Eine Sternstunde im Leben des Thomas - Glaube als Lebensprogramm

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Glaube als Lebensprogramm

Hier haben wir im übrigen auch den Höhepunkt des ganzen Johannesevangeliums. Kein ande­rer Jünger hat so ein eindeutiges Bekenntnis zu Jesus ausgesprochen, ein Bekenntnis seiner Göttlichkeit. Ganz zu Beginn seines Evangeliums hat Johannes uns Jesus als Gott vorgestellt: „Am Anfang war das Wort, das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“ Jetzt, in Kap. 20, am Ende des Evangeliums, schließt sich der Kreis. Zum erstenmal spricht ein Jünger es unmiß­verständlich aus: Jesus, du bist Gott, Gott in Person. „Meister“ hatten die Jünger Jesus ge­nannt, als sie ihn näher kennenlernten, „Messias“, „Sohn Gottes“. Aber ihn unmittelbar und vorbehaltlos mit Gott gleichzusetzen, das wagt erst Thomas; ausgerechnet er wagt es als er­ster. Ist das nicht toll? Aus dem finstern Tal sozusagen in einem rasanten Durchmarsch bis auf den Gipfel. Thomas, der Gipfelstürmer. Da hat er so lange nichts begreifen wollen, und Knall auf Fall hat er den größten Durchblick. Der hartnäckigste Zweifler legt das tiefste Bekenntnis ab. Da war er später dran als alle anderen, und plötzlich steht er an der Spitze des Jüngerkrei­ses. Eine Woche länger ist er in den Startlöchern hocken geblieben - und jetzt überquert er vor allen anderen die Ziellinie! Von Null auf Hundertachtzig! Der Letzte wird zum Ersten. Tho­mas, der Nachzügler, ist mit einem Mal Thomas, der Anführer. Und Jesus anerkennt das, er akzeptiert seinen Glauben. „Jetzt, wo du mich gesehen hast, glaubst du“, sagt er.

Aber braucht man denn überhaupt noch zu glauben, wenn man alles gesehen hat? O ja. Das Sehen ersetzt den Glauben nicht. Glauben ist eben mehr als Fürwahrhalten. Glauben heißt nicht nur, die Fakten nicht abstreiten. Glauben heißt: aus den Fakten die Konsequenzen ziehen, und zwar für sich ganz persönlich. Und genau das tut Thomas. Er sagt nicht einfach: „Herr und Gott“, er sagt: „Mein Herr und mein Gott“. Das ist nicht nur ein Glaubensbekenntnis, das ist ein Lebensprogramm: Von jetzt an untersteht dir mein Leben, von jetzt an gehöre ich dir mit Haut und Haar. So sehr hat Thomas gehofft, Jesus wäre doch wieder lebendig, und jetzt, wo er Jesus unmittelbar vor sich stehen hat, gibt es für ihn kein Halten mehr - jetzt sollen alle Jahre, die Gott ihm noch auf dieser Erde schenkt, ganz im Dienst dieses guten, liebevollen Herrn ste­hen. Ich meine, eine bessere Konsequenz aus den Auferstehungsberichten kann man gar nicht ziehen. Thomas, das Negativbeispiel, wird zum positiven Vorbild für uns alle. - Als der Portu­giese Vasco da Gama um 1500 den Seeweg nach Indien entdeckte, war er höchst erstaunt, dort christliche Gemeinden vorzufinden, Gemeinden mit einer uralten Tradition. Sie nannten sich die Thomaschristen, und nach ihrer Überlieferung war unser Apostel Thomas als Missio­nar bis nach Indien gekommen und war dort als Märtyrer gestorben.

Nachdem nun alles geklärt ist, alle Zweifel ausgeräumt sind, Thomas wieder voll in den Jün­gerkreis integriert ist, fügt Jesus noch einen Satz an, und dieser Satz setzt dieser Begebenheit die Krone auf und ist der bekannteste Vers der ganzen Geschichte: „Jetzt, wo du mich gesehen hast, glaubst du. Glücklich zu nennen sind die, die nicht sehen und trotzdem glauben“ (V. 29).