„Hast du mich lieb?“ - Ungewohnte Perspektiven

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„Hast du mich lieb?“
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Bei Gott bleibt niemand arbeitslos
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Nachtrag: Zwei Sorten Liebe?
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Ungewohnte Perspektiven

Jesus gibt Petrus also einen Auftrag. Und dann kündigt er noch etwas an. Es ist eine merkwürdige, eine beunruhigende Voraussage: „Als du noch jung warst, hast du dir den Gürtel selbst umgebunden und bist gegangen, wohin du wolltest. Doch wenn du einmal alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dir den Gürtel umbinden und dich dahin führen, wo du nicht hingehen willst.“ Eine harte Prophezeiung. Klingt beinahe bedrohlich, finden Sie nicht auch? Petrus darf nicht mehr dorthin gehen, wohin er gehen will? Will Jesus etwa seinen Willen ausschalten? Sind Christen Menschen ohne eigenen Willen? Ganz und gar nicht, aber Jesus will Petrus helfen, seine Trägheit und Selbstsucht zu überwinden. Und das ist keine Bestrafung, das ist eine Gnade. Das gibt dem Leben eine Richtung und eine Weite, einen Inhalt und ein Ziel. Petrus würde von jetzt an Dinge tun, die er sich allein nie ausgesucht hätte. Er würde zunächst einmal ruhig in Jerusalem bleiben, statt gleich ins Weite zu stürmen. Er würde sich für Jesus auspeitschen und ins Gefängnis stecken lassen. Er würde ins Haus eines Nichtjuden gehen und ihm das Evangelium verkünden und ihn dann taufen, ohne zu fordern, dass dieser Nichtjude vorher beschnitten werden müsse (Kornelius, Apostelgeschichte 10).

„Du wirst deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dir den Gürtel umbinden und dich dahin führen, wo du nicht hingehen willst.“ Damit hat Jesus angedeutet, auf welche Weise Petrus sterben würde: Er würde gekreuzigt werden. „Du wirst deine Hände ausstrecken“ - das bedeutet wahrscheinlich, dass Petrus seine Arme ausbreiten musste, damit sie an den Querbalken angebunden werden konnten. Und dann musste er diesen Balken „dorthin tragen, wo du nicht hingehen willst“, nämlich zur Hinrichtungsstätte. Nach der frühen kirchengeschichtlichen Überlieferung wurde Petrus in Rom unter Kaiser Nero als christlicher Märtyrer gekreuzigt.

Jesus kündigte an, dass Petrus am Kreuz sterben würde! Dreißig Jahre lebte und arbeitete Petrus noch mit dieser Aussicht! Hing das nicht wie eine Art Damoklesschwert über ihm? War das nicht nachträglich doch noch eine Art Strafe für die Verleugnung? Absolut nicht. Es war eine Auszeichnung! Denn erstens steckte in dieser Ankündigung eine großartige Zusage: Petrus, einmal hast du mir die Treue gebrochen. Aber jetzt wirst du mir treu bleiben, treu bis zum Tod. Wenn du einst am Kreuz festgebunden wirst, wirst du ein lebendiges Zeichen für die gewaltige Umwandlung sein, die mein Kreuz an dir zuwege gebracht hat. Du hast nicht nur behauptet, dass du mich liebst - du hast mir deine Liebe bis in die Stunde deines Todes bewiesen. Du bist mir treu geblieben, selbst als es dich das Leben kostete. Jetzt werde ich dir als Siegeskranz das ewige Leben geben (vergleiche Offenbarung 2, 10).

Und zweitens steht hier: „Jesus deutete damit an, dass Petrus durch seinen Tod die Herrlichkeit Gottes offenbart würde.“ Jesus selbst hat mit seinem eigenen Tod Gottes Herrlichkeit offenbart. Und jetzt würde Petrus es ihm nachmachen dürfen. Nein, dieser Tod war keine Bestrafung. Er war eine ganz besondere Ehre. Und genauso hat Petrus selbst es empfunden. Als er für sein mutiges Eintreten für Jesus vom Hohen Rat in Jerusalem ausgepeitscht wurde, heißt es: „Er verließ den Hohen Rat voll Freude darüber, dass Gott ihn für würdig erachtet hatte, um des Namens Jesu willen Schmach und Schande zu erleiden.“ (Apostelgeschichte 5, 41)

Musterexemplar Petrus: Was das Kreuz zustande bringt

Damit sind wir am Ende dieser Begebenheit angelangt, am Ende unserer Palmsonntags-, Passions- und Auferstehungsgeschichte. Sie hatte mit Jesus und Petrus zu tun, mit dem Kreuz und der Auferstehung, mit Liebe und Aufrichtigkeit und Treue. Wenn man so will, haben wir heute die Bekehrungsgeschichte von Petrus durchgenommen. Wir kennen ja alle die Bekehrungsgeschichte von Paulus, sein Damaskuserlebnis (Apostelgeschichte 9). Aber Petrus, wann hat Petrus sich bekehrt? Darauf wissen wir so aus dem Stegreif gewöhnlich keine Antwort. Nun, hier haben wir die Lösung. Ich finde das sehr schön: Petrus und Paulus sind die beiden bedeutendsten Gestalten der Apostelgeschichte, und von beiden wissen wir, wie und wann sie sich bekehrt haben. Was hatte Jesus unmittelbar vor der Verleugnung zu Petrus gesagt? „Ich habe für dich gebetet, dass du deinen Glauben nicht verlierst. Wenn du dann umgekehrt und zurechtgekommen bist, stärke den Glauben deiner Brüder!“ (Lukas 22, 32) „Wenn du dich bekehrst, wenn du umkehrst und zurechtkommst“ - hier, am Ufer des Sees Gennesaret, im Gespräch mit Jesus, ist es geschehen.

Petrus war der wichtigste Mann im Jüngerkreis. Und gerade an ihm wird uns in dieser Geschichte geradezu exemplarisch gezeigt, was der Kreuzestod von Jesus für Auswirkungen hat: Er bringt uns Vergebung und Erneuerung. Umfassende Vergebung und umfassende Erneuerung. Vergebung und Erneuerung für den, der vor Jesus nicht davonläuft, sondern sich ihm stellt und ihm Antwort gibt auf seine Frage: „Hast du mich lieb?“


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