Gebet – das Kennzeichen eines Christen - Zwei Auswirkungen

Beitragsseiten
Gebet – das Kennzeichen eines Christen
Das Gebet und der Heilige Geist
Beten heißt: die Beziehung zu Gott pflegen
Die Geschichte des Gebets: Bitten und Danken
Zwei Auswirkungen
Ein Mustergebet als Gebetsmuster: “Abba, Vater!“
Alle Seiten

Zwei Auswirkungen

Vielleicht denken Sie: Was macht das schon, wenn man das Danken unterlässt! Okay, es wäre anständiger, ein Feedback für das schöne Geschenk zu geben, aber Hauptsache ist doch, man hat das Geschenk. Okay, die Neun hätten sich noch korrekter verhalten, wenn sie - wie der Samaritaner - ihrem Wohltäter persönlich gedankt hätten, aber geheilt sind alle zehn, und das ist doch entscheidend. Der Dank (bzw. der Undank) ändert daran nichts. O doch! Der Dank ändert sehr viel. Danken ist nicht nur ein hübsches Anhängsel an unsere Gebetsgeschichte; Danken gehört elementar dazu. Erst das Danken vollendet den Prozess, weil durchs Danken noch einmal was ganz Neues in unser Leben kommt. Dieses Neue, dieser zusätzliche Gewinn hat mit unserem Verhältnis zur Gabe zu tun und mit unserem Verhältnis zum Geber.

Ohne Dank bleibt Beten unvollständig.

Erstens: Dank ändert unser Verhältnis zum Geber.

Durchs Danken entsteht überhaupt erst eine dauerhafte persönliche Beziehung. Die vollständige Gebetsgeschichte vollzieht sich in einem Dreischritt: Bitten - Empfangen - Danken. Wenn ich beim Empfangen stoppe, bleibe ich sozusagen an der Gabe hängen. Ich habe bekommen, was ich bekommen wollte. Gott hat getan, was er tun sollte. Jetzt kann er gehen. Ich bin so auf die Gabe fixiert (vielleicht vor lauter Begeisterung), dass mir der Geber aus dem Blickfeld gerät. Sobald ich aber darüber nachdenke, woher die Gabe denn gekommen ist, blicke ich auf und sehe den Geber vor mir. Das Denken führt zum Danken. Ich lasse die Gabe liegen, geh zum Geber und sag ihm, wie sehr ich mich über seine Großzügigkeit und Liebe freue. Und wissen Sie, was passiert? Den Geber freut meine Dankbarkeit so sehr, dass er mir gerade nochmal ein Geschenk macht. Alle zehn Aussätzigen haben bekommen, worum sie baten: Sie sind geheilt. Neun haben sich den Dank gespart. Einer ist zurückgekommen. Und hören Sie mal, was Jesus zu diesem einen sagt, der da zu seinen Füßen liegt und ihm dankt: „Steh auf, du kannst gehen! Dein Glaube hat dich gerettet.“ Die Neun sind geheilt, der zehnte ist geheilt und gerettet! Heilung ist gut; Rettung ist noch viel besser. Heilung ist für dieses Leben wichtig; Rettung ist auch für das Leben nach diesem Leben wichtig. Heilung bedeutet: Die Entstellungen des Körpers sind beseitigt. Rettung bedeutet: Die Entstellungen der Seele sind beseitigt, die Sünden sind vergeben, die Last der Schuld muss nicht mehr getragen werden. Heilung bedeutet: Das Äußere ist wiederhergestellt. Rettung bedeutet: Das Innere ist wiederhergestellt. Wenn man sich das überlegt, wird es einem fast unheimlich: Das Beste haben die Neun verpasst! Wegen ihrer Undankbarkeit. Weil sie nicht zu Jesus zurückkamen. Dank verbindet mit dem Geber. Und mit Gott verbunden sein heißt gerettet sein. Dank verbindet mit dem Geber. Und Gott ist so reich und gibt so gern, dass wir bei ihm immer noch was dazubekommen. Paulus drückt das einmal so aus: „Gott vermag unendlich viel mehr zu tun, als wir erbitten oder begreifen können.“ Epheser 3,20.

Das ist übrigens auch der Grund, weshalb Christen mitten in einer Notlage danken können. Sie wissen, dass Gott bei ihnen ist, der unendlich reiche Geber. Einmal sollte Jesus einer Volksmenge von vielleicht zehn- bis fünfzehntausend Leuten zu Essen geben, und er hatte nur 5 Brote und 2 Fische. Jesus steckte total in der Klemme! Eigentlich hätte er jetzt zu Gott um Hilfe schreien müssen: „Was soll ich bloß tun? Die paar Brote reichen nirgends hin! Greif mir unter die Arme, Herr!“ Aber was machte Jesus? Er nahm das bisschen Brot und das bisschen Fisch und dankte Gott dafür. Jesus sah nicht auf die Gabe, er sah auf den Geber, und dieser Geber war sein Vater. Er kannte ihn und wusste: Meinem Vater steht alles Brot dieser Welt zur Verfügung. Er hat Vorratskammern und Kühlschränke, gegenüber denen könnte man alle Vorratskammern und Kühlschränke dieser Erde in einem Fingerhut unterbringen. Er kann mir jederzeit helfen. Ich dank ihm schon mal im voraus dafür. Statt Panik und Verzweiflung: Ruhe und Gelassenheit.

Noch mehr in der Klemme steckte Jesus am Grab von Lazarus. Jesus hätte seinen schwerkranken Freund gesund machen sollen, aber er war zu spät gekommen. Jetzt lag der Leichnam schon 4 Tage im Grab! Und was macht Jesus? Stimmt er in das Jammern und Klagen der Umstehenden ein? Er lässt den Stein vom Eingang wegrollen, richtet den Blick zum Himmel und sagt: „Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich weiß, dass du mich immer erhörst.“ (Johannes 11,41.42) Gottes Macht kann niemand begrenzen, auch nicht der Tod. Jesus weiß das, und deshalb nimmt er den Dank für das Auferweckungswunder vorweg.

Die ersten Christen haben es Jesus nachgemacht. Als Paulus und Silas mitten in der Nacht völlig zu Unrecht im Gefängnis von Philippi saßen - was taten sie in dieser extremen Notsituation? Sie priesen Gott mit Lobliedern! (Apostelgeschichte 16,25) Und daraufhin griff Gott auf spektakuläre Weise ein und befreite sie! Als Paulus zusammen mit einigen Freunden auf einer Schiffsreise in einen fürchterlichen Seesturm geriet und kein Kapitän, kein Offizier und kein Matrose mehr einen Pfifferling auf ihr Leben gab - was tat er in dieser Todesgefahr? Er griff nach einem Brotlaib, dankte Gott vor allen dafür, brach ein Stück davon ab und begann zu essen. Und durch sein Beispiel bekamen auch alle anderen neuen Mut und stärkten sich ebenfalls. (Apostelgeschichte 27,35.36)

Jedesmal scheint der normale Ablauf auf dem Kopf zu stehen; die Gebetsgeschichte macht sozusagen einen Salto rückwärts. Erwarten würden wir zuerst die Bitte und hinterher den Dank. Aber jedesmal kommt hier der Dank schon vor der Erhörung. Die Gabe ist noch gar nicht da - aber der Geber ist da! Und das ist Grund genug, dankbar zu sein.

Zweitens: Dank ändert unser Verhältnis zur Gabe.

Zur Zeit übersetze ich den Epheserbrief. Im 5. Kapitel bin ich an einer Aussage hängengeblieben, die auf den ersten Blick ziemlich unlogisch daherkommt. Paulus gibt im zweiten Teil des Epheserbriefs eine Vielzahl praktischer Tips für eine christliche Lebensgestaltung. So beschreibt er z. B., wie wir mit der Sexualität umgehen sollen:

„Auf sexuelle Unmoral und Schamlosigkeit jeder Art, aber auch auf Geldgier sollt ihr euch nicht einmal mit Worten einlassen; sich damit zu beschäftigen schickt sich nicht für Menschen, die zu Gottes heiligem Volk gehören. Genauso wenig haben Obszönitäten, törichtes Geschwätz und anzügliche Witze etwas bei euch verloren. Was hingegen eure Gespräche prägen soll, ist Dankbarkeit gegenüber Gott.“ Epheser 5,3.4

Im letzten Satz dieses Zitats stoßen wir auf unser Stichwort: Dankbarkeit. Aber irgendwie scheint dieses Stichwort hier fehl am Platz zu sein. Paulus kämpft gegen den Missbrauch der Sexualität. Er sagt nicht nur, was verkehrt ist, sondern gibt uns auch ein Gegenmittel zur Hand, ein Korrektiv sozusagen. Wie kann man den Missbrauch korrigieren? Durch Anständigkeit, würden wir sagen, durch Reinheit, durch Treue. Paulus sagt: durch Dankbarkeit. Das kommt echt überraschend. Aber wenn man anfängt, darüber nachzudenken, merkt man: Was auf den ersten Blick wie voll daneben wirkt, trifft in Wirklichkeit voll ins Schwarze.

Du hast mit sexueller Unmoral zu kämpfen? sagt Paulus. Dann sei statt dessen dankbar. Dankbar wofür? Für die Sexualität. Danke Gott für die Sexualität. Sie ist seine Erfindung. Sie ist sein Geschenk. Indem ich für die Sexualität danke, sehe ich sie als das, was sie ist: eine gute Gabe Gottes. Aber gleichzeitig wird durchs Danken noch etwas anderes klar: Sexualität ist nur dann eine Bereicherung, wenn ich sie bewusst von Gott entgegennehme, mit anderen Worten: wenn ich nach seinen Spielregeln damit umgehe. Sobald ich sie von Gottes Idee löse, entpuppt sich die Sexualität als kontraproduktiv, entfaltet ein Suchtpotential, zerstört Beziehungen. Sexualität ohne Dankbarkeit stellt die Gabe ins Zentrum, und das ist gefährlich. Das kann bis dahin führen, dass mein Denken und Handeln total beschlagnahmt werden. Hingegen wenn ich Gott für die Sexualität danke, stelle ich den Geber ins Zentrum, und auf diese Weise rückt alles ins Lot, bekommt alles den ihm angemessenen Stellenwert. Paulus greift also keineswegs daneben, wenn er die Dankbarkeit als Heilmittel aus dem Arzneischränckchen holt. Im Gegenteil, seine Wahl zeugt von tiefer Einsicht und tiefer Weisheit. Dankbarkeit ist genau die richtige Medizin bei fehlgeleiteter Sexualität. Und natürlich genauso auch bei jedem anderen Missbrauch von Gottes guten Gaben.