Gebet – das Kennzeichen eines Christen - Ein Mustergebet als Gebetsmuster: “Abba, Vater!“

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Gebet – das Kennzeichen eines Christen
Das Gebet und der Heilige Geist
Beten heißt: die Beziehung zu Gott pflegen
Die Geschichte des Gebets: Bitten und Danken
Zwei Auswirkungen
Ein Mustergebet als Gebetsmuster: “Abba, Vater!“
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So, jetzt haben wir ausführlich über die Geschichte des Gebets nachgedacht, über den Dreischritt von Bitten, Empfangen und Danken. Gebet ist das Kennzeichen des Christen, sagte ich zu Anfang. Nach all dem, was wir uns jetzt überlegt haben, müssten wir es eigentlich noch präziser formulieren: Das Kennzeichen des Christen ist Danken. Erst wenn jemand Gott dankt, ist der Kreis geschlossen, das Ziel der Gebets-Geschichte erreicht, die persönliche Verbindung mit Gott sichergestellt.

Ein Mustergebet als Gebetsmuster: „Abba, Vater!

Zum Schluss möchte ich nochmals ganz kurz auf den Vers aus Römer 8 zurückkommen, den ich zu Beginn der Predigt zitiert habe. Erinnern Sie sich? „Durch Gottes Geist rufen wir, wenn wir beten: ‚Abba, Vater!'“ (Römer 8,15) Paulus legt uns hier sozusagen ein Gebetsmuster vor, ein Mustergebet. Er sagt es sehr präzise: “Wir rufen: Abba, Vater!“ Daran ist zweierlei interessant - die Form und der Inhalt.

1. Die Form: Wie beten wir?

Wir rufen. Das bedeutet: Unser Gebet ist frei und spontan. Es bricht aus uns heraus. Niemand muss uns dazu zwingen; wir brauchen kein vorformuliertes Gebet, das wir dann ablesen (obwohl das manchmal gar nicht schlecht ist; Gebete von anderen nachbeten kann sehr bereichernd sein). Jesus hat mal gesagt: “Wie der Mensch in seinem Herzen denkt, so redet er“ (Matthäus 12,34). Oder, mit der alten Luther-Übersetzung: “Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ Früher war unser Herz erfüllt mit Hass - Hass auf Gott, Hass auf den Nachbarn, Hass auf die Eltern; es war erfüllt mit Stolz, mit Verzweiflung, mit Ängsten und Sorgen. Und immer wieder brach sich das Bahn - in wüsten Flüchen, in gereiztem, bitterem Reden. Jetzt ist das Herz erfüllt mit dem neuen Leben, das der Heilige Geist gebracht hat; es ist erfüllt mit dem Wissen: Ich bin Gottes Kind! Und da muss sich das Herz einfach Luft machen, und es platzt heraus: “Abba, Vater!“ Es ist naheliegend, dass Paulus Gottesdienste miterlebt hat, wo die Christen vor Freude und Begeisterung laut zu Gott, ihrem Vater, gerufen haben: “Abba, Vater!“

2. Der Inhalt: Was beten wir?

“Abba, Vater!“ Aber Paulus - das ist doch kein vollständiges Gebet! Da fehlt doch die Hauptsache: eine Bitte, ein Dank, eben das, was ein Gebet ausmacht. Wirklich? Ich würde sagen, die Hauptsache ist da, das Entscheidende ist ausgedrückt, die Grundlage für alles Bitten und allen Dank. Dass Gott unser Vater geworden ist, das ist die Zusammenfassung der Erlösung - Gott nicht mehr nur der Schöpfer, der Herr, der Richter, sondern mein Vater. Ich nicht mehr in unendlicher Ferne von ihm, sondern in seinem Haus, aufgenommen in seine Familie. Besser könnte man den phantastischen Wechsel, der durchs Kreuz stattgefunden hat, nicht in Worte fassen. Ein Christ, ein Wort: “Vater“.

Der große, allmächtige Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, der Gott Abrahams, der Gott Moses, der Gott Davids, der liebt mich höchstpersönlich so, dass er mich ganz in seiner Nähe haben will. Ich bin in die denkbar engste Verbindung mit ihm gerufen; ich gehöre zu ihm, und er gehört zu mir. Es wird einem fast schwindelig, wenn man sich das vorstellt. Wenn der Präsident der USA aus heiterem Himmel eine Elendsgestalt von den Müllhalden in Manila adoptieren würde - das wäre noch nichts im Vergleich dazu. Die ganze Welt wäre gerührt und neidisch, und das Adoptivkind würde platzen vor Stolz und Glück (falls es überhaupt begreift, was da vor sich geht). Ja, die Bibel möchte, dass wir begreifen, was Gott da mit uns anstellt, und dass wir vor Stolz auf ihn platzen. “Wenn jemand auf etwas stolz sein will, soll er auf den Herrn stolz sein“ (1. Korinther 1,31).

Gott ist mein Vater: Deshalb habe ich allen Grund, ihm zu danken. Gott ist mein Vater: Deshalb habe ich das Recht, ihn zu bitten. Aus diesem einen Wort folgt tatsächlich alles weitere, konkrete Beten.

3. „Abba“

Nun steht da allerdings noch so ein merkwürdiges kleines Wort dabei: “Abba“. Was heißt denn das? Manchen schon etwas älteren Jugendlichen kommt da wahrscheinlich Musik aus Schweden in den Sinn. Aber damit hatte Paulus natürlich nichts am Hut, daran konnte er ja noch gar nicht denken! Die Lösung ist ganz einfach: Abba ist hebräisch-aramäisch und bedeutet “Vater/mein Vater“; es ist die Anredeform. Aber dann ist es ja noch merkwürdiger; dann sagt Paulus ja zweimal dasselbe! “Vater, Vater“! Wozu denn das? Erst das aramäische Wort und dann die griechische Übersetzung? Da könnte Paulus doch gleich nur das Griechische schreiben. Nun, der Grund ist ganz einfach: So hat Jesus selbst gebetet. In Markus 14,36 wird uns berichtet, dass Jesus im Garten Getsemane folgendermaßen betete: “Abba, Vater, alles ist dir möglich. Lass diesen bitteren Kelch an mir vorübergehen! Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Jesus sprach aramäisch, er sagte “Abba“ (und Markus übersetzt es für seine griechischsprachigen Leser: “Vater“). So hat Jesus es auch seine Jünger gelehrt: “Ihr sollt so beten: Unser Vater im Himmel ...“ (Matthäus 6,9); und noch kürzer in Lukas. 11,2: “Wenn ihr betet, dann sprecht: Vater ...“. Auch hier hat es Jesus höchstwahrscheinlich die aramäische Form verwendet: “Abba“. Die ersten Christen haben diese Anrede Gottes sozusagen im Originalton aufgegriffen - genauso, wie Jesus sie ausgesprochen hat. Daran wird zweierlei deutlich. Zum einen, was für einen Eindruck das Beten Jesu auf sie gemacht hat - es war so vertrauensvoll, so persönlich, so tief empfunden, in so einer engen Beziehung zu dem großen Gott! An diesem Ausdruck, an dieser Art zu beten war ihnen klar geworden: Dieser Jesus ist wirklich Gottes Sohn, Gottes einziger, einzigartiger Sohn. Er kann und darf Vater zu ihm sagen. Und zum anderen wollten sie damit zum Ausdruck bringen: Wir dürfen es genauso machen wie Jesus. Durch den Sohn sind auch wir Söhne geworden. Wir teilen seine Gottesbeziehung.

“Abba“ war übrigens ein sehr familiärer Ausdruck, vergleichbar mit unserem “Papa“. Viele Juden, die Jesus so beten hörten, werden das als zu wenig ehrerbietig, als aufdringlich empfunden haben: So redet man doch nicht mit dem allmächtigen Gott! Mit Gott auf Du und Du? Nun, wir von Haus aus nicht, aber Jesus sehr wohl, und durch ihn dann auch wir. Und genau deshalb haben die Anhänger Jesu diese Gebetsanrede nachgeahmt. Sie sprachen ganz bewusst so kühn. Das drückte ihre tiefsten Überzeugungen und Empfindungen aus: Wir sind jetzt nicht mehr Sklaven, Befehlsempfänger; wir haben es in unserer Religion jetzt nicht mehr nur mit einem Berg von Gesetzen zu tun. Wir müssen uns nicht mehr abquälen mit dem Versuch, Gott zu gefallen. Nein, Gott hat uns lieb, er ist unser Vater. Wir sind seine Familienmitglieder, wir sitzen an seinem Tisch. “Abba“ zeigt, wie sehr die ersten Christen auch emotional bewegt waren, wie tief sie auch gefühlsmäßig ihre neue Beziehung zu Gott erlebten. Der Glaube ist nicht nur etwas für den Kopf, er ist auch was fürs Herz.

Und diese tiefe Beziehung zu Jesus können wir nirgends besser zum Ausdruck bringen, als wenn wir mit ihm über alles reden, was uns bewegt. Wenn wir ihm unsere Ängste sagen, unsere Sorgen, unsere Pläne, unsere Freuden, unseren Dank. Und wenn wir mit ihm über alles reden, was ihn bewegt - seine Pläne, seine Ziele, seine Menschen. Beten, Bitten und Danken: das Kennzeichen der Christen.