Die Bibel genau übersetzen - wie macht man das?

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Die Bibel genau übersetzen - wie macht man das?
Übersetzen ist nötig
Übersetzen ist möglich
Wörter sind mehrdeutig
Aussagen sind eindeutig
Vom Wort zum Satz
Was zwischen den Zeilen steht: explizieren und implizieren
Sachtext oder Fiktivtext
Bibellesen ist Vertrauenssache
Zwei Zitate und zwei Schlussfolgerungen
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von Andreas Symank

Vortrag vom 1.6.2003 im Rahmen der Konferenz „70 Jahre Haus der Bibel Zürich"

„Bibel“ kommt aus dem Griechischen und heißt ganz einfach „Buch“.[1] Die Bibel ist das Buch schlechthin, das „Buch der Bücher“. Ein einzigartiges Buch. Das Buch, durch das Gott zu uns spricht. Aber die Bibel ist noch in einem anderen Sinn „das Buch der Bücher“. Sie ist ein Buch, das aus vielen Büchern besteht. Eine Bibliothek, die 66 Bücher umfasst.

Das letzte dieser Bücher, das ich übersetzt habe, ist der Philipperbrief. In der demnächst erscheinenden Teilausgabe NGÜ2003 wird er zum ersten Mal gedruckt vorliegen.

ος εν μορφη θεου υπαρχων
ουχ αρπαγμον ηγησατο το ειναι ισα θεου
αλλα εαυτον εκενωσεν μορφην δουλου λαβων
εν ομοιωματι ανθρωπων γενομενος
και σχηματι ευρεθεις ως ανθρωπος
εταπεινωσεν εαυτον
γενομενος υπηκοος μεχρι θανατου
θανατου δε σταυρου
διο και ο θεος αυτον υπερυψωσεν
και εχαρισατο αυτω το ονομα το υπερ παν ονομα
ινα εν τω ονοματι Ιησου παν γονυ καμψη
επουρανιων και επιγειων και καταχθονιων
και πασα γλωσσα εξομολογησηται
οτι κυριος Ιησους Χριστος
εις δοξαν θεου πατρος

Hier sehen Sie ein Stück von diesem Brief, Kapitel 2, die Verse 6-11, den berühmtesten Teil des Briefes, das sogenannte carmen Christi, das „Lied“ vom Abstieg und Aufstieg von Jesus Christus. Hier sehen Sie aber auch sehr konkret, wieso es nötig ist, die Bibel zu übersetzen. Der Grund ist ganz einfach: Weil wir nicht alle Griechisch können. Die Originaltexte der Bibel sind in Sprachen abgefasst, die den meisten von uns vollkommen fremd sind - Griechisch (genauer: Altgriechisch), Hebräisch (genauer: Althebräisch) und Aramäisch. Deshalb müssen die biblischen Bücher in eine Sprache übersetzt werden, die wir verstehen, am besten in unsere Muttersprache.
[1] Eigentlich: Bibel < lateinisch biblia = die Bücher (nämlich der Heiligen Schrift) < griechisch τα βιβλια / ta biblia, Plural zu το βιβλιον / to biblion = das Buch.

Übersetzen ist nötig

Müssen sie wirklich übersetzt werden? Nur weil wir nicht Griechisch können? Diese Begründung ist unvollständig. Es gibt noch einen Grund hinter diesem Grund: Die Texte müssen übersetzt werden, weil sie uns interessieren (und nicht nur, weil wir die fremde Sprache nicht verstehen).

Als Paulus seine Briefe schrieb, gab es ja noch unzählige andere Leute, die griechische Texte verfassten. Denken Sie an die Korrespondenz der Geschäftsleute. Oder an die Manuskripte der Dozenten. Oder an den Rechenschaftsbericht eines römischen Staatsbeamten. Oder an den Notizzettel eines Handwerkers. Alles griechische Texte! Alles Texte, die wir nicht lesen können. Müssen sie deshalb übersetzt werden? Für einen Altertumsforscher vielleicht. Aber für uns? Wohl kaum. Dafür interessieren sie uns zu wenig. Uns fehlt die Zeit, uns intensiv mit jener längst vergangenen Epoche abzugeben.

Aber die Bibel interessiert uns. Wir möchten wissen, was in diesem „Buch der Bücher“ steht. Und deshalb gibt es Bibelgesellschaften, die Übersetzer anstellen und dafür sorgen, dass der heutige Leser die Bibel in seiner Sprache lesen kann.

Damit sind wir bereits bei einem eminent wichtigen Punkt: Wer die Bibel übersetzen will, muss das so genau wie nur irgend möglich tun. Den deutschen Leser interessiert nicht, wie Herr Symank in religiösen Fragen denkt; er möchte wissen, was der Prophet Jesaja, was der Apostel Petrus, was Jesus Christus selbst in Sachen Religion zu sagen hat. Der Übersetzer ist kein Autor. Er erfindet keinen Text. Er findet einen Text vor und hat diesen so sorgfältig und gewissenhaft wie möglich wiederzugeben.

Eigentlich versteht sich das von selbst. Wenn ich eine Abhandlung des spanischen Philosophen Ortega y Gasset in englischer Übersetzung lese (ich kann nicht Spanisch), setze ich natürlich voraus, dass mir die Gedanken von Ortega y Gasset präsentiert werden und nicht die des Übersetzers. Wenn ich einen ins Deutsche übersetzten Roman des russischen Schriftstellers Dostojewski lese (ich kann nicht Russisch), gehe ich davon aus, dass ich es hier mit Dostojewski zu tun habe und nicht mit den Ansichten des Übersetzers. Der Leser eines übersetzten Werkes erwartet zu Recht, dass die Übersetzung den sprachlichen Graben überbrückt und ihn so nah wie möglich an das Original heranführt.

Bei der Bibel ist es genauso, und hier ist diese Erwartung noch einmal so wichtig: Nach dem Selbstverständnis der Bibel handelt es sich beim Inhalt dieses Buches um Offenbarung, um Mitteilungen des einzig wahren Gottes. Es handelt sich um Worte der Wahrheit, um autoritative Aussagen der allerhöchsten Instanz. Kein Mensch - auch nicht der Übersetzer - käme von sich aus auf diese Gedanken. Kein Mensch - erst recht nicht der Übersetzer - dürfte es wagen, an diesen Gedanken auch nur das Geringste zu ändern! Der Bibelübersetzer ist - um einmal dieses etwas altertümliche Bild zu gebrauchen - wie ein Herold, der eine Botschaft seines Königs unter die Leute bringt. Ein Herold ist nicht Ausgangspunkt der Botschaft, er ist nur Vermittler. Wehe, er verfälscht etwas! Sein Auftrag ist es ja gerade, das königliche Wort so genau und so klar wie möglich weiterzugeben. Und die Menschen, die ihm zuhören, sehen nicht den Herold vor sich, sondern den König. Was der Herold zu ihnen sagt, sagt ihnen der König. Wenn es so etwas wie ein übersetzerisches Berufsethos gibt, dann hat sich der Bibelübersetzer doppelt und dreifach daran zu halten. Er muss bereit sein, sich ganz und gar zurückzunehmen und ausschließlich die biblischen Autoren zu Wort kommen zu lassen.

Damit haben wir eine deutliche Abgrenzung vorgenommen, und zwar gegenüber solchen Texttransformationen, die bewusst etwas anderes wollen, als eine genaue Übersetzung zu liefern.
  • Denken Sie z. B. an eine Kinderbibel. Erstens wird dort nicht der gesamte biblische Stoff dargeboten, sondern eine Auswahl getroffen. Zweitens werden die ausgewählten Stücke z. T. sehr stark gerafft und z. T. sehr stark ausgeschmückt. Man bemüht sich, den Text dem kindlichen Aufnahmevermögen anzupassen. Daran ist überhaupt nichts Verkehrtes. Nur sollte man das nicht als Übersetzung bezeichnen. Es handelt sich um eine Bearbeitung.
  • Denken Sie - um einen Schritt weiter zu gehen - an ein Theaterstück oder ein musikalisches Bühnenwerk zu biblischen Stoffen. Hier wird der Bibeltext teilweise völlig umgeschrieben, auf Rollen verteilt, dramaturgisch neu geformt. Wieder: Das ist völlig legitim, solange man klarstellt, dass es sich um eine Bearbeitung handelt und nicht um den eigentlichen Text.
  • Oder denken Sie - jetzt lösen wir uns völlig von der Sprache - an die bildliche Darstellung einer biblischen Erzählung. Im späten Mittelalter gab es die sogenannten bibliae pauperum, die „Armenbibeln“ - bebilderte Bibeln für die „Armen im Geist“, d. h. für alle diejenigen, die nicht lesen und schreiben konnten, für die Analphabeten. Auch die vielen biblischen Geschichten in den bunten Kirchenfenstern hatten unter anderem diese Funktion. Noch einmal: Solche Darstellungen können durchaus biblische Inhalte vermitteln, aber natürlich handelt es sich nicht um Übersetzungen im eigentlichen Sinn. Fachsprachlich gesagt, hat hier eine intersemiotische Transmutation stattgefunden, der Wechsel von einem Zeichensystem (Buchstaben) in ein anderes (Bilder). Intrasemiotische Bearbeitungen bleiben innerhalb desselben Zeichensystems (eine Kinderbibel z. B); intersemiotische Bearbeitungen überschreiten diese Grenze (z. B. Gemälde, Comics oder Filme zur Bibel).
Texttransformation
Alle diese Übertragungs-Vorgänge kann man unter dem Oberbegriff der Texttransformation zusammenfassen. Dagegen ist nichts einzuwenden, solange bei den Unterbegriffen klar zwischen Übersetzung einerseits und Bearbeitung/Umformung andererseits unterschieden wird. Genau das ist heutzutage in manchen Wissenschaftskreisen nicht mehr der Fall. Man postuliert fließende Übergänge zwischen den verschiedenen Kategorien; man hebt die klaren Grenzen auf. Letztlich hat das damit zu tun, dass man den Ausgangstext grundsätzlich als ein vieldeutiges Gebilde ansieht. Er enthält - so wird gesagt - keine eindeutige Botschaft, sein Sinn ist nicht festgelegt. Möglich, dass der Autor etwas mitteilen wollte, aber das ist nicht maßgebend. Vielmehr entscheidet erst der einzelne Leser, welche Auslegung für ihn in seiner Situation die richtige ist.

Es gibt einige durchaus richtige Beobachtungen bei dieser sogenannten reader-response-Kritik (oder Rezeptionsästhetik, wie sie auch genannt wird). So stimmt es natürlich, dass mein Zugang zum Bibeltext immer ein Stück weit subjektiv ist. Man hat beim Bibellesen immer eine Brille auf. Sinnvoll lesen heißt verstehen, und damit ich verstehe, muss ich interpretieren, und jeder interpretiert wieder ein wenig anders. Aber - und das ist entscheidend: Wir können miteinander über unser unterschiedliches Verständnis diskutieren! Wir können unsere Interpretations-Ergebnisse miteinander vergleichen, im Text nach Argumenten pro und contra suchen und so nach und nach zu einer einheitlichen Auffassung kommen. Der Sprachwissenschaftler, der eine Vorlesung über die Rezeptionsästhetik hält, erwartet ja auch, dass seine Zuhörer ihn verstehen. Wenn er davon ausgehen müsste, dass jeder wieder etwas ganz anderes aus seinem Vortrag heraushört, brauchte er ihn gar nicht erst zu halten. Nein, notfalls lässt er Rückfragen zu oder schiebt Erklärungen nach, um sicherzustellen, dass er richtig verstanden wird! Genauso darf auch ein biblischer Autor erwarten, dass man ihn so versteht, wie er es beabsichtigt hat.

Übersetzen ist möglich

Machen wir uns nun also daran, den Bibeltext so genau wie möglich zu übersetzen. Was sich dabei abspielt, lässt sich sehr schön veranschaulichen, wenn man auf den Doppelsinn des deutschen Wortes „übersetzen“ zurückgreift. Der Übersetzer ist gewissermaßen ein Fährmann; der die sprachliche Ladung vom einen Ufer des Flusses ans andere übersetzt. Er übersetzt, indem er übersetzt. Der Fluss stellt die Sprachgrenze dar - auf der einen Seite wird Griechisch gesprochen, auf der anderen Seite Deutsch. Und der Übersetzer vermittelt zwischen den beiden Sprachwelten.

Übersetzer = Fährmann

von einer Sprache in die andere übersetzen
von einem Ufer ans andere übersetzen
Ist eine solche Vermittlung überhaupt möglich? An dieser Stelle kommt eine grundlegende Beobachtung ins Spiel: Jede sprachliche Äußerung (egal, ob mündlich oder schriftlich) lässt sich von zwei Seiten her betrachten - von ihrer Form und von ihrem Inhalt her. Beide Aspekte sind strikt auseinander zu halten und gehören doch untrennbar zusammen. Form und Inhalt, Ausdruck und Bedeutung - die zwei Seiten der Sprach-Medaille.

Form und Inhalt - die zwei Seiten der Sprach-Medaille

Als ich mich für diesen Abend vorbereitete, habe ich mir zunächst mal überlegt, worüber ich zu Ihnen sprechen könnte. Dann habe ich mir die verschiedensten Gedanken zu dem gewählten Thema gemacht. Und jetzt stehe ich hier. Ich könnte einfach stumm dastehen und mir weiterhin Gedanken machen. Mein Kopf wäre voll interessanter Inhalte. Aber davon hätten Sie rein gar nichts. Damit Sie was davon haben, muss ich meine Gedanken zum Ausdruck bringen. Und zwar muss ich ihnen eine Form geben (mündlich oder schriftlich), mit der Sie etwas anfangen können. Konkret heißt das: Ich muss Deutsch zu Ihnen sprechen. Damit habe ich dem Inhalt eine für Sie angemessene Form gegeben; Sie verstehen, was ich Ihnen sagen möchte. Nehmen wir mal an, ich würde plötzlich beschließen, die Form - also die Sprache - zu wechseln und den Rest des Vortrags auf Englisch zu halten. Und nehmen wir mal an, kein einziger von Ihnen könnte Englisch. Was jetzt? Ich würde dieselben Gedanken äußern, und trotzdem würde niemand mich verstehen!

Haben Sie schon mal zugesehen, wenn jemand mit Zeichensprache zu einem Taubstummen spricht? Die Bewegungen und Gesten als solche sind uns nicht fremd; wir könnten sie alle nachahmen. Und trotzdem wissen wir nicht, was da mitgeteilt wird. Wieso? Weil es für uns im wahrsten Sinn des Wortes „Sinn-lose“ Bewegungen sind, Bewegungen, mit denen keine Bedeutung verknüpft ist. Es sind für uns keine Zeichen.

Nicht nur die Taubstummensprache ist eine Zeichensprache; alle Sprachen sind Zeichensprachen. Wenn man z. B. ein Wörterbuch aufschlägt, findet man dort Wörter aufgelistet - sozusagen ein Zeicheninventar der deutschen Sprache. Die Wort-Zeichen verbinden wir mit bestimmten Inhalten, sie sind Bedeutungsträger. In einem englischen Lexikon sind ebenfalls Wörter aufgelistet. Aber solange jemand kein Englisch kann, ist das für ihn nur Druckerschwärze. Die Zeichen bedeuten ihm nichts; er ist sozusagen nicht in das Zeichensystem der Angelsachsen eingeweiht.

Obwohl Engländer und Deutsche alle ihre Wörter aus denselben 26 Buchstaben desselben Alphabets zusammensetzen, sehen ihre jeweiligen Zeichen meist sehr unterschiedlich aus. Manchmal stößt man in beiden Lexika auf ein Zeichen, das tupfengleich aussieht. Und trotzdem bedeutet es für einen Engländer etwas ganz anderes als für einen Deutschen. Das Wort ist im jeweiligen Zeichensystem mit anderen Inhalten verknüpft.

Beispiele:

deutsch/englisch
      - NOT (Substantiv „Bedrängnis“ / Partikel „nicht“)
      - GIFT (Substantiv „schädlicher Stoff“ / Substantiv „Geschenk“)

deutsch/französisch
      - MANCHE (Indefinitpronomen „einige“ / Substantiv „Ärmel/Ärmelkanal“)
      - TUER (Substantiv „Eingang“ / Verb „töten“)

Gehen wir nochmals zum letzten englischen Beispiel zurück: GIFT. Natürlich kann ein Engländer auch von Gift reden (Arsen ist in englischen Krimis besonders beliebt); aber er tut es mit anderen Zeichen (z. B. POISON). Die Buchstabenfolgen sind sozusagen kodiert, verschlüsselt, und zwar in jeder Sprache wieder anders. Die Kodierung unserer Muttersprache lernen wir wie von selbst; es kommt uns vor, als „wissen“ wir einfach, was dieses und jenes Zeichen bedeuten. Die Kodierung einer Fremdsprache kann man - mit viel größerem Aufwand - ebenfalls lernen, und dann wird man zum Wanderer zwischen zwei Sprachwelten.

Aus all dem wird klar, wie wichtig die Unterscheidung zwischen Form und Inhalt ist. Wenn es diese Unterscheidung nicht gäbe, gäbe es auch keine Übersetzung von einer Sprache in eine andere. Wenn der Inhalt ausschließlich an einen einzigen Zeichensatz gebunden wäre, wenn es nur eine Möglichkeit der Verschlüsselung/Kodierung gäbe, dann müssten eben alle Menschen diese eine Sprache lernen. Aber weil Inhalte sich auf beliebige Weise kodieren lassen, gibt es die vielen Sprachen, und deshalb ist es auch möglich, dieselben Inhalte in den verschiedensten Sprachen auszudrücken, mit anderen Worten: demselben Inhalt unterschiedliche Formen zu geben.

Übrigens: Wenn Inhalte nur auf eine einzige Weise formuliert werden könnten, dürfte man letztlich auch nicht über sie nachdenken! Beim Nachdenken formuliere ich um; Nachdenken ist sozusagen ein intralinguales Übersetzen, ein Übersetzen innerhalb derselben Sprache. Wie wichtig dieser Zusammenhang zwischen interlingualem und intralingualem Übersetzen ist, kann man am Umgang vieler Muslime mit dem Koran sehen. Es ist mir immer wieder passiert, dass ich mit einem Muslim über eine Sure diskutieren wollte, die ich in deutscher Übersetzung gelesen hatte. Aber das wurde rundweg abgelehnt - der Koran könne nur in seiner Originalsprache Arabisch richtig verstanden werden. Die Konsequenz aus dieser Haltung sieht genauso aus, wie ich sie eben beschrieben habe: Wenn man nicht in einer fremden Sprache über den Koran nachdenken darf, darf man es letztlich auch nicht in Arabisch. In den Koranschulen in aller Welt lernen zahllose Kinder den arabischen Wortlaut der Suren auswendig, ohne auch nur ein Wort davon zu verstehen.

Übersetzen heißt: die Form ändern, den Inhalt belassen.

Aus dem allem dürfte bereits klar geworden sein, worauf es beim Übersetzen vor allem ankommt: auf den Inhalt, nicht auf die Form. Übersetzen heißt eigentlich nichts anderes als: die Form ändern, den Inhalt belassen. Die Gedanken sind sozusagen Kleider, und die sprachliche Form ist der Koffer, in den die Kleider verpackt sind. Was der Fährmann tut, ist nichts anderes, als dass er erst an das - sagen wir - englische Ufer rudert, dort den Koffer öffnet, die Kleidungstücke auspackt, sie ins Boot lädt, dann ans deutsche Ufer übersetzt und die Kleidung dort wieder einpackt - in einen anderen Koffer.

Wörter sind mehrdeutig

„Möglichst die gesamte Ladung“ soll der Fährmann übersetzen. „So genau wie möglich“ soll der Übersetzer übersetzen. Wie macht man das?

Viele stellen sich das so vor, dass man am besten Wort für Wort wiedergibt. Je wörtlicher eine Übersetzung, desto weniger läuft der Übersetzer Gefahr, etwas hineinzuinterpretieren. Je wörtlicher, desto zuverlässiger.

Wenn das nur so einfach wäre! Die wenigsten Wörter sind eindeutig! Die meisten Wörter, gerade die, die zum Grundwortschatz gehören und ständig vorkommen, haben mehrere, oft zahlreiche Bedeutungen.

Beginnen wir mit ein paar ganz einfachen Beispielen. Einem Wort in der einen Sprache stehen zwei in der anderen Sprache gegenüber: eine Eins-zu-zwei-Entsprechung.
  • deutsch „Straße“ -> englisch „street“ [wenn mindestens an 1 Straßenseite Häuser] / „road“ [wenn keine Häuser]
  • deutsch „Himmel“ -> englisch „sky“ [Luftraum] / „heaven“ [religiöser Bereich]
  • deutsch „Leben“ -> griechisch βιος/bios [physisches, irdisches Leben] / ζωη/zoë [geistliches Leben]
  • griechisch δακτυλος/daktylos -> deutsch „Finger“ / „Zehe“
  • griechisch ψυχη/psyche -> deutsch „Seele“ / „Leben“
Vor ein paar Wochen schickte mir jemand einen Artikel zu Übersetzungsfragen. Darin beklagt sich der Autor darüber, dass selbst eine so „wortnahe“ Übersetzung wie die Elberfelder Bibel yuch nicht immer mit „Seele“ wiedergibt, sondern fast genauso oft mit „Leben“, und er schreibt wörtlich: „Das ist nach meiner Auffassung geistlich kriminell.“ Mag er das sehen, wie er will - kriminell ist hier ganz und gar nichts. ψυχη unterschiedlich wiederzugeben ist so wenig ein Verbrechen, wie wenn ein Engländer das deutsche „Himmel“ einmal mit „sky“ und einmal mit „heaven“ übersetzt. Es ist nicht nur kein Verbrechen, es ist das einzig Richtige, was er tun kann, wenn er die Mehrdeutigkeit des sprachlichen Zeichens HIMMEL ernst nimmt.

Nehmen wir ein etwas aufwendigeres Beispiel, das deutsche Wort „Gang“ (ein Substantiv, das interessanterweise nicht mit dem Verb „gehen“ verwandt ist, wie man meinen würde, sondern auf ein germanisches Verb mit der Bedeutung „schreiten“ zurückgeht). Man wird also vielleicht als erstes an die Bedeutung „Gangart“ denken:

(a) Ich erkannte ihn sofort an seinem schleppenden Gang.

Aber das ist keineswegs die einzige Bedeutung dieses Wortes. Sehen Sie sich mal die folgenden Beispielsätze an:

(b) Er hatte einen schweren Gang vor sich. [das Gehen einer Strecke (mit einem bestimmten Ziel)]
(c) Jetzt musst du in den vierten Gang schalten! [Getriebestufe des Automotors]
(d) Der Kellner brachte den zweiten Gang. [einzelnes Gericht einer Speisenfolge]
(e) Mein Büro befindet sich am Ende des Ganges. [Korridor in Haus/Wohnung]
(f) Die Anlage ist die ganze Nacht über in Gang. [in Betrieb / in Bewegung]
(g) Es gelang ihr, den Gang der Ereignisse zu rekonstruieren. [Ablauf]

Vielleicht überrascht Sie diese Vieldeutigkeit. Aber sie ist der Normalfall. Dass ein Wort nur eine einzige Bedeutung hat, ist die Ausnahme und trifft eigentlich nur im Bereich der Fachterminologie zu. Wörter sind in aller Regel mehrdeutig. Das ist in allen Sprachen so, im Griechischen und Hebräischen genauso wie im Deutschen und Englischen.

Zum Glück ist das so! Stellen Sie sich mal vor, für all die verschiedenen Bedeutungen von „Gang“ gäbe es je eine eigene Vokabel! Da würde der deutsche Wortschatz, der ohnehin schon eine halbe Million Wörter umfasst, ins Astronomische anschwellen. Keiner wäre imstande, diese unüberschaubare Menge von Begriffen zu beherrschen. Die Situation würde dann jener ähneln, als das Alphabet noch nicht erfunden war und man für jedes Wort ein eigenes bildliches oder abstraktes Zeichen schrieb. 26 Buchstaben kann sich jeder merken. Aber wer hat schon die Zeit, sich tausende von Zeichen einzuprägen? Deswegen entwickelten sich damals eigene Schreiberkasten; eine Information schriftlich festhalten zu können wurde zu einem Beruf. Und genauso wäre sprachliche Kommunikation unter normal begabten Menschen kaum mehr möglich, wenn die Sprache nicht so ökonomisch wäre und viele verschiedene Bedeutungen unter einem Zeichen, einem Symbol, einem Wort zusammenfassen würde.

Was bedeutet diese Mehrdeutigkeit nun für die Übersetzung? Ganz einfach: Es gibt für ein bestimmtes griechisches Wort in der Regel nicht nur ein deutsches. Man muss bereit sein, das eine griechische Wort immer wieder anders wiederzugeben.

Nochmals zurück zu dem deutschen „Gang“; übersetzen wir es ins Englische. Im ersten Beispielsatz könnte man es mit „walk“ wiedergeben, im zweiten mit „way“, im dritten mit „gear“, im vierten mit „course“, im fünften mit „corridor“, im sechsten müsste man es mit einem Verb umschreiben („the machine ist running“), und im siebten würde wieder „course“ passen („course of events“). Also: Für 6 mal „Gang“ mindestens 5 verschiedene englische Wörter! Eine Eins-zu-viele-Entsprechung.

Das Ganze ginge ja noch, wenn es dabei bliebe. Aber die sprachliche Wirklichkeit ist noch wesentlich komplexer. Nehmen wir mal den zweiten Beispielsatz: „Gang“ lässt sich mit „way“ wiedergeben. Aber „way“ kann z. B. auch die „Art und Weise“ bedeuten, was überhaupt nichts mit „Gang“ zu tun hat („the american way of life“ - die amerikanische Lebensweise). In diesem Fall muss also mit „Weise“ übersetzt werden, nicht mit „Gang“. Das deutsche „Weise“ wiederum kann auch „Melodie“ bedeuten; und „Melodie“ heißt im Englischen nicht „way“, sondern „tune“. „Tune“ seinerseits bedeutet unter anderem auch „Stimmung“, „Laune“. Und so geht das immer weiter - eine beinahe endlose Wörterkette.

Die deutschen und englischen Wörter stehen zueinander also nicht in einem Eins-zu-eins-Verhältnis, auch nicht in einem Eins-zu-viele-Verhältnis, sondern in einem Viele-zu-viele-Verhältnis! Alles ist irgendwie mit allem verkettet und verzahnt. Ein Wort überschneidet sich mit einem anderen, bildet mit ihm sozusagen eine Teilmenge. Gleichzeitig überschneidet es sich mit einem anderen und bildet auch mit ihm eine Teilmenge.

  deutsch
englisch
französisch
(1) Generischer Begriff  Mensch man homme
   ≠  ≠  =  ≠  =  ≠
(2) Komplementärbegriffe
Mann Frau  man
woman
homme
femme
   =  =  ≠  ≠  ≠  =
(3) Relationale Begriffe
Mann
Frau
husband
wife
mari
femme

Ein klassisches Beispiel sind die Komplementärbegriffe „Mann“ - „Frau“. Im Englischen lauten sie „man“ - „woman“ und im Französischen „homme - femme“. Das sind die absoluten Begriffe. Dazu gibt es ein Untersystem mit den relationalen Bezeichnungen (also den Begriffen, die eine Beziehung ausdrücken): „Mann“ - „Frau“ bzw. „husband“ - „wife“ bzw. „mari“ - „femme“. Interessant daran ist die Asymetrie: Das Deutsche verwendet für den verheirateten Mann dasselbe Wort wie für den unverheirateten und genauso bei der Frau, das Französische nicht beim Mann und das Engli­sche weder beim Mann noch bei der Frau! (Wenn man also eine deutsche Aussage mit „Frau“ ins Englische übersetzt, muss man erst klären, ob es um eine ledige oder verheiratete Person geht, und je nachdem einen anderen Begriff wählen.) Außerdem gibt es zu den anfangs genannten Begriffspaaren auch noch Oberbegriffe, die generischen Bezeichnungen „Mensch“ bzw. „man“ (oder „hu­man being“) bzw. „homme“. Wieder verlaufen die Trennlinien verschieden. Das Deutsche kennt einen eigenen Oberbegriff; im Englischen und Französischen ist der generische Begriff identisch mit einem der beiden Pole. [Damit lassen sich hübsche Wortspiele machen: „La moitié des hommes sont des femmes“ - was im Deutschen natürlich nicht funktioniert: „Die Hälfe der Männer sind Frauen“ (das ist definitiv falsch) / „Die Hälfte der Menschen sind Frauen“ (da fehlt das Entscheidende, der Witz).] Jede der drei Sprachen hat also ihr eigenes Trennlinien-Muster.

Die unterschiedliche Aufteilung dieses Bedeutungsfeldes wirkt sich auch auf die Übersetzung biblischer Texte aus. Die erste Hälfte von 1. Korinther 11 ist dem Verhältnis von Mann und Frau gewidmet. Das griechische γυνη/gyne kann - genau wie im Deutschen und Französischen - sowohl die ledige Frau bezeichnen als auch die verheiratete. Aber übersetzen Sie 1. Korinther 11 mal ins Englische! Jetzt können wir uns nicht mehr vor der Entscheidung drücken. Sagen wir „wife“, dann gelten die Anweisungen des Textes nur den Ehefrauen. Sagen wir „woman“, dann gelten sie allen Frauen, unabhängig von ihrem Zivilstand.

In manchen afrikanischen Sprachen fehlt das Wort „Bruder“. Es gibt nur den älteren Bruder und den jüngeren Bruder. Und wenn man vom älteren Bruder spricht, muss man noch dazu angeben, ob er beschnitten ist oder nicht. Überlegen Sie mal, wie schwierig das wird, wenn das Neue Testament Brüderpaare einführt: Petrus und Andreas, Jakobus und Johannes. Woher soll der Übersetzer wissen, welcher jeweils der ältere war?!

Um nochmals auf die unterschiedliche Aufteilung der Bedeutungsfelder zurückzukommen: Man kann die Sprache mit einem Puzzle vergleichen. Jedes Puzzleteilchen entspricht einem Wort. Alle Teilchen zusammen ergeben das vollständige Bild. Ein Deutschsprachiger kann mit Hilfe der deutschen Wörter alle Dinge und Vorgänge und Eigenschaften und Abstrakta erfassen, die zu seiner Lebenswelt gehören. Genauso konnte in alttestamentlicher Zeit ein Israelit mit Hilfe der hebräischen Wörter alle Dinge und Vorgänge und Eigenschaften und Abstrakta erfassen, soweit sie zu seiner Lebenswelt gehörten. Der Unterschied ist jedoch der: Die Puzzleteilchen sind total anders geschnitten. Das Gesamtbild ist dasselbe, aber es ist komplett anders aufgeteilt.

fig-sprach-sinn-aufteilung
Wenn der Fährmann also denkt: Ich sehe mir jetzt ein bestimmtes hebräisches Teilchen ganz genau an, und dann setze ich ans andere Ufer über und suche dort so lange, bis ich das genau gleich geformte deutsche Teilchen gefunden habe - wissen Sie, wie die Geschichte dann weitergeht? „Und wenn er nicht gestorben ist, dann sucht der Mann noch heute.“ Denn dieses Teilchen gibt es nicht!

Noch ein letztes simples Beispiel hierzu:
  • Der Tagungsleiter stellt die Teilnehmer vor. „Unter uns befindet sich ein ausgewiesener Fachmann“, sagt er.
  • Dann informiert er über die Tagungsstätte: „Unter uns befindet sich die Küche.“
  • Und schließlich erklärt er: „Leider war ich letzte Woche krank. Es war mir nur unter großen Schmerzen möglich, mich für diesen Kurs vorzubereiten.“
Dreimal ver­wendet er die Präposition „unter“, jedesmal mit einem völlig anderen Inhalt. Natürlich kann man die drei Aussagen in jede Sprache der Welt übersetzen, aber es wäre ein großer Zufall, wenn es auch nur eine einzige Sprache gäbe, in der für „unter“ wie im Deutschen jedesmal dasselbe Wort verwendet würde.

Das alles macht deutlich: Beim Übergang von einer Sprache in eine andere bleiben die Bedeutungsfelder der Wörter nicht deckungsgleich; sie sind in jeder Sprache wieder anders organisiert. Diese Deckungsungleichheit ist der Normalfall. Deckungs­gleichheit, der Sonderfall, ist gewöhnlich nur bei der regulierten Fachterminologie anzutreffen. Wer eine konkordante Übersetzung anstrebt, die einen bestimmten Ausdruck der einen Sprache immer mit demselben Ausdruck der anderen Sprache wiedergibt, nimmt eine grundlegende Ei­genschaft natürlicher Sprachen nicht zur Kenntnis.

Was ich bis jetzt ausgeführt habe, hat Sie hoffentlich misstrauisch gemacht gegenüber den Wort-für-Wort-Übersetzungen, die angeblich besonders genau sind. Wenn eine englische Übersetzung das deutsche „Gang“ immer mit - sagen wir - „way“ wiedergibt, hat der Leser nur einen einzigen Vorteil: Er weiß jetzt, wo in der deutschen Vorlage überall „Gang“ steht. Was er nicht weiß (und ohne gute Deutschkenntnisse auch gar nicht wissen kann), ist die Bedeutung im jeweiligen Zusammenhang („way“ trifft jedenfalls nur ganz gelegentlich zu). Der formale Gewinn wird durch den inhaltlichen Verlust zunichte gemacht - und auf den Inhalt kommt es doch vor allem an!

Aussagen sind eindeutig

Gehen wir einen Schritt weiter. Ich sagte vorhin, dass uns die Vieldeutigkeit der Wörter verwirrt. Unserem Empfinden nach ist Sprache doch dazu da, dass man sich eindeutig ausdrückt. Recht haben Sie! Die Vieldeutigkeit existiert nur im Wörterbuch, wo die wichtigsten möglichen Bedeutungen aufgelistet sind. Beim Sprachvollzug hingegen wird in der Regel immer nur eine dieser Bedeutungen aktualisiert. Und deshalb haben wir normalerweise auch keine Verständigungsprobleme.

Woher wissen wir denn, welche Bedeutung jeweils die richtige, die gemeinte ist? Ich könnte auf das Gang-Beispiel zurückgreifen, aber ich nehme zur Abwechslung mal was anderes, ein Verb: „eingehen“. Was bedeutet „eingehen“? Wahrscheinlich würde es Ihnen schwer fallen, so aus dem Stegreif eine gute Definition zu geben. Aber jetzt geben Sie mal acht. Ich verbinde dieses etwas unklare Verb mit verschiedenen Subjekten:

(a) Der Pullover ist eingegangen [nach zu heißer Wäsche; er ist geschrumpft].
(b) Der Wellensittich ist eingegangen [nach dem Verzehr von Mottenkugeln; er ist gestorben].
(c) Der Geldbetrag ist eingegangen [auf dem Konto; er ist eingezahlt worden].
(d) Die Gegenpartei ist darauf eingegangen [auf einen Versöhnungsvorschlag; sie hat zugestimmt].

Bei jedem dieser Beispielsätze wissen wir sofort, was „eingehen“ bedeutet. Es bedeutet jedes Mal etwas anderes (etwas völlig anderes!), aber wir haben keinerlei Problem, auf die jeweils richtige Bedeutung zu kommen. Woran liegt das? Es liegt daran, dass „eingehen“ jetzt nicht mehr isoliert dasteht, sondern in einen Aussage-Zusammenhang gestellt ist. Hätten wir nur über „eingehen“ nachgedacht, wären wir vielleicht gar nicht auf alle diese Bedeutungen gekommen; sie waren sozusagen deaktiviert. Aber sobald ich ganze Sätze damit bilde, stehen sie mir mit aller Selbstverständlichkeit zur Verfügung.

Seine genaue Bedeutung bekommt ein einzelnes Wort erst in Verbindung mit einer Aussage.

Also: Der Kontext, der Wort-Zusammenhang entscheidet über den genauen Sinn des Einzelwortes. Lediglich Fachbegriffe haben in der Regel eine vorgegebene, vom Kontext unbeeinflusste Bedeutung. Ansonsten gilt: Bedeutung existiert nicht an und für sich, sondern ist an einen Kontext gebunden.

Testen wir es nochmals an einem Verb - „einschlagen“, diesmal verbunden mit verschiedenen Objekten:

(a) einen Nagel
(b) ein Schulheft
(c) eine Fensterscheibe
(d) eine juristische Laufbahn
(e) die Räder
(f) den Rocksaum

Wieder ist man überrascht, wie viele unterschiedliche Vorgänge ein Verb bezeichnen kann, und wieder zeigt sich: Seine genaue Bedeutung bekommt ein einzelnes Wort erst in Verbindung mit einer Aussage.

Und noch ein Beispiel.
  • „Herr Pohl schlägt seine Frau.“ Klarer Fall von Gewaltanwendung; „schlagen“ heißt soviel wie „prügeln“.
  • Erweitern wir den Kontext ein bisschen: „Herr Pohl schlägt seine Frau 6:4 und 7:5.“ Plötzlich ist klar: Hier wird gar nicht geprügelt. Es geht um ein Tennisspiel, und „schlagen“ heißt soviel wie: „im sportlichen Wettkampf besiegen“.
  • „Becker schlägt Sampras“: Klarer Fall! Man kennt die beiden Herren und weiß, dass es sich um Tennisspieler handelt.
  • Fügen wir eine präzisierende Angabe hinzu: „Becker schlägt Sampras ins Gesicht.“ Hoppla, jetzt scheint es plötzlich, als sei da noch was anderes im Gang gewesen als ein sportlicher Wettkampf!
Manchmal wechselt die Bedeutung eines Wortes sogar im selben Satz. „Ich habe jetzt ohne Unterbrechung zwei Tage Tag und Nacht gearbeitet.“ Das erste „Tag“ bezeichnet den 24-Stunden-Tag, das zweite, unmittelbar darauf folgende den Zeitraum zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang.

Es gibt sogar Wörter, die je nach Zusammenhang genau das Gegenteil bedeuten.
  • Das griechische ξενος/xenos kann sowohl den Gast als auch den Gastgeber bezeichnen (aber natürlich nicht beide gleichzeitig).
  • „leihen“ kann vom Geber oder vom Empfänger gesagt werden; was gemeint ist, entscheidet der Satzzusammenhang („jemandem Geld leihen“ bzw. „von jemandem Geld leihen“).
  • „etwas passt wie die Faust aufs Auge“ heißt entweder: Es passt sehr gut, oder: Es passt überhaupt nicht.
  • „Untiefe“ bezeichnet entweder eine sehr flache Stelle in einem Gewässer oder aber eine besonders tiefe Stelle.
  • griechisch αφιξις/ afixis bedeutet „Ankunft“ oder „Abreise“ - je nachdem.
  • griechisch αναιρεω/anaireo bedeutet in Apostelgeschichte 7,21 „jemanden (schützend) bei sich aufnehmen“ und 7 Verse weiter genau das Gegenteil: „jemanden umbringen“.
Angesichts von dieser verwirrenden Vieldeutigkeit der Begriffe muss dem armen Übersetzer schwarz vor Augen werden. Wie kann er je sicher sein, was im Einzelfall gemeint ist? Es gibt nur eine Antwort: Exegese, und zwar so gründlich wie möglich. Exegesieren (auslegen) heißt: herausfinden, was der Text sagt. Wie man das herausfindet, haben wir jetzt ja festgestellt: Indem man den Kontext beachtet, den sprachlichen und sachlichen Zusammenhang der einzelnen Wörter, der Sätze, des Abschnitts und des ganzen Buches. Und indem man den Text vor seinem historischen und kulturellen Hintergrund liest. Durch den Kontext löst sich - wie wir gesehen haben - die Mehrdeutigkeit der Begriffe und Sätze auf. Je gründlicher also der Übersetzer den innerbiblischen und außerbiblischen Kontext berücksichtigt, desto leichter fällt ihm die Entscheidung darüber, was jeweils die angemessene Bedeutung ist.

Zwei kleine Nachträge zur Wortbedeutung, ehe wir die Ebene des Vokabulars verlassen und uns auf die Ebene der Sätze und Satzteile begeben.

Der erste Nachtrag: Die bisherigen Beispiele zeigten, dass ein Wort verschiedene Bedeutungen haben kann. Es gibt aber auch den umgekehrten Fall: Verschiedene Wörter haben dieselbe Bedeutung.

Die landläufige Auffassung sieht so aus: Wenn das Griechische zwei verschiedene Begriffe verwendet, müssen diese auch unterschiedliche Bedeutung haben und folglich unterschiedlich übersetzt werden.πσψχηε/psyche, ζωη/zoë und καρδια/kardia - so wird gefordert - müssten auch im Deutschen immer streng unterschieden werden: „Seele“, „Leben“ und „Herz“. Dabei übersieht man aber ein sprachliches Gesetz, die sogenannte Neutralisierung.

So kann zum Beispiel ein Journalist die Rede eines Politikers folgendermaßen zusammenfassen: „Herr A. wies auf die Bedeutung von ... hin. Es sei unerlässlich, dass ..., erklärte er. Er sagte, man müsse ... In solchen Fällen, so meinte er, gäbe es nur eine Lösung ... Deshalb freue er sich über ..., hob er hervor. Er sei überzeugt, dass es nichts Besseres gebe als ...“ usw. Betrachtet man die vom Berichterstatter gebrauchten Verben einzeln, dann stellt man rasch fest, dass weite Teile ihres jeweiligen Bedeutungsfeldes sich stark voneinander unterscheiden. „sagen“ ist (je nach Zusammenhang!) etwas völlig anderes als „hervorheben“, „hinweisen“ etwas anderes als „erklären“, „meinen“ das Gegenteil von  „überzeugt sein“. Aber im angeführten Beispiel, wo alle diese Begriffe nebeneinander gestellt sind, zählt nur noch der Teil ihres Bedeutungsspektrums, den sie gemeinsam haben. Die Unterschiede heben sich gegenseitig auf; die Begriffe „neutralisieren“ sich. Man könnte jeden durch jeden ersetzen, ohne dass sich an der Gesamtaussage das Geringste ändern würde. Probieren Sie es einmal aus! Ein geübter Redner/Schreiber wechselt vielleicht aus stilistischen Gründen von einem Begriff zum anderen, aber er will damit gerade nicht Unterschiede hervorheben, sondern im Gegenteil immer dasselbe ausdrücken (und so verstehen ihn seine Hörer/Leser auch!).

Diese Neutralisierung ist beim Sprechen (und Zuhören) gewissermaßen allgegenwärtig. Wir berücksichtigen sie ganz automatisch, wenn wir säkulare Texte interpretieren. Aber sobald es an biblische Texte geht, „vergessen“ viele Christen ihr natürliches Sprachempfinden und interpretieren Dinge hinein bzw. lesen Dinge heraus, die sie, wenn sie den Text „normal“ angehen würde, niemals darin finden würden.

(Natürlich handelt es sich bei der Bibel um Offenbarung: Gott teilt uns Dinge mit, die wir von uns aus nicht wissen. Insofern erwarten wir in der Bibel zu Recht neue, unserem Denken fremde Inhalte. Aber damit wir diese Inhalte verstehen, hat Gott sie uns in einer uns vertrauten Sprache mitgeteilt. Die Bibel ist in natürlichen, irdischen Sprachen verfasst; sie respektiert die Gesetzmäßigkeiten der Sprache. Und gerade damit baut sie uns Menschen eine Brücke zu den Gedanken Gottes.)

Auf das richtige Verständnis von ψυχη angewandt: Sicherlich gibt es viele biblische Aussagen, wo z. B. ψυχη nicht dasselbe bedeutet wie πνευμα/pneuma, „Geist“, sondern sogar in Abgrenzung davon verwendet wird. Aber gerade dort, wo solche potentiell synonymen Begriffe im selben Sachzusammenhang auftauchen, liegt es nahe, dass sie sich gegenseitig „neutralisieren“, also annähernd deckungsgleich gebraucht werden. So heißt es in Lukas 1,46.47: „Meine ψυχη preist den Herrn, und mein πνευμα jubelt über Gott ...“ ψυχη und πνευμα bezeichnen hier nicht zwei verschiedene anthropologische Größen, genauso wenig wie „Herr“ und „Gott“ zwei verschiedene Objekte der Anbetung sind und genauso wenig wie „preisen“ und „jubeln“ unterschiedliche Vorgänge beschreiben. Die Häufung von annähernd gleichen Aussagen ist typisch für die semitische Poesie (bei Lukas 1,46ff handelt es sich um einen Lobgesang!), und sie ist typisch für die Gebetssprache (die ja tendenziell immer etwas feierlicher und emotionaler/exaltierter ist als die Alltagssprache) - übrigens auch im Deutschen! Ein typisches Gebet könnte z. B. so lauten: „Herr, wir loben und preisen dich! Bitte führe und leite uns!“ loben/preisen bzw. führen/leiten - so unterschiedlich sie manchmal auch gebraucht werden, sind hier völlig synonym; der Beter wäre erstaunt und befremdet, wenn wir ihm unterstellen würden, er dächte jeweils an zwei verschiedene Vorgänge!

Der zweite Nachtrag: Es gibt Textsorten, bei denen bewusst damit gespielt wird, dass ein Wort mehrere Bedeutungen hat - z. B. der Witz oder der Werbespruch.

  • „Zwei Jäger trafen sich. Beide waren sofort tot.“ Hier wird mit dem Doppelsinn des deutschen Verbs „treffen“ gespielt. Vom ersten Satz her denkt man an „treffen“ im Sinn von „sich begegnen“. Liest man dann aber weiter, wird dieses zunächst nahe liegende Verständnis auf den Kopf gestellt; plötzlich bedeutet „treffen“ so viel wie „schießen“. Der Witz ist so gut wie unübersetzbar - es sei denn, es gäbe neben dem Deutschen noch eine zweite Sprache, in der diese beiden Bedeutungen zufällig mit demselben Wortsymbol bezeichnet werden. Selbstverständlich könnte man aus der einen Aussage mit „treffen“ zwei Aussagen machen, um beide Bedeutungen zu berücksichtigen: „Zwei Jäger begegneten sich. Dabei schossen sie aufeinander. Beide waren sofort tot.“ Sachlich korrekt - aber das Entscheidende, die Sprachpointe, ist auf der Strecke geblieben. Es gibt nichts mehr zu lachen.
  • Ein politischer Witz aus dem Nazideutschland. 2 Männer grüßen sich. „Heil Hitler!“ brüllt der eine. Darauf der andere: „Bin ich denn ein Psychiater?“ Dieser Witz spielt mit der deutschen Morphologie, der Wortbildung. „Heil“ kann ein Substantiv sein, dann ist es eine Wunschformel („Heil dem Hitler!“). „Heil“ kann aber auch die Befehlsform des Verbs „heilen“ sein; dann ist es eine Aufforderung („Heil den Hitler!“). Auch das funktioniert wahrscheinlich nur im Deutschen und lässt sich daher nicht übersetzen.

Vom Wort zum Satz

Sprachen sind unterschiedlich organisiert und strukturiert. Wir sind bisher - um diesen Sachverhalt zu belegen - immer von einzelnen Wörtern ausgegangen. Wir haben uns sozusagen auf der untersten Ebene der Sprache bewegt, auf der Wortebene. (Strenggenommen gibt es natürlich noch eine tiefer gelegene Ebene - die der Laute/Buchstaben, aus denen sich die Wörter zusammensetzen. Aber was Inhalt und Bedeutung angeht, empfinden wir nicht die Laute/Buchstaben, sondern die Wörter als die kleinsten sprachlichen Bausteine.) Nun bestehen Aussagen jedoch aus vielen Wörtern, aus Wörtern, die nicht willkürlich zusammengewürfelt, sondern nach bestimmten grammatischen Regeln miteinander verknüpft sind. Die Art, wie Wörter zu Wortgruppen und ganzen Sätzen verbunden werden, nennt man Syntax - die Technik des Satzbaus. Und was auf der Wortebene gilt, gilt ganz genauso auch auf der Satzebene: Jede Sprache hat ihre eigene Syntax. Über die Syntax unserer Muttersprache machen wir uns in der Regel keinerlei Gedanken. Sie ist uns mit der Muttermilch buchstäblich in Fleisch und Blut übergegangen. Aber wenn wir einer fremden Sprache begegnen, wenn wir anfangen, eine deutsche Aussage z. B. ins Englische zu übersetzen, merken wir plötzlich, wie stark der Satzaufbau der beiden Sprachen voneinander abweicht.

Ein einfaches Beispiel, so selbstverständlich, dass es uns gar nicht mehr auffällt: „Seine Frau kaufte ein Buch.“ / „His wife bought a book.“ In beiden Sätzen haben wir dieselbe Abfolge grammatischer Elemente: erst das Subjekt (die handelnde Person), dann das Prädikat (das, was die handelnde Person tut) und als letztes das Objekt (der Gegenstand, an dem gehandelt wird). So weit, so gleich. Aber jetzt fügen wir eine Zeitangabe hinzu: „Gestern kaufte seine Frau ein Buch.“ Englisch: „Yesterday his wife bought a book.“ Und prompt haben wir das Durcheinander. Im Englischen ist die Reihenfolge gleich geblieben: Subjekt - Prädikat - Objekt. Im Deutschen dagegen haben Subjekt und Prädikat die Plätze getauscht. Selbst jemand, der den Satz Wort für Wort übersetzt, würde nicht sagen: „Gestern seine Frau kaufte ein Buch.“ Zum Übersetzen gehört eben, dass man die syntaktischen Gesetzmäßigkeiten der Zielsprache ernst nimmt.

Übrigens: Im Hebräischen würde diese Aussage wörtlich so lauten: „Kaufte seine Frau ein Buch.“ Denn im Hebräischen steht das Prädikat normalerweise am Anfang des Satzes. Man könnte das im Deutschen nachahmen, indem man sagt: „Es kaufte seine Frau ein Buch.“ Aber das klingt altertümlich und gespreizt. Und inhaltlich ändert sich überhaupt nichts.

Wenn man die hebräische Wortfolge (Verb - Substantiv) ansieht, könnte man auf den Gedanken kommen, das sei auch für die Informationsabfolge wichtig. Zunächst erfährt der Leser, was getan wird, und erst danach, wer es tut. Und man könnte versuchen, daraus irgendwelche exegetischen oder sprachphilosophischen Schlüsse zu ziehen. Aber das wäre natürlich Unsinn. Wenn ich einen Satz lese, gehe ich ja nicht fragmentierend vor, sondern ganzheitlich. Ich lese nicht zuerst das erste Wort, denke über seine Bedeutung nach, dann das nächste, denke über dessen Bedeutung nach, dann das dritte usw. Nein, ich lese die Aussage als Ganzes und erfasse sie als Einheit. Es stimmt, die Aussage setzt sich aus Puzzleteilchen zusammen. Aber in meiner Wahrnehmung muss ich diese nicht erst aneinanderfügen; das Bild ist bereits zusammengebaut.

Es scheint mir daher auch völlig legitim zu sein, wenn eine Bibelübersetzung aus syntaktischen oder stilistischen Gründen einmal eine Umstellung vornimmt. So heißt es in Johannes 3,16 wörtlich:

„... damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat.“

Nun ist aber die Kombination „jeder + verneintes Verb“ im Deutschen nicht korrekt. Die Negation steht (anders als im Griechischen) beim Subjekt, also: „keiner + Verb“. Daraus ergibt sich: „... damit keiner, der an ihn glaubt, verloren geht, sondern damit jeder das ewige Leben hat.“ Leider hat man sich damit eine unschöne Subjekt-Wiederholung (keiner/jeder) eingehandelt. Um das zu vermeiden, bietet es sich an, die beiden Prädikate umzustellen - zuerst das positive und dann das negative: „... damit jeder, der an ihn glaubt, das ewige Leben hat und nicht verloren geht“ (so ist es in der Neuen Genfer Übersetzung wiedergegeben). Inhaltlich ist damit nichts verändert. Die Prädikatsabfolge im Griechischen ist ja nicht zeitlich zu verstehen (dann allerdings dürfte man sie nicht auf den Kopf stellen), sondern kontrastiv. Dasselbe Ereignis wird einmal negativ und einmal positiv umschrieben. „Dagobert ist nicht etwa sparsam, sondern geizig“ sagt dasselbe wie: „Dagobert ist geizig und nicht etwa sparsam.“

Hier noch ein weiteres Beispiel aus dem syntaktischen Bereich. In Matthäus 26,51 heißt es ganz wörtlich:

„Und siehe, einer derer mit Jesus, ausstreckend die Hand, zog sein Schwert, und schlagend den Diener des Hohenpriesters, hieb er ab sein Ohr.“

(Eigentlich wäre noch wörtlicher: „zog das Schwert sein ... hieb er ab sein das Ohr“. Im Deutschen steht entweder der Artikel - „das Schwert“ - oder das Possessivpronomen - „sein Schwert“ -; im Griechischen steht beides nebeneinander, und das Possessivpronomen steht entweder ganz am Anfang oder ganz am Ende der Fügung - „sein das Schwert“ bzw. „das Schwert sein“. Hier nehmen auch die wörtlichsten Übersetzungen stillschweigend eine Anpassung an den deutschen Sprachgebrauch vor. In gewissem Sinn brechen sie ihre selbstauferlegte Regel der Wort-Wörtlichkeit, ohne es dem Leser mitzuteilen. Oder andersherum gesagt: Sie befolgen - völlig zu Recht - ein Stück weit die Regeln der deutschen Grammatik. Nur: Warum respektieren sie diese Regeln nicht durchgehend?)

So, wie oben formuliert, ist der Vers natürlich kaum verständlich. Man muss ihn mehrfach lesen, ehe man sich einen Reim darauf machen kann. Die Schwerfälligkeit und Unverständlichkeit ist vor allem dem Umstand zuzuschreiben, dass hier gleich zweimal ein präsentisches Partizip einem Hauptverb zugeordnet ist (ausstreckend ziehen, schlagend abhauen). Das Griechische (und z. B. auch das Englische und das Französische) operiert ständig mit solchen Partizipien, aber nicht das Deutsche (ich müsste genauer sagen: nicht mehr; vor langer Zeit waren auch im Deutschen die participia praesentis rege im Gebrauch; inzwischen sind sie fast ausgestorben).

Was tun, um den Satz natürlicher und verständlicher zu formulieren? Sehen Sie sich die Lösung der Revidierten Elberfelder Bibel an, die als eine besonders genaue Übersetzung gilt (und deren Verdienste ich keineswegs bestreite):

„Und siehe, einer von denen, die mit Jesus waren, streckte die Hand aus, zog sein Schwert und schlug den Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm sein Ohr ab.“

Wie ist die Elberfelder mit den Partizipien umgegangen? Sie hat sie zu selbständigen Verben gemacht und den beiden anderen Verben gleichgeordnet. Im Griechischen haben wir zwei Haupthandlungen (das Schwert ziehen / das Ohr abhauen). Die beiden Partizipien sind diesen beiden Vorgängen beigeordnet, um sie noch genauer zu beschreiben. Bei der Elberfelder hingegen haben wir plötzlich vier Haupthandlungen: die Hand ausstrecken / das Schwert ziehen / den Knecht schlagen / sein Ohr abhauen. Versuchen Sie doch mal ganz praktisch, diese vier Vorgänge nachzuvollziehen (ich karikiere bewusst ein bisschen). Petrus streckt also zunächst die Hand aus - aber mit ausgestrecktem Arm kommt er natürlich nicht an sein Schwert heran. Man dürfte daher erwarten, dass es als nächstes heißt: Er ließ den Arm wieder sinken. Statt dessen zieht er plötzlich das Schwert. Vielleicht mit der anderen Hand?? Nun schlägt er den Knecht des Hohenpriesters. Das scheint ein eigenständiger Akt zu sein; man sieht Petrus vor sich, wie er auf den Knecht einschlägt (wobei ziemlich unklar bleibt, wie er das bewerkstelligt, wo er doch immer noch das Schwert in der Hand hält - schlägt er ihn mit der Flachseite des Schwerts, oder gibt er ihm mit der freien Hand Faustschläge?). Und zu guter Letzt (zu böser Letzt) haut er ihm dann noch ein Ohr ab. Wir merken: Hier stimmt etwas nicht. Die Abläufe sind nicht korrekt wiedergegeben. Und das liegt daran, dass die griechische Syntax nicht angemessen berücksichtigt und nicht angemessen ins Deutsche umgesetzt worden ist.

Sehen wir uns als Gegenbeispiel die Wiedergabe der Neuen Genfer Übersetzung an:

„Da griff einer von Jesu Begleitern nach seinem Schwert, ging damit auf den Diener des Hohenpriesters los und schlug ihm ein Ohr ab.“

Formal gesehen, ist das erste Partizip verschwunden; hier steht nur noch das Hauptverb. Aber es heißt jetzt nicht mehr „das Schwert ziehen“, sondern „nach dem Schwert greifen“. Damit ist der Vorgang des „Die-Hand-Ausstreckens“ sachlich korrekt umschrieben. Dass Petrus nicht nur nach dem Schwert greift, sondern es auch tatsächlich aus der Scheide zieht, muss im Deutschen nicht ausdrücklich gesagt werden. Gesagt werden müsste nur das Gegenteil - wenn er danach greift, es dann aber doch nicht zieht. Solange man keine Misserfolgsmeldung durchgibt, geht der Hörer davon aus, dass die geplante Handlung auch vollzogen wurde. (Vergleiche z. B.: „Er ging noch schnell in die Küche, um ein Glas Milch zu trinken. Dann machte er sich an die Arbeit.“ Formal wird nur die Absicht zur Sprache gebracht: „um ein Glas Milch zu trinken.“ Aber weil anschließend von einem neuen Geschehen die Rede ist - „er machte sich an die Arbeit“ -, ist klar: Er hat die Milch tatsächlich getrunken. Andernfalls müsste der Berichterstatter expressis verbis darauf aufmerksam machen: „... doch leider war keine Milch mehr da“ / „... doch dann überlegte er es sich anders“ o. ä.). Das andere Partizip ist - wie bei der Elberfelder - in ein selbständiges Verb umgewandelt und mit „und“ angeschlossen. Aber in der Neuen Genfer Übersetzung wird nicht gesagt: „er schlug ihn“ (das wäre eine vom Ohr-Abhauen unabhängige Handlung), sondern „er ging auf ihn los“ (und das wird korrekterweise als Auftakt zum Abhauen des Ohres verstanden). Formal ist hier also gegenüber dem Originaltext ziemlich viel verändert worden. Aber nur so gelingt es einerseits, den Finessen der griechischen Syntax gerecht zu werden, und andererseits, diese Aspekte in einer Weise wiederzugeben, die sich an die deutsche Syntax hält. Inhaltlich jedenfalls scheint in der deutschen Wiedergabe nach bestem Wissen und Gewissen alles berücksichtigt zu sein, was im Griechischen steht. Und darauf kommt es ja letztlich an.

In dem Bereich, von dem wir jetzt sprechen (die Verbindung von einzelnen Wörtern zu Aussagen) sind auch die Gebrauchsnormen zu beachten, die von Sprache zu Sprache verschieden sind.

Wenn der Engländer nach der Uhrzeit fragt, sagt er: „What time is it?“ Der Franzose fragt: „Quelle heure est-il?“ Und der Deutsche: „Wie spät ist es?“ In allen drei Fällen handelt es sich um feste Wortkombinationen. Man kann solche Wendungen nur als Ganzes angemessen übersetzen, nicht Wort für Wort. Wenn jemand das Englische so wiedergibt: „Welche Zeit ist es?“ und das Französische: „Welche Stunde ist es?“, dann hat er nicht bewiesen, dass er besonders genau übersetzen kann. Nein, er setzt sich dem Verdacht aus, nicht begriffen zu haben, dass hier im Englischen und im Französischen Gebrauchsnormen vorliegen, die man nur korrekt wiedergibt, wenn man auch im Deutschen die entsprechende Gebrauchsnorm wählt.

Ein Beispiel aus dem Neuen Testament. In Lukas 2,37 heißt es von der Prophetin Hanna wörtlich:

„Sie diente Gott Nacht und Tag mit Fasten und Beten.“

Der deutsche Leser bleibt sofort an der ungewöhnlichen Abfolge hängen: „Nacht und Tag“. Wir sind die umgekehrte Reihenfolge gewohnt: „Tag und Nacht“. Und danach hat sich der Übersetzer zu richten; er hat die Gebrauchsnormen der Zielsprache zu respektieren. Es gäbe lediglich einen Grund, davon abzuweichen und die griechische Reihenfolge zu übernehmen: Wenn man aus dem Zusammenhang der Aussage nachweisen könnte, dass die Abfolge Nacht-Tag für die Aussage von Bedeutung ist. Dafür spricht hier allerdings nichts. Lukas will ja nicht behaupten, Hanna habe immer abends mit Fasten und Beten begonnen! Ob „Nacht und Tag“ oder „Tag und Nacht“ - jedes Mal heißt das einfach so viel wie: immerfort und ohne Unterbrechung.

Was zwischen den Zeilen steht: explizieren und implizieren

So, jetzt haben wir uns alles angesehen, was im griechischen Text zu finden ist - die Wörter und die Sätze. Wenn wir bei den Wörtern die vom Zusammenhang her angemessene Bedeutung wählen und wenn wir alles berücksichtigen, was zum griechischen Satzbau gehört, müsste der Text eigentlich genau übersetzt sein. Ich behaupte: Wir haben noch nicht alles berücksichtigt! - Aber was fehlt denn noch? Wörter und Sätze - mehr steht doch nicht da?! - O doch, da stehen noch eine Menge andere Dinge - aber sie stehen zwischen den Zeilen! Sie sind bei dem, was gesagt wird, mit gemeint, aber sie werden nicht ausgesprochen.

Was zwischen den Zeilen steht, lässt sich in mindestens drei Bereiche aufteilen.

Der erste Bereich:

Dinge, die man weglässt, weil Sprach-struktur und Sprachgebrauchsnormen das erlauben
In Markus 1,40ff heißt es wörtlich (Revidierte Elberfelder):

„Und es kommt ein Aussätziger zu ihm, bittet ihn und kniet nieder und spricht zu ihm: Wenn du willst, kannst du mich reinigen. Und er war innerlich bewegt und streckte seine Hand aus, rührte <ihn> an und spricht zu ihm: Ich will. Sei gereinigt! Und sogleich wich der Aussatz von ihm, und er war gereinigt. Und er bedrohte ihn und schickte ihn sogleich fort und spricht zu ihm ...“

Hier haben wir das, was man einen Pronomensalat nennt: „Er spricht, er ist innerlich bewegt, er ist gereinigt, er bedroht ihn ...“ Wissen Sie am Ende noch, wer wer ist und wer was tut? „Er“ ist einmal der Aussätzige und ein anderes Mal Jesus. Nach den Regeln der deutschen Syntax scheint sich „er“ jedes Mal auf den Kranken zu beziehen. Aber genau das ist vom Zusammenhang her nicht möglich. „Er war gereinigt“ - der Aussätzige. „Und er bedrohte ihn“ - der Aussätzige bedrohte Jesus? Nein, Jesus bedrohte den Aussätzigen! Man merkt nach einziger Zeit schon, wer jeweils gemeint ist, aber eben erst nach einiger Zeit; zunächst wird man immer erst ein Stückchen weit in die Irre geführt, und das macht es schwierig, den Handlungsablauf rasch zu erfassen. Dem Leser muss es vorkommen, als habe der Übersetzer (oder womöglich der Autor?) bewusst Hürden eingebaut, damit man nicht so schnell ans Ziel kommt. Oder als befinde er sich auf einer Schnitzeljagd und werde immer wieder in die falsche Richtung geschickt, ehe er den Fehler korrigieren kann. Es ist nun einmal so, dass man im Deutschen statt des Pronomens das Nomen setzen, wenn die Perspektive wechselt (wie hier) oder wenn sonst eine Unklarheit besteht. Der griechische Text hingegen bleibt - formal gesehen - viel öfter unbestimmt. Wahrscheinlich hängt das auch mit der Erzählstruktur zusammen. Jesus ist die Hauptfigur, die entscheidende Person aller Berichte, der Agens aller großen Reden und aller großen Taten. Einmal eingeführt, ist er einfach der Er. (In Krimis wird diese Technik manchmal auch angewandt. Da kann ein Kapitel so beginnen: „Er schlich sich zur Haustür, drückte vorsichtig die Klinke; die Tür ließ sich geräuschlos öffnen.“ Wer ist der Er? Man kennt seine Identität noch nicht, aber man weiß: Es ist der große Unbekannte, es muss der Mörder sein.). In den Evangelien beginnen zahllose Abschnitte des griechischen Textes mit „Er“ - „Er verließ das Haus“, „Er begann zu reden“, „Er heilte“. Im Deutschen ist es üblich, jedes Mal, wenn einer neuer Abschnitt beginnt, die Personen, die darin vorkommen, gleichsam wieder einzuführen, also mit Namen zu nennen. So machen wir es in der Neuen Genfer Übersetzung. Auch hier in unserem Ausgangsbeispiel (Markus 1) sprechen wir bei jedem Subjektswechsel wieder neu von Jesus bzw. vom Aussätzigen. Damit wird nichts verfälscht. Das Pronomen steht ja - wie sein Name schon sagt - für ein entsprechendes Nomen.

Übrigens sehen wir hier noch eine Eigenart des Griechischen: Statt „er rührte ihn an“ heißt es wörtlich nur: „er rührte an“ (deshalb die Klammer bei der Elberfelder). Wen, wird nicht gesagt. Warum nicht? Weil es sich ohne weiteres aus dem Zusammenhang erschließen lässt. Im Deutschen wüsste man zwar auch, wen Jesus berührt, und trotzdem muss man das Akkusativ-Objekt ausdrücklich erwähnen. Die deutsche Syntax verlangt das; andernfalls wäre der Satz nicht vollständig.

Wir befassen uns mit dem, was zwischen den Zeilen steht. Den ersten Bereich haben wir uns angesehen.

Der zweite Bereich:

Informationen, die den Zuhörern/Lesern bereits bekannt sind
Versetzen wir uns einmal an einen Sonntagmorgen-Gottesdienst in einer freikirchlichen Gemeinde, deren Prediger - sagen wir - Paul Schmidt heißt.
  • Einer von den Ältesten macht die Abkündigungen: „Unser Prediger, Herr Schmidt, ist ab morgen für 3 Tage an einer Konferenz. In dringenden Fällen wenden Sie sich bitte an ...“
  • Derselbe Älteste am nächsten Tag zu einem Gemeindeglied, das nicht im Gottesdienst war: „Haben Sie es mitbekommen? Herr Schmidt ist für 3 Tage verreist.“ [„Unser Prediger“ wäre überflüssig; es gehört ja zum gemeinsamen Wissenspool. Es wäre nicht nur überflüssig, sondern störend. Das Gemeindeglied würde stutzig werden: Warum sagt er das? Er muss doch wissen, dass ich den Prediger dieser Gemeinde kenne! Oder will er mir damit einen versteckten Hinweis zukommen lassen? Aber welchen nur? Merken Sie: Die Zufügung wäre sachlich korrekt, und trotzdem wäre sie kontraproduktiv.]
  • Wieder einen Tag später trifft er sich mit einem anderen Ältesten: „Du weißt, Paul ist zur Zeit an der Konferenz.“ [Der Nachname wäre deplaziert, schließlich duzen sich die beiden Ältesten und der Prediger.]
  • Am Abend dieses Tag führt er ein Telefongespräch mit einem Pfarrer in Österreich, der über mangelnde Fortbildungsmöglichkeiten klagt. Darauf der Älteste: „Unser Prediger besucht immer wieder mal eine Konferenz.“ [Der Name ist unnötig, ihn ausdrücklich zu nennen wäre eine Überinformation.]
Also: Je nach Adressat nimmt der Sprecher kleine, aber wichtige Änderungen in der Bezeichnung der betreffenden Person vor. Die Referenz ist jedes Mal dieselbe, aber die formalen Änderungen sind nötig, um eine sinnvolle Kommunikation zu gewährleisten und Störfaktoren auszuschalten. Die Gesprächspartner richten sich dabei (ihnen selbst meist gar nicht bewusst) nach der „Quantitätsmaxime“: Man sagt das, was zum Verständnis der Sache nötig ist, mehr nicht. Würde man Erklärungen liefern, die dem Gegenüber bereits bekannt sind, wäre das keine Verständnishilfe, sondern ein Anlass zu Verwirrung.

Beim Bibelübersetzen ist es meist so, dass die Erstleser oder Ersthörer uns gegenüber einen Wissensvorsprung hatten. Jesus und die Apostel lebten vor 2000 Jahren im Mittelmeerraum. Die Sitten und Bräuche, von denen sie sprachen, die Städte und Ortschaften, die sie erwähnten, die politischen Ereignisse, auf die anspielten - das alles war den Menschen damals bekannt; es war Teil ihrer eigenen Lebenswelt. Viele Informationen konnten daher implizit bleiben. Heute dagegen muss man diese Infos explizit machen, weil wir in einem anderen Land, zu einer anderen Zeit und in einer anderen Kultur leben.

Explizieren kommt aus dem Lateinischen und heißt ursprünglich „auseinanderfalten“. Etwas steckt sozusagen in den Falten des Gewandes. Es ist da, aber nur implizit. Man sieht es nicht, es sei denn, jemand holt es aus den Falten heraus, „expliziert“, erklärt es. Und umgekehrt bedeutet implizieren: etwas hineinfalten, es in den Falten des Gewandes verschwinden lassen, es nicht ausdrücklich zur Sprache bringen.

explizieren = sichtbar machen / ausdrücklich sagen

implizieren = verstecken / nicht ausdrücklich sagen

Ein Beispiel für Explizierung beim Übersetzen des Neuen Testaments:

In Apostelgeschichte 1 wird berichtet, wie Jesus in den Himmel hinaufgenommen wurde; die Apostel waren Augenzeugen. In Vers 12 heißt es dann ziemlich wörtlich bei der Revidierten Elberfelder:

„Da kehrten sie nach Jerusalem zurück von dem Berg, welcher Ölberg heißt, der nahe bei Jerusalem ist, einen Sabbatweg entfernt.“

Ein Sabbatweg? Was könnte das wohl sein? Die damaligen Leser wussten Bescheid: So wurde die Strecke bezeichnet, die ein Jude nach rabbinischer Gesetzesauslegung am Sabbat von seinem Wohnort aus gehen durfte, etwa 1 km. Mehr nicht, denn dann wäre es Arbeit gewesen, und am Sabbat zu arbeiten war verboten. Aber wer weiß das heute noch? Welcher deutsche Leser, 2000 Jahre später, kann sich einen Reim darauf machen? Man könnte nun natürlich eine erklärende Fußnote hinzufügen (genau das tut die Elberfelder). Nur: Nicht jeder sieht in den Fußnoten nach; der Text sollte nach Möglichkeit auch ohne sie verständlich sein. In der Neuen Genfer Übersetzung haben wir die Erklärung deshalb unmittelbar in den Text aufgenommen (allerdings nicht ohne sie als verdeutlichenden Zusatz zu kennzeichnen):

„Daraufhin kehrten die Apostel nach Jerusalem zurück; sie waren mit Jesus auf einem Hügel gewesen, der Ölberg genannt wird und nur einen Sabbatweg - etwa eine Viertelstunde - von der Stadt entfernt ist.“

Formal betrachtet, hat die Neue Genfer Übersetzung eine ganze Wendung („etwa eine Viertelstunde“) einfach dazuerfunden. Dazuerfunden? Nein; was die Wendung sagt, steht auch im Originaltext, nur eben zwischen den Zeilen, Die ursprünglichen Hörer hörten diese Information gleichsam mit, wenn sie „Sabbatweg“ hörten. Die deutschen Leser verbinden damit überhaupt nichts. Die Neue Genfer Übersetzung macht also etwas sichtbar, was implizit auch im Griechischen steht. Wenn es auf formale Übereinstimmung ankommt, ist die Elberfelder genauer - sie fügt nichts hinzu und lässt nichts weg. Aber wenn es auf den Inhalt ankommt (und darauf kommt es doch in erster Linie an!), ist die Elberfelder defizitär; sie unterschlägt ein wesentliches Stück Information. Ihre Wiedergabe des griechischen Textes wäre nur dann vollwertig, wenn der deutsche Leser genau die gleichen Kenntnisse über Sabbatwege und ähnliches mitbringen würde wie der griechische Leser. Und das ist eindeutig nicht der Fall.

(Dieses Beispiel macht unmittelbar deutlich, dass eine Übersetzung sich nicht nur am Ausgangstext orientieren darf, sondern auch die angestrebte Leserschaft im Auge haben muss. Jeder Originaltext, der in eine bestimmte Situation hinein spricht, ist adressatenbezogen. Und genauso richtet sich auch jeder übersetzte Text an ein bestimmtes Leserpublikum, und je nachdem wird der Übersetzer mehr oder weniger explizieren, wird unterschiedliche stilistische Register ziehen, wird einen einfacheren oder umfangreicheren Wortschatz gebrauchen.)

In Apostelgeschichte 12 ist von König Herodes Agrippa die Rede. Er befindet sich zunächst in Jerusalem, und in Vers 19 heißt es:

„Daraufhin ging er von Judäa nach Cäsarea und verweilte dort.“

Die damaligen Leser wussten, von wo und nach wo Herodes reiste. Judäa war ein Land und Cäsarea eine Stadt. Für sie enthielt der Text implizit (unausgesprochen) Informationen zu den beiden Ortsangaben. Aber jetzt versetzen wir uns mal in die Situation eines heutigen deutschen Lesers ohne spezielles Wissen über die geographischen Gegebenheiten des Nahen Ostens in der Antike. So, wie die beiden Ortsangaben miteinander verbunden sind, wird er vermuten, dass es sich entweder um zwei Länder oder um zwei Städte handelt. Man kann z. B. sagen: „Er reiste von Bayern nach Thüringen“ (Land-Land) oder „Er reiste von München nach Hamburg“ (Stadt-Stadt). Aber würde man sagen: „Er reiste von Bayern nach Hamburg?“ Kaum; Stadt und Land kombiniert man in der Regel nicht. Dazu kommt noch eine Schwierigkeit. Judaä war damals eine römische Provinz, und die Provinzhauptstadt war nicht etwa Jerusalem, sondern Cäsarea. Cäsarea lag in Judäa! Das wäre dann also so, wie wenn man sagen würde: „Er reiste von Graubünden nach Chur.“ Und das sagt natürlich kein Mensch. Sachlich ist die Lösung wohl darin zu suchen, dass mit Judäa gelegentlich das jüdische Kernland bezeichnet wurde, also Jerusalem und sein Umland, aber nicht Samarien und Galiläa, die ebenfalls zur Provinz Judäa gehörten. Alle diese Infos stehen hier zwischen den Zeilen; erst sie machen die Aussage sinnvoll. Wenn eine Übersetzung daher versucht, sie gewissermaßen sichtbar werden zu lassen, verfälscht sie nichts, sondern gleicht nur das Wissensdefizit auf seiten der heutigen Leser aus. Die Wiedergabe der Neuen Genfer Übersetzung lautet:

„Daraufhin verließ er Jerusalem und das judäische Umland und reiste nach Cäsarea, wo er seine Residenz hatte.“

Nun das Gegenteil, die Implizierung. Denn auch das gibt es: dass man im Deutschen weniger sagen muss als im Griechischen, dass man also Dinge, die im Griechischen ausdrücklich dastehen, im deutschen Text unsichtbar machen kann.

So stößt man im Alten und Neuen Testament immer wieder auf den Ausdruck „die Vögel des Himmels“. In Lukas 9,58 heißt es:

„Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel des Himmels ihre Nester; aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sich ausruhen kann.“

Würde sich etwas ändern, wenn man „des Himmels“ einfach weglässt? Keineswegs; die Aussage bleibt genau dieselbe. Vögel sind immer „Vögel des Himmels“ - insofern, als diese Tiere sich von der Erde lösen und fliegen können. Man verliert nichts, wenn man im Deutschen einfach von „Vögel“ spricht. Natürlich könnte man „Vögel des Himmels“ sagen, aber das ist im Deutschen unüblich. Infolgedessen würde der Leser zu spekulieren beginnen, ob hier an eine besondere Art von Vögeln gedacht ist. Das wäre dann eine typische Art von Über-Interpretation des Textes. Aber ist denn im Griechischen die Präzisierung nötig? Nicht zwingend; es gibt Stellen, wo sie unterbleibt und wo einfach von „Vögeln“ die Rede ist. Aber ich vermute, dass der hebräische bzw. griechische Ausdruck für „Vögel“ gleichzeitig ein Oberbegriff für Vögel und Geflügel ist, also etwa: „geflügelte Wesen“. Und dann ergibt die Präzisierung plötzlich einen Sinn. Denn es gibt nun mal „geflügelte Wesen am Himmel“ (das, was wir als Vögel bezeichnen) und „geflügelte Wesen auf der Erde“ (das, was wir als Geflügel bezeichnen - Hühner, Gänse, Enten etc.). Wenn das so ist, stützt sich die Auslassung von „des Himmels“ nicht nur auf unser Sprachgefühl, sondern auf ein rational nachvollziehbares Argument.

Es gibt noch etwas Drittes, was häufig nicht ausdrücklich mitgeteilt wird, sondern zwischen den Zeilen gelesen werden muss: die Absicht, die der Schreiber mit seinem Text verbindet.

Der dritte Bereich:

Was der Autor mit seinen Aussagen bewirken will
Als ich vor einiger Zeit in einem Restaurant aß, entdeckte ich zu meinem Vergnügen auf dem Tisch ein kleines Kärtchen, das in einem Klemmfuß steckte. Auf dem Kärtchen stand: „Danke, dass Sie an diesem Tisch nicht rauchen.“ Ein Dank? Nein, eine Bitte. Aber wenn der Restaurantbesitzer plump und direkt befehlen würde: „An diesem Tisch bitte nicht rauchen!“ (oder noch knapper: „Rauchen nicht erwünscht“), wären seine Kunden womöglich verärgert. Die Methode mit dem vorweggenommenen Dank ist viel erfolgversprechender!

Ein Lehrer erteilt einem fremdsprachigen Schüler Deutschunterricht. Er zeigt auf einen Tisch und sagt: „Das ist ein Tisch.“ Und der Schüler zeichnet einen Tisch in sein Heft und schreibt daneben: „Tisch.“ In der Pause geht der Lehrer ins Lehrerzimmer. Im Flur haben einige Schüler es sich rund um einen Tisch bequem gemacht. Sie haben die Beine hochgelegt; ihre dreckigen Turnschuhe liegen auf der Tischplatte. „Das ist ein Tisch“, sagt der Lehrer, und prompt nehmen die Schüler ihre Füße vom Tisch. Sie haben richtig verstanden und im gewünschten Sinn reagiert. Was der Lehrer gesagt hatte, war eben nicht einfach eine Feststellung, sondern eine Aufforderung. Er hätte auch sagen können: „Das ist ein Tisch und keine Fußbank. Bitte nehmt die Füße vom Tisch!“ Aber das wäre völlig überflüssig. Die Schüler verstehen ihn auch so. Er muss nicht mehr sagen als nötig. Andernfalls macht er sich lächerlich.

Ein Beispiel aus dem Neuen Testament: Apostelgeschichte 26,28. Der inhaftierte Apostel Paulus hat vor dem römischen Gouverneur Festus und vor dem jüdischen König Agrippa eine lange Verteidigungsrede gehalten. Zum Schluss wendet er sich unmittelbar an den König und sagt:

„König Agrippa, glaubst du den Propheten? Ich weiß, dass du ihnen glaubst!“

Da entgegnet der König (nach der Revidierten Elberfelder Übersetzung):

„In kurzem überredest du mich, ein Christ zu werden!“

Wenn man einfach nur übersetzt, was dasteht, ist die Antwort des Königs damit korrekt wiedergegeben. Der Haken ist nur: Diese Antwort klingt so, als würde Agrippa lediglich eine Feststellung machen. In Wirklichkeit bezieht er Stellung. Wahrscheinlich ist er beeindruckt von dem, was Paulus aus seinem Erleben mit Jesus berichtet hat. Möglicherweise reagiert er auch spöttisch (um sich vor einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Evangelium zu drücken). Wie auch immer - die Übersetzung sollte deutlich machen, dass wir es mit einer stark emotional gefärbten Reaktion zu tun haben. In der Neuen Genfer Übersetzung lautet die königliche Antwort so:

„Du redest so überzeugend, dass du demnächst noch einen Christen aus mir machst!“

Wenn der Autor ermutigen möchte, sollte die Übersetzung einen ermutigenden Tonfall wählen. Wenn der Autor etwas anordnet, sollten die Befehle in der Übersetzung so klar formuliert sein, dass der Leser weiß, wie er sich verhalten muss. Das ist die pragmatische Seite eines Textes, und eine genaue Übersetzung darf sie nicht unterschlagen.

Sachtext oder Fiktivtext?

Bei diesen Beispielen will ich es für heute belassen. Sie haben sicher selbst bemerkt, dass die Beispiele immer umfangreicher und immer komplizierter geworden sind. Solange wir uns auf der Ebene des Vokabulars bewegt haben, war die Sache einigermaßen überschaubar. Aber als wir dann höher stiegen, zu der Ebene der Satzteile und ganzen Sätze, wurde es schon ziemlich knifflig. Und eigentlich müssten wir jetzt auch noch auf die höchste Stufe steigen, die Ebene der Abschnitte und des gesamten Buches, die Ebene des Diskurses, wo es um Dinge wie Textgrammatik und Makrostrukturen geht. Aber dann müssten wir noch weiter ausholen, müssten eine immer größere Textmenge überblicken und einen jedes Mal noch umfangreicheren expliziten und impliziten Kontext mit einbeziehen - ich glaube, das schenken wir uns für diesmal.

Statt dessen möchte ich Sie, bevor wir zum Ende kommen, noch auf einen Gesichtspunkt aufmerksam machen, der ebenfalls eine Rolle dabei spielt, ob man eine möglichst genaue Übersetzung anstrebt oder nicht. Es geht um die Frage der Textsorte. Texte gehören verschiedenen Gattungen an, und es gibt viele Möglichkeiten der Einteilung. Aber in unserem Zusammenhang interessiert mich besonders die Unterscheidung von Sachtext und Fiktivtext. Fiktivtexte - das sind Texte mit erfundenem Inhalt, ein Roman z. B. oder ein Gedicht. Dem stehen die Sachtexte gegenüber - z. B. ein Brief, ein Schulbuch, eine Gebrauchsanweisung. Sie beziehen sich auf die außersprachliche Wirklichkeit, auf Gegenstände und Geschehnisse in der realen Welt.

Wo ist es wohl wichtiger, genau zu übersetzen - beim Sachtext oder beim Fiktivtext? Keine Frage: beim Sachtext, und zwar aus zwei Gründen.

Erstens: Bei einem Sachtext kann man nachprüfen, ob seine Aussagen stimmen. Einem Sachtext kann nichts Schlimmeres passieren, als wenn er der Überprüfung nicht standhält. Denn der Leser geht davon aus, dass der Inhalt mit der Wirklichkeit übereinstimmt - nicht nur beim Original, sondern ganz genauso auch in der Übersetzung. Es kommt immer wieder vor, dass ich in einer Zeitung einen theologischen Artikel lese (ein Bereich, wo ich mich einigermassen zu Hause fühle) und dabei auf Angaben stoße, die nicht korrekt sind - falsche Jahresangaben, verkehrte Personennamen, unrichtige Darstellung von Zusammenhängen. Dann bin ich natürlich misstrauisch und kaufe dem Journalisten nicht ohne weiteres ab, was er sonst noch berichtet; denn da, wo ich es kontrollieren kann, hat er schlampig recherchiert. Bei fiktiven Texten sieht das anders aus. Wer nach einem Roman greift, möchte unterhalten werden - mit einer glänzend erzählten, einer spannenden, einer rührenden Geschichte. Wenn man ihn auf einen Übersetzungsfehler hinweisen würde, würde er vermutlich nur mit den Achseln zucken: Was soll's; der Autor hat ja eh alles erfunden.

Zweitens: Sachtexte müssen sich in der Praxis bewähren. Wenn die Gebrauchsanleitung nicht klar formuliert ist, bringt man das Gerät nicht in Gang. Wenn der Schüler die Aufforderung seines Lehrers nicht versteht, hat das womöglich unangenehme soziale Folgen für ihn. Wenn der Kranke sich über Risiken und Nebenwirkungen eines Medikaments informieren will und die Packungsbeilage nicht begreift, kann das zu massiven Gesundheitsproblemen führen. (Aber zum Glück gibt es ja noch den Arzt und den Apotheker!) Sachtexte sind auf Eindeutigkeit hin angelegt. Je klarer die Formulierungen, desto besser. Und auch hier wieder: Wenn Fiktivtexte schlecht übersetzt sind, muss der Leser nicht mit negativen Konsequenzen rechnen. Ein schlechter Stil mag ärgerlich sein, aber der Alltag des Lesers ist davon nicht betroffen.

Wenden wir das Ganze auf die Übersetzung der Bibel an. Die entscheidende Frage lautet natürlich: Handelt es sich bei der Bibel um Sachtexte oder um Fiktivtexte? Ich meine, an der richtigen Antwort kann es keinen Zweifel geben: Die biblischen Texte sind (wenigstens in erster Linie) Sachtexte. In der Bibel werden keine erfundenen Geschichten erzählt, sondern Geschichte, Historie, die Geschichte des israelitischen Volkes, die Geschichte von Jesus Christus, dem Messias, die Geschichte von der Entstehung der christlichen Gemeinde. In der Bibel wird nicht phantasiert, sondern informiert, über Gott und über unsere Beziehung zu Gott. „Ich will, dass ihr Folgendes wisst“ - so beginnt der Apostel Paulus zahlreiche Abschnitte in seinen Briefen. In der Bibel wird nicht so lange über Gut und Böse psychologisiert, bis es nur noch ein Jenseits von Gut und Böse gibt. Nein, die Bibel zieht klare Trennlinien und fordert uns unmissverständlich auf, dem Bösen den Rücken zu kehren und das Gute zu tun.

Wenn die Bibeltexte also Sachtexte sind, dann gilt für sie, was für alle Sachtexte gilt: Sie müssen so genau und so klar wie möglich wiedergegeben werden.

So genau wie möglich - nicht durch eine Wort-für-Wort-Wiedergabe, bei der man häufig raten muss, was wohl gemeint sein könnte, sondern durch größtmögliche inhaltliche und sachliche Übereinstimmung mit dem Original.

So klar wie möglich - weil die Bibel eben nicht nur über Gott informiert, sondern möchte, dass wir eine persönliche Beziehung zu Gott aufbauen. Der Apostel Johannes schreibt gegen Ende seines Evangeliums:

„Was hier berichtet ist, wurde aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben an ihn in seinem Namen das Leben habt.“ (Johannes 20,31)

Mit ähnlichen Worten sagen das auch alle anderen neutestamentlichen Verfasser. Und selbst wo es nicht ausdrücklich gesagt wird (z. B. in einigen Büchern des Alten Testamens), steht es doch überall zwischen den Zeilen. Die ganze Bibel - von der ersten bis zur letzten Seite - ist im Grunde genommen eine einzige Gebrauchsanleitung, die uns zeigt, wie wir mit Gott leben können. Das ist die pragmatische Seite der Bibel; das ist ihre Wirkungsabsicht; das ist ihre explizite und ihre implizite Botschaft. Die Mitteilungen der Bibel sind letztlich Aufforderungen. Paulus schreibt einmal folgendes:

„Alles, was in der Schrift steht, ist von Gottes Geist eingegeben, und dementsprechend groß ist auch der Nutzen der Schrift: Sie unterrichtet in der Wahrheit, deckt Schuld auf, bringt auf den richtigen Weg und erzieht zu einem Leben nach Gottes Willen. So ist also der, der Gott gehört und ihm dient, mit Hilfe der Schrift allen Anforderungen gewachsen; er ist durch sie dafür ausgerüstet, alles zu tun, was gut und richtig ist.“ (2. Timotheus 3,16.17)

Die Bibel will uns nicht nur über Gottes Welt und Gottes Pläne informieren; es ist ihr erklärtes Ziel, auf unser Leben und unseren Alltag Einfluss zu nehmen. Und das ist eine Sache auf Leben und Tod! Wischi-Waschi-Anweisungen sind da total fehl am Platz! Wenn jemand eine Beziehung zu Gott aufbauen möchte, darf das nicht daran scheitern, dass er die entsprechenden Anweisungen nicht richtig versteht.

Deshalb kann ein Bibelübersetzer der Bibel keinen besseren Dienst erweisen, als dass er ihre Botschaft so genau und so verständlich wiedergibt, wie es ihm möglich ist. Nur dann wird er auch ihrer missionarischen Dimension gerecht.

Bibellesen ist Vertrauenssache

Noch eine letzte Beobachtung, etwas, was mir eigentlich erst richtig bewusst geworden ist, seit ich selbst mit dem Übersetzen von Bibeltexten beschäftigt bin: Das Benutzen einer Bibelübersetzung ist Vertrauenssache. Eigentlich versteht sich das von selbst. Wenn ein deutscher Leser kein Griechisch oder Hebräisch kann, bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als darauf zu hoffen, dass der oder die Übersetzer gute Arbeit geleistet haben. Er muss sich auf die Übersetzung verlassen können. Bibellesen ist Vertrauenssache.

Wie kann der Übersetzer das Vertrauen seiner potentiellen Leser gewinnen? Was kann er tun, um Misstrauen abzubauen? Mindestens drei Dinge gehören m. E. dazu.

Erstens: Sorgfalt. Der Bibelübersetzer muss so sorgfältig wie möglich arbeiten. Theologisch gesagt: Er muss gründliche Exegese betreiben. Sprachwissenschaftlich gesagt: Er muss sich den engeren und weiteren Kontext jedes Wortes, jeder Aussage, jedes biblischen Buches ansehen. Denn nur auf diese Weise wird er den richtigen Sinn, die angemessene Bedeutung der Wörter und Sätze herausfinden.

Zweitens: Transparenz. Der Übersetzer kann versuchen, mit Hilfe von Anmerkungen den Weg aufzuzeigen von einer wörtlichen (aber inhaltlich vielleicht nicht unbedingt zutreffenden) Wiedergabe zu einer freieren, aber sachlich korrekten und sprachlich verständlichen Wiedergabe. Damit schlägt er eine Brücke zwischen den verschiedenen Übersetzungstypen, den wortwörtlichen, den philologisch genauen und den kommunikativen. Und der Benutzer ist dann nicht mehr so verwirrt, wenn er bei ein und demselben Vers auf völlig anderslautende Formulierungen stößt.

Drittens: Gebet. Wenn der Übersetzer in einer persönlichen Beziehung zu Gott lebt und ihn immer wieder um Durchblick und Kreativität bittet, wird - davon bin ich überzeugt - Gottes Heiliger Geist Einfluss auf die Übersetzungstätigkeit nehmen. Damit wird die gründliche wissenschaftliche Arbeit in keiner Weise überflüssig. Im Gegenteil, gerade wenn ich weiß, dass ich es hier mit Gottes eigenen Worten zu tun habe, werde ich mich noch viel mehr bemühen, diesen Worten theologisch und linguistisch gerecht zu werden. Aber es ist gut zu wissen, dass man mit dieser riesigen Verantwortung nicht allein gelassen ist, sondern dass Gott selbst einem zu Hilfe kommt. Wenn wir Interesse daran haben, die Bibel gut zu übersetzen - Gott hat es noch viel mehr.

Auf diese Weise - mit sorgfältiger Exegese, mit Transparenz beim Übersetzungsvorgang und mit Gebet - kann der Bibelübersetzer versuchen, das Vertrauen der Leser zu gewinnen.

Zwei Zitate und zwei Schlussfolgerungen

Lassen Sie mich mit zwei Zitaten zum unserem Thema schließen. Das erste hab ich mir mal vor vielen Jahren notiert; ich erinnere mich leider nicht, von wem es stammt. Vielleicht ist es im Zeitalter der funkgesteuerten Uhren auch gar nicht mehr ganz up-to-date:

„Bibelübersetzungen sind wie Uhren: Die beste ist immer noch nicht genau genug, und die schlechteste ist immer noch besser als gar keine.“

Die Folgerung daraus wäre: Schnappen Sie sich die nächstbeste Bibel und fangen Sie an zu lesen! Sie werden es nicht bereuen.

Das zweite Zitat und zugleich das Schlusswort an diesem Abend stammt von dem jüdischen Dichter Haim Nacham Bialik; ich bin kürzlich in einem Artikel von P. R. Raabe in der Zeitschrift „The Bible Translator“ darauf gestoßen (Vol. 51, Nr. 2, Seite 201):

„Die Bibel in einer Übersetzung zu lesen ist, wie wenn du deine Braut durch einen Schleier küsst.“

Eine Übersetzung, und sei sie noch so genau, ist nie eine Eins-zu-eins-Entsprechung zum ursprünglichen Text, sondern immer nur eine Annäherung. Die Folgerung daraus wäre: Wenn Sie diese Braut direkt auf die Lippen küssen möchten, müssen Sie Hebräisch, Aramäisch und Griechisch lernen und die Bibel im Original lesen. Einen anderen Weg gibt es nicht.