Eine Sternstunde im Leben des Thomas - Hören statt sehen

Beitragsseiten
Eine Sternstunde im Leben des Thomas
Tiefe Resignation - verzweifelte Hoffnung
Unglaube oder Skepsis?
Ein Gott zum Anfassen
Anfassen unnötig!
Glaube als Lebensprogramm
Blinder Glaube = großer Glaube?
Hören statt sehen
Echter Glaube braucht Beweise!
Gottes einmalige Taten
Ein neues Verhaltensmuster: Vertrauen
Alle Seiten

Hören statt sehen

„Nicht sehen und trotzdem glauben.“ Um zu verstehen, was damit wirklich gesagt sein soll, müssen wir nochmals in jene ursprüngliche Situation zurück. An wen dachte Jesus wohl, als er dieses geflügelte Wort zum ersten Mal aussprach? Dachte er an die anderen Jünger und hielt sie Thomas als leuchtendes Beispiel vor Augen? Waren sie die Glücklichen, die nicht gesehen hatten und trotzdem glaubten? Von wegen! Sie saßen alle im gleichen Boot. Kein einziger von ihnen hatte geglaubt, bevor er gesehen hatte. Wenn das, was Jesus hier sagt, ein Vorwurf ist, dann trifft dieser Vorwurf alle seine Jünger, nicht nur Thomas. In Markus 16,14 heißt es: „Jesus erschien den Elf, während sie bei Tisch waren. Er hielt ihnen ihren Unglauben und ihre Uneinsichtigkeit vor und wies sie zurecht, weil sie denen nicht hatten glauben wollen, die ihn nach seiner Auferstehung gesehen hatten.“ Sogar bei Johannes war es so, dem ersten, der glaubte. Auch er mußte erst einmal das leere Grab sehen. Auch bei ihm heißt es - achten Sie auf die Reihenfolge -: „Er sah und glaubte“ (Joh. 20,8). Okay, Thomas brauchte eine Woche länger als der Rest der Welt. Aber das lag weniger an seinem besonders hartnäckigen Unglau­ben, sondern schlicht und einfach daran, daß er Jesus eine Woche später zu Gesicht bekam als die anderen.

“Nicht sehen und trotzdem glauben“: Auf die Zwölf traf das nicht zu. Sie glaubten erst, als sie sahen. Auf wen trifft es dann zu? Auf alle, die später an Jesus glauben werden! Es ist, als wür­den die Gedanken Jesu, während er mit Thomas spricht, plötzlich in die Zukunft wandern. Den Johannes hat er von seiner Auferstehung überzeugt, indem er ihn das leere Grab sehen ließ. Maria sprach er an, und da war alle Trauer weggeblasen. Bei Thomas hat er die Zweifel ausge­räumt, indem er sich ihm persönlich zeigte. Aber dann? Jesus weiß, daß er demnächst in den Himmel gehen wird, zu seinem Vater, und sich zu ihm auf dessen Thron setzen wird. Dann wird es definitiv vorbei sein mit den Erscheinungen. Dann heißt es wirklich nicht mehr: erst sehen - dann glauben. Wer jetzt noch zum Glauben an ihn kommen soll, muß das auf die Be­richte dieser Augenzeugen hin tun. Jesus sieht also so etwas wie einen Generationenwechsel vor sich: Die erste Generation von Gläubigen waren die, die ihn persönlich erlebt hatten, auch und gerade als Auferstandenen. Die nächste Generation von Gläubigen würden die sein, die sich auf das Zeugnis der ersten Generation verlassen mußte. Sie würden nicht sehen - und sollten trotzdem glauben. Aber sie glaubten nicht etwas Erdachtes, eine tolle Idee, nicht etwas Absurdes, irgendeine Phantasterei. Sie glaubten das, was ihnen die erste Generation als glaub­würdig berichtete. Am Anfang alles Glaubens stehen also dieselben Fakten, dieselben großen Taten Gottes. Nur tritt jetzt an die Stelle des Sehens das Hören, das Hören auf den Bericht de­rer, die gesehen haben. Dieser Bericht erfolgte zunächt mündlich, aber dann wurde er auch schriftlich festgehalten - und so entstanden die Evangelien. Sie sind das Zeugnis derer, die Je­sus persönlich erlebt hatten. Und das ist unser Glück: Weil die Apostel der mündlichen Kom­munikation die schriftliche hinzufügten und uns die schriftlichen Aufzeichnungen ihrer Augen­zeugenberichte hinterließen. hat jetzt auch die dritte und vierte Generation Informationen aus erster Hand. Und die fünfzigste. Und die hundertste. Wir hier in der Schweiz haben zuverläs­sige Berichte von jenen, die den auferstandenen Jesus mit eigenen Augen gesehen und höchst­persönlich mit ihm gesprochen haben. Für uns heißt es nicht mehr: Wir sehen und glauben, sondern: Wir hören und glauben bzw. Wir lesen und glauben. Aber das, was wir hören, ist das­selbe, was jene Menschen sahen - die großen Taten Gottes.

Dieses Wort Jesu ist also gleichzeitig so etwas wie ein Auftrag an Thomas und alle anderen: Ihr habt gesehen und geglaubt; jetzt sollt ihr Menschen zum Glauben führen, ohne daß sie se­hen. Prägt euch sorgfältig ein, was ich tue, merkt euch gut, was ich sage. Und lebt so, daß ihr glaubwürdige Zeugen seid! [Vergleiche Joh. 17,20: „Ich bete nicht nur für sie, sondern auch für die Menschen, die auf ihr Wort hin an mich glauben werden.“]

Und die Jünger nahmen den Auftrag an und berichteten überall, was sie mit Jesus erlebt hatten und was Jesus sie über Gott gelehrt hatte. Und zu ihrer größten Freude glaubten ihnen viele! Viele vertrauten sich tatsächlich Jesus an, obwohl sie ihn nicht gesehen hatten! In seinem ersten Brief schreibt Petrus: „Ihr liebt Jesus, obwohl ihr ihn nie gesehen habt. Ihr vertraut ihm, ob­wohl ihr ihn jetzt nicht sehen könnt“ (1.Petr. 1,8). Haben Sie es gemerkt? Petrus sagt „ihr“, nicht „wir“. Er selbst hatte Jesus ja gesehen, tausendfach vor seinem Sterben und dutzendfach danach. Daß er unter diesen Umständen an Jesus glaubt, ist ihm selbstverständlich. Ganz und gar nicht selbstverständlich ist es ihm, daß andere Menschen sich Jesus anvertrauen, Menschen, die ihn nie erlebt hatten. Es muß für Petrus und die anderen Apostel jedesmal neu wieder ein Wunder gewesen sein, daß jemand glaubte, ohne zu sehen. Aber was brachte diese Menschen dazu, sich Jesus anzuvertrauen? Was es eine Blitzidee, eine plötzliche Eingebung? Nein, sie hörten sich die Berichte der Augenzeugen an. In seinem zweiten Brief schreibt Petrus: „Wir haben uns nicht auf geschickt erfundene Märchen gestützt, als wir euch das Kommen unseres Herrn Jesus Christus in Macht und Herrlichkeit bekanntmachten. Wir haben mit eigenen Augen seine göttliche Hoheit gesehen ...“ (2.Petr. 1,16). Und Johannes schreibt in seinem ersten Brief: „Was von Anfang an war, was wir gehört und mit eigenen Augen gesehen haben, was wir ge­schaut und mit unseren Händen betastet haben, das verkünden wir“ (1.Joh 1,1). Und unmittel­bar nach der Thomas-Geschichte heißt es: „Jesus tat in der Gegenwart seiner Jünger noch viele andere Wunder, durch die er seine Macht bewies, die aber nicht in diesem Buch aufgezeichnet sind. Was hier berichtet ist, wurde aufgeschrieben, damit ihr glaubt, daß Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben an ihn in seinem Namen das Leben habt“ (Joh. 20,30f). Immer wieder berufen sich die Apostel darauf, daß sie Augenzeugen waren. Sie sagen ganz bewußt: Wir haben gesehen und daraufhin geglaubt, und jetzt bitten wir euch, un­serem Bericht zuzuhören und ebenfalls zu glauben. Ob sehen oder nicht-sehen - die Grundlage ist immer dieselbe: das, was Gott durch Jesus Christus getan hat, als dieser auf der Erde war.