Eine Sternstunde im Leben des Thomas - Tiefe Resignation - verzweifelte Hoffnung

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Eine Sternstunde im Leben des Thomas
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Tiefe Resignation - verzweifelte Hoffnung

Vielleicht haben Sie das Gefühl: Der Thomas stellt sich aber auch wirklich an! Warum glaubt er den anderen Jüngern nicht einfach? Selbstverständlich ist Jesus auferstanden! Kreuz und Auferstehung gehören doch zusammen! Jesus, der Sündlose, der Gottessohn, konnte unmög­lich tot bleiben. So steht es an jeder Ecke des Neuen Testaments. Wo soll da ein Problem sein? Nun, für uns ist die Sache glasklar. Für Thomas war sie höchstens so klar wie dicke Tinte. Er hatte kein Neues Testament, wo er das mit der Auferstehung nachlesen konnte. Das letzte, was er von Jesus gesehen hatte, war, daß die Soldaten ihn im Garten Getsemane festnahmen und abführten; er selbst ist damals mit den anderen Jüngern entsetzt davongerannt, in irgendeinen Schlupfwinkel. Irgend jemand wird ihm dann das schreckliche Ende mitgeteilt haben: daß man Jesus in einem Schauprozeß zum Tod verurteilte. Daß man ihn auspeitschte. Daß man ihn wie einen Verbrecher an ein Kreuz nagelte. Und daß er dort qualvoll starb. Daß man ihn anschlie­ßend vom Kreuz nahm, daß man ihn einbalsamierte und in ein Grab legte. Das alles hat Tho­mas mitgekriegt. Eine fürchterliche Verzweiflung muß ihn gepackt haben, eine abgrundtiefe Resignation: Jetzt ist alles aus! Jesus ist tot. Tot ist tot. Alle Hoffnungen sind tot. Alle Freude ist gestorben. Was soll mir das Leben jetzt noch? Mein Lehrer und Meister ist nicht mehr; der Mann, der so tiefsinnig und überzeugend von Gott erzählen konnte, ist verstummt; der bewun­derte Herr über Naturgewalten und Krankheiten, ja sogar über den Tod, ist selbst ein Opfer des Todes geworden.

Und jetzt plötzlich wird behauptet, Jesus sei auferstanden? Wo gibt's denn so was? Da könnt ihr lange reden! Womöglich seid ihr einer Halluzination erlegen! Jesus soll leben? Zu schön, um wahr zu sein! Nein, ich verlaß mich auf niemand mehr, nur noch auf mich selbst. Wenn das, was ihr mir da sagt, stimmen soll, muß ich mich selber überzeugen können, mit meinen eigenen Augen und Händen. Seine Nägelmale will ich sehen, damit ich weiß, daß er wirklich am Kreuz hing. Die Wunde in seiner Seite will ich sehen, damit ich sicher bin, daß es nicht irgendein Ge­kreuzigter vor mir steht, sondern dieser eine, dem die Soldaten die Lanze in den Unterleib ge­stoßen haben. Berühren und betasten will ich das alles, damit ich mir nachher nicht vorwerfen lassen muß, ich sei das Opfer einer Sinnestäuschung geworden. Hundertprozentig sicher will ich sein, so sicher, daß nachträglich keine Zweifel mehr aufkommen können.

Wir spüren an der Reaktion des Thomas etwas von der tiefen Enttäuschung, in die ihn Jesu Tod gestürzt hat, und von dem Schock, in dem er immer noch steckt und der sich nicht mit ei­nem Federstrich beseitigen läßt. Und so war es nicht nur ihm ergangen, so war zunächst auch den anderen Jüngern zumute gewesen. Aller Lebensmut ausgelöscht, nur noch Trauer, Scham und Angst.

Ich meine, wir spüren aber auch etwas von einer geradezu verzweifelten Hoffnung, die anderen Jünger mögen doch recht haben. Jesus lebt? Wenn's nur so wäre! Aber bevor ich ihn nicht sel­ber sehe, glaub ich euch nicht. Gerade die radikale Weigerung, ihnen Glauben zu schenken, ist ein Ausdruck dafür, wie sehr sich Thomas danach sehnt, daß es so ist. (Wir kennen alle solche ungläubigen Reaktionen gerade auf eine gute Nachricht: Unmöglich! Das gibt's doch nicht! Das glaub ich einfach nicht! - Man möchte nicht zu rasch glauben, damit man nicht noch einmal enttäuscht wird und dann tiefer abstürzt als vorher. Erst möchte man total sicher sein, jeden Irrtum ausschließen.)