Wie groß ist ein Drache? - Symbol und Wirklichkeit

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Wie groß ist ein Drache?
Mega: Offenbarung Kapitel 12, Vers 3
Ein Mega-Drache
Umweg statt Kurzschluss
Symbol und Wirklichkeit
Die Bedeutung des Kontextes für die Bedeutung
Gegensatzpaare
größer und kleiner
Was groß ist, kann auch klein sein
Absolute Gegensätze
Fragen, die alles offen lassen
Eine vielfach unterteilte Skala
Auf der Zielgeraden
Die Größe des Drachen
Einführung ausführlich - Wiederholung kurz und knapp
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Symbol und Wirklichkeit

Zunächst einmal eine grundlegende Einsicht: Sprachen sind Symbolsysteme. Die gesprochenen oder geschriebenen Wörter sind Symbole (phonetische [gesprochene] oder graphische [geschriebene] Symbole), die auf eine außersprachliche Wirklichkeit hinweisen. Dabei sind die Symbole zwar nicht immer zufällig zustandegekommen, sind aber doch zumeist willkürlich und auf jeden Fall konventionell [auf Übereinkunft beruhend] (im Gegensatz zu natürlichen Symbolen, z. B. Rauch als Anzeichen für Feuer).

Beispiel (von der außersprachlichen Wirklichkeit her kommend):

[außersprachliche Bezugsgröße] weibliches Hausrind
[sprachliches Symbol] Kuh (dt.), cow (engl.), vache (frz.)

Beispiel (vom Symbol her kommend):

KIND je nach Sprache
- Kind (dt.)
- Art; freundlich (engl.)

Häufig stößt man auf die naive Annahme, beim Erlernen der Symbole einer anderen Sprachgemeinschaft müssten nur die Symbole ausgetauscht werden, die Bedeutungen würden sich einigermaßen decken. (Das führt zu sogenannten “Wörterbuchübersetzungen“: Wort für Wort schlägt man im Wörterbuch nach und ersetzt es durch die dort angegebene Bedeutung. Überall, wo im griechischen Text mega steht, gibt man das im Deutschen mit groß wieder.) Wäre jene Annahme richtig, dann könnte man eine andere Sprache lediglich mit Lexikon und Grammatik lernen - dass das nicht funktioniert, merkt jeder Schüler, der zum erstenmal ins Ausland kommt und sich dort mit der Sprache zurechtfinden muss, die er in der Schule so fleißig und so erfolgreich gebüffelt hat.

Meist schätzen wir die Auswirkungen des Turmbaus von Babel zu gering ein; wir haben das Ausmaß dieser Katastrophe nicht begriffen. Als Gott die Sprachen verwirrte, hat er gründliche Arbeit geleistet. Er hat nicht nur die einzelnen Symbole ausgetauscht, sondern jede Sprache (z. T.  völlig) anders programmiert und konzipiert. Alles ist durcheinandergeraten. Die Zuordnung der Symbole zu dem Bezeichneten ist einzelsprachlich völlig verschieden; die Wortfelder sind auf unterschiedlichste Weise organisiert, die Sätze immer wieder anders strukturiert. Das gilt selbst bei nahe verwandten Sprachen. Darauf weist schon Martin Luthers berühmtes Diktum in seinem Sendbrief vom Dolmetschen hin: „Man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll Deutsch reden ... sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen; da verstehen sie es denn und merken, dass man deutsch mit ihnen redet.“

Beispiel:

kind (engl.) im Deutschen je nach Zusammenhang
- Art
- freundlich

Im Englischen 1 Symbol für zwei ganz verschiedene Dinge; im Deutschen dafür je ein eigenes Symbol.

Beispiel:

frz. Le président mange - La vache mange
dt. Der Präsident isst - Die Kuh frisst

Wo das Französische 1 Symbol hat, verwendet das Deutsche 2.

Der Sachverhalt ist jedesmal derselbe (Nahrungsaufnahme). Trotzdem symbolisieren essen und
fressen nicht dieselbe Bedeutung. Man kann das auf einfache Weise testen, indem man die beiden Ausdrücke vertauscht:

Der Präsident frisst bezeichnet denselben Vorgang, ändert aber seine Bedeutung, kennzeichnet ihn als negativ (“tierähnlich“ - so etwas tut ein anständiger Mensch nicht).

Die Kuh isst: ist zwar nicht bedeutungsverändernd, wirkt aber deplaziert und wird als sprachliche Fehlleistung empfunden (mit komischem Effekt).