Gleicher Lohn für alle!? - An einem Tag wie jeder andere ...

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Gleicher Lohn für alle!?
An einem Tag wie jeder andere ...
... steht plötzlich alles Kopf
Wer sich für gesund hält, geht nicht zum Arzt
Macht Liebe neidisch?
Das Päckchen für dich, das Paket für mich
Liebe lässt sich nicht halbieren
Wir wollen das, was wir schon haben!
Sieh doch, das Gute liegt so nah!
Alle kriegen was zu hören
Wer bei Gott Karriere macht ... und wer nicht
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An einem Tag wie jeder andere ...

Sehen wir uns zunächst nochmals die Geschichte als solche an. Sie beginnt völlig normal und völlig harmlos. Jeder Zuhörer hat das, was Jesus da erzählt, so oder ähnlich schon mal miterlebt. Jesus knüpft bei seinen Bildergeschichten immer mitten im prallen Leben an. Die Leute können sich mit dem Personal, dem Szenarium identifizieren, können sich den Handlungsablauf vorstellen. So gelingt es Jesus, sie gewissermaßen mit auf die Reise nehmen - und irgendwann, manchmal unmerklich, manchmal mit einem Donnerschlag, befinden sie sich gar nicht mehr in ihrer vertrauten Welt, sondern mitten drin im Reich Gottes, und alles geht ganz anders zu, als sie es gewohnt sind.

Hier befinden wir uns also auf dem Marktplatz eines Städtchens irgendwo in Israel. Auf dem Marktplatz kann man alles haben - nicht nur Obst und Gemüse, sondern auch Arbeitskräfte. Es ist früh am Morgen, so zwischen 5 und 6 Uhr, die Sonne geht gerade auf. Einige Tagelöhner stehen bereits da und warten darauf, dass jemand ihnen für diesen Tag Arbeit gibt. [Tagelöhner waren in gewissem Sinn die Ärmsten der Armen in der damaligen Gesellschaft. Selbst ein Sklave hatte es in der Regel noch besser: Er gehörte zwar wie ein Tisch oder ein Maultier zum Hab und Gut irgendeines reichen Mannes, der mehr oder weniger freundlich mit ihm umsprang; aber dafür hatte er sein Auskommen und seine Unterkunft. Der Tagelöhner hingegen lebte buchstäblich von der Hand in den Mund. Wenn ihm an dem betreffenden Tag jemand eine Arbeit gab, bekam er am Abend den Lohn ausbezahlt - in der Regel einen Denar -, und das reichte dann gerade so, um sich und seiner Familie etwas zu essen zu kaufen. Fand er keine Arbeit, mussten Frau und Kinder und er selbst hungrig zu Bett gehen. Irgendwelche sozialen Netze, die ihn in einem solchen Fall hätten auffangen können, gab es damals noch keine.]

Plötzlich taucht noch ein Frühaufsteher auf: ein reicher Grundbesitzer. (Die Reichen machen sich also keineswegs immer ein bequemes Leben - das denken ja die Armen oft von ihnen. Umgekehrt sind aber auch die Armen nicht immer faule Säcke - das denken ja die Reichen oft von ihnen. Die Armen in unserer Geschichte sind jedenfalls genauso früh auf den Beinen wie der Reiche.) Der Gutsbesitzer sucht Arbeiter für seinen Weinberg. Wahrscheinlich ist an die Zeit der Weinlese zu denken, September oder Oktober. Das würde auch gut erklären, weshalb der Gutbesitzer im Lauf des Tages immer wieder auftaucht, um weitere Arbeiter anzuheuern. Die Trauben müssen schnell geerntet werden, ehe die Regenfälle einsetzen und alles zunichte machen.

Um die dritte Stunde (wie es wörtlich heißt) lässt er sich wieder auf dem Marktplatz blicken, dann um die sechste, dann um neunte und schließlich um die elfte. Gerechnet wurde von Sonnenaufgang an - sehr simpel und sehr effizient. (Eine Rolex für den Gutsbesitzer oder eine Swatch für die Tagelöhner gab es damals noch nicht.) Die Sonne geht um sechs auf - null Uhr nullnull sozusagen. Die dritte Stunde ist dann neun Uhr (man müsste genauer sagen: die Zeitspanne etwa von acht bis neun), wenn die Sonne auf halbe Höhe am Himmel steht. Steht sie im Zenit, ist Mittag - zwölf Uhr bei uns, die sechste Stunde nach damaliger Zählung. Wenn die Sonne wieder auf die halbe Höhe gesunken ist, haben wir die neunte Stunde - nachmittags um drei -, und beim Sonnenuntergang um sechs sind nicht weniger als zwölf Stunden vergangen: ein langer Arbeitstag! (Die Arbeitspausen lasse ich der Einfachheit halber aus dem Spiel.)

Immer wieder hält der Besitzer des Weinbergs nach weiteren Arbeitern Ausschau. Und jedesmal findet er welche, die bereit sind, mit ihm zu kommen. (Warum sie nicht gleich beim ersten Mal angestellt wurden, wird nicht gesagt und tut auch nichts zur Sache; vielleicht hatten sie erst woanders nach Arbeit gesucht. Auf jeden Fall machen sie nicht den Eindruck von Menschen, die sich so lange wie möglich vor der Arbeit drücken!) Mit den ersten hat der Gutsherr den üblichen Tageslohn vereinbart - einen Denar. Sie waren einverstanden, waren glücklich, zumindest für diesen Tag ihr täglich Brot zu haben, und gingen an die Arbeit. Denen, die später eingestellt werden, nennt er keine konkrete Zahl mehr; er sagt lediglich: „Ich werde euch geben, was recht ist“ - also, so müssen sie annehmen, den entsprechenden Bruchteil des vollen Tageslohnes.