild beginnt sich zu bewegen, die Gestalten fangen an zu handeln, das Drama wird in Gang gesetzt. Die nochmalige ausdrückliche Nennung des Drachen definiert also den Übergang von der Beschreibung der Ausgangssituation zum Einsetzen der Handlung. (Damit wird auch deutlich, dass das Herunterfegen der Sterne vom Himmel auf die Erde in Vers 4a - obwohl es, formal gesehen, eine Handlung darstellt - statisch zu verstehen ist, immer noch als Teil der Background-Schilderung. Das ist auch der Grund, weshalb wir mitten im Vers einen Absatz eingefügt haben.)

So, das war nun ein langer, intensiver Blick auf einen winzigen Ausschnitt aus dem, was Sprache ist, und aus dem, was Übersetzen bedeutet. Übersetzen bedeutet, für die sprachlichen Symbole des einen Textes die angemessenen sprachlichen Symbole in der anderen Sprache zu finden, damit die außersprachliche Wirklichkeit, um die es im Ausgangstext geht, auch im übersetzten Text so genau wie möglich bezeichnet wird. Das ist auch unser Anliegen bei der Neuen Genfer Übersetzung.