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Petrus, der Felsenmann?!
Petros und petra im griechischen Text
Ein Beispiel aus der deutschen Sprache
Was bedeutet denn nun diese Aussage?
... und was bedeutet Sie nicht?
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Πετρος und πετρα im griechischen Text

Petrus, der Felsenmann. Halt, Stopp! ruft jetzt vielleicht jemand. Petrus ist ja gar nicht der Fels! Im griechischen Text steht für „Fels“ gar nicht πετρος (petros), sondern πετρα (petra). „Du bist Πετρος, und auf diese πετρα werde ich meine Gemeinde bauen.“ Und πετρα bedeutet „großer Fels, Felsmasse“, aber πετρος bedeutet nur „Stein“ oder „Felsbrocken“. Auf ein kleines Stück Fels kann man keine Gemeinde bauen. Jesus muß etwas anderes gemeint haben. Sonst hätte er sagen müssen: „Du bist Πετρος, und auf diesen πετρος werde ich meine Gemeinde bauen.“

Was ist von diesem Einwand zu halten? Ich fürchte, hier macht man aus einer Maus einen Elefanten. Wenn man in einem griechischen Lexikon nachschlägt und sich dann auch noch die Belegstellen ansieht, stellt man rasch fest: Die Bedeutungen von πετρος und πετρα sind in der griechischen Literatur keineswegs so klar gegeneinander abgegrenzt, wie man das vielleicht gerne möchte. Die Hauptbedeutung von πετρα ist Fels/Felsmasse; an nicht wenigen Stellen bedeutet es jedoch dasselbe wie πετρος, nämlich Felsstück / größerer Stein. Umgekehrt bedeutet πετρος zunächst Felsstück/Stein, an manchen Stellen ist es aber auch synonym mit πετρα = Fels (πετρα ist übrigens das weitaus häufigere Wort). Der bedeutungsmäßig unterschiedliche Gebrauch der beiden Ausdrücke beschränkt sich sowieso fast ganz auf poetische Texte. Schon dieser fließende Übergang zwischen den beiden Bedeutungen sollte also vorsichtig machen, die ganze Auslegung von Matthäus 16,18 auf den Wechsel von πετρος zu πετρα zu stützen. Haben die Zuhörer den Unterschied überhaupt als solchen empfunden? Ich vermute, sie haben ihn nicht einmal bemerkt.

[Hätte Jesus unmißverständlich klarmachen wollen, daß Petrus nur ein “Stein“ ist und kein Fels, dann hätte ihm ein sehr geläufiges griechisches Wort zur Verfügung gestanden, das genau diese Bedeutung hat: λιθος (lithos).]

Dazu kommt noch etwas: Wahrscheinlich sprach Jesus mit seinen Jüngern gar nicht griechisch, sondern aramäisch. Seinen neuen Namen Petrus hat Petrus nicht erst hier in Matthäus 16 bekommen, sondern bereits bei seiner ersten Begegnung mit Jesus. In Johannes 1,42 wird uns das berichtet. „Jesus blickte ihn an und sagte: ‚Du bist Simon, der Sohn des Johannes. Du sollst Kephas heißen.' “ Und dann fügt der Schreiber des Evangeliums hinzu: „Kephas ist das aramäische Wort für Petrus.“ Warum fügt er das hinzu? Weil seine nichtjüdischen Leser den Apostel Petrus nur unter seinem griechischen Namen kennen. Wir sehen: Jesus gab Simon einen aramäischen Namen. Und das Interessante daran ist: “Kephas“ bedeutet sowohl “Stein“ als auch „Fels“! Der Begriff deckt beides ab, eine Variante wie πετρος/πετρα gibt es im Aramäischen gar nicht! Schon deshalb fällt eigentlich der ganze Einwand in sich zusammen.

Überhaupt konzentriert man sich viel zu sehr auf den Endungswechsel. Etwas anderes springt doch viel mehr ins Auge: Jesus verwendet bewußt zweimal denselben Wortstamm (πετρ-)! Außerdem verknüpft er den Namen (Petrus) und das Bild (Fels) durch das zurückweisende “diesen“ (das keinen anderen Bezug haben kann; „diesen“ bezieht sich zwingend auf „Petrus“). Starke sprachliche Signale weisen also darauf hin, daß Name und Bild dieselbe außersprachliche Bezugsgröße haben, nämlich die Person des Apostels Petrus, und daß das Bild den Namen erklärt. πετρα bildet nicht einen Gegensatz zu πετρος, sondern eine Erläuterung. Jesus nennt Simon πετρος und greift den neuen Namen direkt mit „diese πετρα“ auf. Nach allen syntaktischen und sprachlogischen Regeln kann daraus nur eines folgen: daß πετρος und πετρα hier dasselben bedeuten: Der πετρος, von dem Jesus spricht, ist eine πετρα.

Denken wir nochmals an den Zusammenhang, in dem Vers 18 steht. Was geht voraus? Vers 16: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!“ Zum ersten Mal spricht ein Mensch aus, daß Jesus der Sohn Gottes ist. Dafür preist Jesus in glücklich (Vers 17) und nennt ihn bei seinem neuen Namen: Petrus. Jeder wartet jetzt natürlich darauf, daß Jesus eine Erklärung für den Namenswechsel liefert. Und genau das tut er: Er fügt ein Wortspiel mit diesem Namen an und erfüllt damit unsere Erwartung: Simon heißt jetzt Petrus, weil Jesus ihn zu einer πετρα, einem Felsen, macht.

Wie wäre es denn bei der anderen Auslegung? Da würde Jesus den begonnenen Gedankengang abrupt abbrechen und die geweckte Erwartungshaltung enttäuschen: “Du bist zwar Petrus, aber du bist, wohlgemerkt, nur ein Stein; der Fels, auf den ich meine Gemeinde baue, ist etwas ganz anderes.“ Und für Petrus wäre das wie eine kalte Dusche: Statt des erwarteten Lobes und Lohnes für sein Bekenntnis (eingeleitet mit „Glücklich bist du zu preisen“) würde Jesus ihm geradezu eine Abfuhr erteilen; er würde ihn öffentlich abkanzeln.

Mir hat mal ein Befürworter dieser Auslegung plastisch vorgeführt, wie er sich das Gespräch zwischen Jesus und Petrus vorstellte. Jesus zeigt mit dem Finger auf Petrus und sagt: „Du bist Petrus“, und dann zeigt er mit dem Finger auf sich selbst und fährt fort: „... und auf diesen Felsen werde ich meine Gemeinde bauen.“ Natürlich wäre so was denkbar. Aber für die Leser, die den umgebogenen Zeigefinger nicht sehen können, müßte Matthäus das dann irgendwie deutlich machen, sehr deutlich sogar: „Du bist zwar Petrus, aber nicht du, sondern ich bin der Fels, auf den ich meine Gemeinde baue.“

Nichts im Text (sieht man einmal von dem Endungswechsel ab) weist auf eine solche unvermittelte Verschiebung der Aussage hin, auf diese Kehrtwende um 180 Grad. Vers 16 stellt eine Erklärung von Petrus über Jesus dar, und genauso stellen nun die Verse 17-19 eine Erklärung von Jesus über Petrus dar - und nicht etwa eine weitere Erklärung über Jesus. Bei der genannten Auffassung wäre in 17 und 18a von Petrus die Rede, in 18b von etwas anderem (wobei das zurückweisende „diese“ völlig in der Luft hängen würde) und in 19 wieder von Petrus. Ich meine, ein Hin- und Herspringen dieser Art lässt der Text nicht zu. Das Wortspiel knüpft positiv an dem neuen Namen an, nicht kontrastiv.

Man kann sich natürlich fragen, wieso Jesus (bzw. Matthäus) nicht zweimal genau dasselbe griechische Wort verwendet, zweimal πετρος. Nun, beim Namen kommt nur die männliche Form in Frage, πετρος. Es handelt sich nun einmal um einen Mann! Simon ist ein Petrus, keine Petra! [Petra war damals ein relativ häufiger Ortsname, nicht ein Mädchenname.] Wenn Jesus dann bei der Erklärung zur weiblichen Form übergeht, tut er das entweder sozusagen automatisch, weil es sich hierbei um das gebräuchlichere Wort handelt, oder ganz bewußt, um deutlich zu machen, daß er an einen großen Stein denkt, einen wirklichen Felsen.

(Wie ist es, wenn man von “Kephas“ ausgeht, also von einer aramäischen Aussage? Hat dann Matthäus, der das Gespräch zwischen Jesus und Petrus berichtet, den Wechsel von πετρος zu petra einfach erfunden? Das muß nicht sein. Eine Sprache hat ja verschiedene Ausdrucksmittel. In diesem Fall könnte man sich vorstellen, daß Jesus den gewünschten Effekt mit Hilfe eines verstärkenden Adjektivs erzielt hat: „Du bist Kephas, und auf diesen großen/starken ‚kephas' werde ich meine Gemeinde bauen.“ Und Matthäus hätte das bei seiner Wiedergabe im Griechischen durch den Übergang von πετρος zu πετρα ausgedrückt. Aber das ist, wie gesagt, reine Vermutung. Überliefert ist uns der griechische Text, nicht irgendeine aramäische Vorform - wenn es sie überhaupt gab.)