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Petrus, der Felsenmann?!
Petros und petra im griechischen Text
Ein Beispiel aus der deutschen Sprache
Was bedeutet denn nun diese Aussage?
... und was bedeutet Sie nicht?
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Petrus, der Felsenmann?!

Matthäus 16, 18-19

Welches ist wohl das meistgelesene Bibelwort? Schwer zu sagen, aber ich habe eine Vermutung. Es gibt einen heißen Anwärter auf Platz Nr. 1. Mein Kandidat ist die berühmte Ankündigung, die Jesus einem seiner Jünger gemacht hat: „Du bist Petrus [Petrus heißt Fels], und auf diesen Felsen werde ich meine Gemeinde bauen.“ (Matthäus 16,18) Wie komme ich gerade auf diesen Vers?

[Abbildung der Innenseite der Kuppel vom Petersdom in Rom]

Was Sie hier sehen, ist ein Blick in die Kuppel vom Petersdom, der größten Kirche der Christenheit, erbaut u. a. von dem großen Renaissance-Bildhauer Michelangelo. Millionen Besucher sind schon unter dieser Kuppel hergegangen und haben die Worte gelesen, die im Innenumgang der Kuppel in riesigen Goldlettern glänzen: Tu es Petrus, et super hanc petram aedificabo ecclesiam meam ... Et tibi dabo claves regni caelorum [nach der Vulgata, der Übersetzung des großen Bibelgelehrten Hieronymus, die dieser Ende 4. / Anfang 5. Jahrhundert in einem Kloster in Betlehem anfertigte und die über tausend Jahre später, auf dem Konzil von Trient, 1546, zur allein maßgeblichen Bibel der Katholischen Kirche erklärt wurde].

An sich ist es ja begrüßenswert, wenn in einer Kirche ein Bibelvers steht. Aber ein bisschen befremdet es schon, daß hier ausgerechnet eine Aussage gewählt ist, die von einem Menschen spricht. Hätten die Erbauer nicht besser ein Wort ausgesucht, das Jesus Christus in den Mittelpunkt stellt? Zum Beispiel das Petrusbekenntnis aus Matthäus 16,16: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!“ Was die Aussage über Petrus so brisant macht, ist natürlich der Anspruch, der sich dahinter verbirgt: Die Katholische Kirche setzt Petrus mit dem Papst gleich und die Gemeinde mit ihrer eigenen Organisation. Der Vers ist also sehr bewusst ausgewählt: Er soll den Machtanspruch der Katholischen Kirche begründen. Aber begründet er ihn wirklich?

Wie auch immer: Wir haben es hier vielleicht mit der bekanntesten Aussage der ganzen Bibel zu tun, auf jeden Fall mit einer Aussage, die so weitreichende Konsequenzen hatte wie kaum eine andere.

[Deswegen gibt es auch so viele „Petrusse“ im ehemals christlichen Abendland! Seit jenem ersten Petrus war „Petrus“ einer der beliebtesten Namen, den christliche Eltern für ihre Sprösslinge wählten: Peter (deutsch), Peter (englisch), Pierre (französisch), Pietro/Piero (italienisch), Pedro/Perez (spanisch), Piet/Peet (niederländisch), Pär (schwedisch), Per/Peer (norwegisch/dänisch), Pjotr (russisch), Boutros (arabisch). Einige solche Petrusse haben wir auch hier unter uns sitzen.]

Das berühmte Wort steht in einem berühmten Zusammenhang. Es ist sicher gut, einmal den ganzen Abschnitt zu lesen: Matthäus 16,13-20.

13Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: „Für wen halten die Leute den Menschensohn? - 14„Manche halten dich für Johannes den Täufer, antworteten sie, „manche für Elia und manche für Jeremia oder einen der anderen Propheten. - 15„Und ihr, fragte er, „für wen haltet ihr mich? 16Simon Petrus antwortete: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!

17Darauf sagte Jesus zu ihm: „Glücklich bist du zu preisen, Simon, Sohn des Jona; denn nicht menschliche Klugheit hat dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. 18Deshalb sagte ich dir jetzt: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Gemeinde bauen, und das Totenreich mit seiner ganzen Macht wird nicht stärker sein als sie. 19Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf der Erde bindest, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf der Erde löst, das wird im Himmel gelöst sein. 20Dann schärfte Jesus den Jüngern ein, niemand zu sagen, daß er der Messias sei.

Die Sache mit dem Felsenmann Petrus ist nicht das einzige, was an diesem Text auffällt. Eigentlich finden wir hier gleich 3 Besonderheiten, 3 einzigartige Dinge.

(a) Zum ersten Mal spricht ein Mensch aus, wer Jesus ist: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!“

(b) Zum ersten Mal spricht Jesus von der Gemeinde.

(c) Und eben: Petrus bekommt eine einzigartige Aufgabe.

Es ist kein Zufall, daß diese 3 Besonderheiten hier alle auf einmal auftauchen. Die 3 Dinge haben unmittelbar miteinander zu tun.

Zum ersten Mal spricht ein Mensch es aus: Jesus ist der Sohn Gottes! „Für wen halten mich die Leute?“ fragt Jesus. - „Für Johannes den Täufer, für Elia, für Jeremia.“ -  „Und ihr - für wen haltet ihr mich?“ Man spürt förmlich, wie Jesus den Atem anhält. Was werden seine Jünger antworten? Sehen sie in ihm auch nur einen Propheten, einen Wundertäter, einen Vorboten von noch größeren Ereignissen? Da ergreift Petrus das Wort: „Du bist der Messias; du bist der Sohn des lebendigen Gottes!“ - Was muß Jesus sich da gefreut haben! Sie haben es erkannt! Einer wagt es offen auszusprechen!

Als Jesus die zwölf Jünger zu seinen Begleitern machte, hat er ihnen ja nicht einfach gesagt, wer er ist. „Darf ich vorstellen - ich bin der Sohn Gottes, der Messias!“ Er befahl den Zwölf lediglich, sich ihm anzuschließen: „Folgt mir nach!“ Und in den 3 Jahren, die sie dann mit Jesus unterwegs waren, hatten sie Gelegenheit, ihn kennenzulernen. Sie sahen seine Wundertaten, sie hörten seine Worte, sie beobachteten seinen Umgang mit anderen Menschen, sie erlebten, wie er mit Gott sprach. Und jetzt wagt es Jesus, einen Rechenschaftsbericht zu fordern, sozusagen einen Rechenschaftsbericht von sich selbst: Hat mein Dienst an den Zwölf und am israelitischen Volk zu etwas geführt? Haben sie erkannt, wer ich wirklich bin? Oder waren die Jahre des unermüdlichen Einsatzes umsonst? „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!“ Wie glücklich muß Jesus über dieses Bekenntnis von Petrus gewesen sein! Der Anfang ist gemacht. Jetzt sind die Weichen gestellt für den Beginn der neutestamentlichen Gemeinde. „Ich werde meine Gemeinde bauen.“ Und weil Petrus der erste war, der sich so klar und so direkt zu ihm bekannte, macht er ihm eine besondere Zusage: „Auf dich, Petrus, werde ich meine Gemeinde bauen.“ So hängen also diese drei einzigartigen Dinge in unserem Text zusammen. So kam es, daß Petrus zum Felsenmann wurde.