„Konfliktbewältigung“ - III. Wege zur Konfliktbewältigung

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„Konfliktbewältigung“
Der Brief des Apostels Paulus an Philemon
I. Die Personen - 1. Paulus, Apostel und Gefangener
II. Das Dilemma
III. Wege zur Konfliktbewältigung
IV. Konflikt gelöst?
V. Taktik ist kein Tabu
Neutestamentliche Texte zur Sklavenfrage
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III. Wege zur Konfliktbewältigung

Natürlich können wir nun nicht alles im Detail ansehen; dafür reicht ein Sonntagmorgen einfach nicht aus. Ich möchte Sie aber doch wenigstens auf ein paar wichtige Dinge hinweisen. Wie löst Paulus den Konflikt? Wie bringt er den Sklaven und den Herrn auf eine Weise zusammen, die beide zufrieden stellt und beiden gerecht wird?

(a) Eine erste Beobachtung: Paulus stellt sich auf eine Stufe mit Philemon. Ist Ihnen bei der Einleitung des Briefes etwas aufgefallen? Oder anders gefragt: Haben Sie etwas vermisst? Fehlt da nicht was? Manchmal ist das, was nicht dasteht, wichtiger als das, was dasteht. „Paulus, Apostel von Jesus Christus!“ So stellt sich Paulus sonst in seinen Briefen fast durchweg vor. Apostel, Abgesandter von Jesus Christus - das ist sein Beruf, das gibt ihm seine Autorität, das ermächtigt ihn, maßgebliche Lehre zu vermitteln, und erlaubt ihm, verbindliche Anweisungen zu erteilen. Und hier? „Apostel Jesu Christi“? Fehlanzeige. Paulus verzichtet ganz bewusst auf einen großen Auftritt. Er kommt dem Philemon nicht von oben herab; er begegnet ihm auf Augenhöhe. O ja, er könnte ihm einfach befehlen, aber er tut es nicht. (Verse 8+9: „Aus diesem Grund möchte ich dich nun um etwas bitten. Ich könnte dir zwar auch befehlen, das zu tun, was ich für angemessen halte; unter Berufung auf Christus hätte ich die  volle Freiheit dazu. Doch um der Liebe willen werde ich nur eine Bitte äußern.“ Vers 14: „Doch ohne deine Zustimmung wollte ich keine Entscheidung treffen; schließlich sollst du das, was gut  ist, nicht gezwungenermaßen tun, sondern aus freien Stücken.“ Vers 21: „Ich habe dir das alles im Vertrauen auf deine Einwilligung geschrieben, und ich bin sicher, du wirst sogar noch mehr tun als das, worum ich dich bitte.“) Damit liefert er Philemon ein ganz konkretes Verhaltensmuster. Sieh mal, ich könnte als dein Herr auftreten, als dein Aufseher. Das wäre mein apostolisches Recht. Aber ich tue es nicht. Du könntest als Herr des Onesimus auftreten, als sein Gebieter. Tu es nicht. Verzichte für einmal auf dein gutes Recht.

Übrigens: Auch wenn Paulus ein paar Stufen heruntersteigt - Speichel lecken und am Boden kriechen ist seine Sache nicht. Vers 9 wird manchmal so verstanden. Wörtlich heißt es dort: „Ich bitte dich als ein solcher, wie ich es bin: Paulus, der Alte, und jetzt auch noch ein Gefangener von Jesus Christus.“ Das klingt, als würde Paulus um Mitleid betteln: Philemon, einem so alten Mann kannst du doch keine Bitte abschlagen, noch dazu, wo ich jetzt im Gefängnis sitze! Nimm Rücksicht auf meine schwache Konstitution, mein hohes Alter, mein elendes Los als Gefangener! Aber so meint Paulus das ziemlich sicher nicht. Wenn er sich „alt“ nennt, weist er auf seine Erfahrung hin - er ist älter als Philemon und daher zählt sein Wort mehr. Wenn er sich „Gefangener Jesu Christi“ nennt, weist er auf seine Glaubwürdigkeit hin: Er hat sich in seinem Dienst für Jesus bewährt. Er ist so konsequent für ihn eingetreten, dass er dafür sogar leiden muss. Das adelt ihn; da gibt ihm zwar kein juristisches, wohl aber ein moralisches Recht gegenüber Philemon.

(b) Eine zweite Beobachtung: Ehe Paulus sein Anliegen vorbringt, sorgt er dafür, dass Philemon positiv gestimmt ist. Er lobt ihn. Er dankt ihm. Er drückt seine Freude über den tatkräftigen Glauben von Philemon aus. So vielen hast du geholfen! So viele hast du ermutigt! Und so viel hast du dadurch für dich selbst dazugelernt! Das sind nicht Schmeicheleien. Paulus schmiert Philemon hier nicht Honig um den Mund. Er zählt Fakten auf. Aber eben - er zählt sie auf. Er fällt nicht gleich mit der Tür ins Haus, sondern macht sich die Mühe, sich erst einmal an all das Gute zu erinnern, was über Philemon zu sagen ist. Und er sagt es nicht nur anderen, er sagt es ihm ins Gesicht. Philemon wird sich gefreut haben, als er das las. So hoch schätzt Paulus mich ein! So gut denkt er von mir! Und wie das so ist: Wenn man gelobt wird, ist man viel eher bereit, dem anderen einen Gefallen zu tun! Das kennen wir nur zu gut von uns selbst, und bei Philemon war das nicht anders.

(c) Eine dritte Beobachtung: Paulus führt den Problemkind Onesimus so positiv wie möglich ein. Konkret heißt das: Er nennt ihn zunächst einmal gar nicht beim Namen. Wenn er das gemacht hätte - gleich oben beim Briefkopf: „Betreff: Onesimus“, dann wären bei Philemon sofort sämtliche Rollläden heruntergegegangen, und er hätte den Brief empört zurückgereicht: Onesimus? Der soll mir bloß nicht mehr unter die Augen treten! Nein, Paulus ist nicht so instinktlos, dass er als erstes das rote Tuch „Onesimus“ vor Philemons Augen schwenkt. Er führt den Sklaven anonym ein. Er führt ihn auch nicht als Sklaven ein. „Ich bitte dich für jemand, den ich als mein Kind betrachte; ich bitte dich für einen Mitchristen.“ Also nicht: Ich bitte dich für einen weggelaufenen Sklaven, für einen Dieb. Sondern: „für mein Kind“, „für einen Mitchristen“. O ja, wird Philemon denken, dem helf ich doch gern! Einem Christen, noch da-zu einem, der genau wie ich durch Paulus zu Jesus gefunden hat! Außerdem ist seine Neugier geweckt: Nun sag schon, Paulus: Um wen handelt es sich denn? Und erst jetzt, nachdem Paulus die Konfliktperson in möglichst günstiges Licht getaucht hat, nennt er sie beim Namen: Onesimus. - Onesimus?? Aber bevor Philemon auch nur nach Luft schnappen kann, fügt Paulus hinzu: Ich weiß, ich weiß - Onesimus war dir früher zu nichts nütze, das glatte Gegenteil von dem, was sein Name bedeutet („der Nützliche“). Aber das hat sich geändert; inzwischen macht er seinem Namen alle Ehre. Er war mir von großem Nutzen, und auch dir kann er noch sehr nützlich werden (Vers 11).

Übrigens: Das Wortspiel mit Onesimus' Namen greift Paulus nochmals auf, in Vers 20. Und diesmal wendet er es auf Philemon an! „Lieber Bruder, lass mich ein Nutznießer deiner Liebe sein!“ Jetzt ist plötzlich Philemon gefordert! Bisher ging es um die Frage: Ist Onesimus nützlich oder nicht? Abgehakt, sagt Paulus; Onesimus hat sich mir als ein wahrer Onesimus erwiesen, als ein äußerst nützlicher Mitarbeiter. Und du, Philemon, bist du auch ein Onesimus, bist du mir ebenfalls von Nutzen? Merken wir? Mit einem Mal ist die Frage nicht mehr, ob der Sklave seinen Herrn zufrieden stellt, sondern ob der Herr an seinen Sklaven heranreicht! Der Herr muss sich an seinem Sklaven messen lassen! Aber Paulus verpackt die Herausforderung so dezent und feinfühlig in ein Wortspiel, dass Philemon sich nicht bloßgestellt vorkommen muss. Er wird die Anspielung und die Aufforderung begriffen haben.

(d) Die entscheidende Aussage kommt in den Versen 15 und 16: „Wer weiß? Vielleicht ist er deshalb eine kurze Zeit von dir getrennt gewesen, weil du ihn nun für immer bei dir haben sollst - nicht mehr als einen Sklaven, sondern als etwas weit Besseres: als einen geliebten Bruder.“ Philemon, überleg einmal. Was hast Du verloren? Einen Sklaven. Was hast du gewonnen? Einen Bruder! Dein Sklave glaubt jetzt an denselben Herrn wie du! Ihm ist seine Schuld vergeben - wie dir! Er ist mit dem Heiligen Geist erfüllt - wie du! Er hat die feste Hoffnung auf ewiges Leben - wie du! Ihr seid jetzt Brüder! Ob da nicht Gott dahinter steckt? Natürlich war es nicht recht, dass Onesimus dir Geld geklaut hat. Natürlich hätte er nicht weglaufen dürfen. Aber wir rechnen doch beide damit, dass Gott krumme Wege gerade biegen kann, dass er auch mit dem schlimmsten Sünder zurechtkommt. In gewissem Sinn hat Gott nicht nur mich, sondern auch dich dazu gebraucht, dass Onesimus zum Glauben kam - von deiner Seite zwar völlig ungewollt und ungeplant, aber er hat dich gebraucht! Dein Sklave ist ein wandelnder Anschauungsunterricht für das, was Gott zustande bringt. Ärgere dich nicht über das Alte; das ist vergangen. Freu dich über das Neue; das ist eure Gegenwart und eure Zukunft.

Wieder eine kleine Zwischenbemerkung: „Vielleicht ist er deshalb eine kurze Zeit von dir getrennt gewesen, weil du ihn nun für immer bei dir haben sollst“, schreibt Paulus. „für immer“ heißt wörtlich: „auf ewig“. Und das stimmt buchstäblich: Philemon wird Onesimus nicht mehr los! Hier auf der Erde könnte er ihn fortschicken, aber spätestens im Himmel wird er ihm wieder begegnen. Philemon, im Himmel wirst du auf Onesimus zugehen und ihn umarmen. Warum tust du es dann nicht schon hier und heute? Oder willst du etwa, dass er dort als Zeuge gegen dich auftreten muss, gegen deine Unversöhnlichkeit und Hartherzigkeit? Denk dran: Christen sehen sich nie zum letzten Mal. Du hast Onesimus von jetzt an für immer und ewig bei dir!

(e) Der Sklave als Bruder - das ist der Schlüssel zur Überwindung des Konflikts. Wie löst das Neue Testament die Sklavenfrage? Es setzt innen an, nicht außen. Das war damals und ist bis heute der einzige Erfolg versprechende Weg.

Wer das Neue Testament liest, stellt zu seinem Erstaunen (und vielleicht sogar zu seinem Entsetzen) fest, dass das Sklaventum offensichtlich hingenommen wird. „Ihr Sklaven, gehorcht euren Herren!“ „Ihr Herren, behandelt eure Sklaven gerecht!“ Aber kein Wort davon, dass Sklaverei eigentlich gar nicht sein dürfte! Kein Aufruf, sie abzuschaffen! Ist das nicht empörend? Aber mal andersherum gefragt: Wie hätte das auch funktionieren sollen, das mit dem Versuch, die Sklaverei abzuschaffen? Wir stellen uns das zu einfach vor. Wir gehen von westlichen demokratischen Verhältnissen aus. In der Schweiz kann man ein Volksbegehren lancieren, und wenn genügend Leute dafür stimmen, kommt die Sache vors Parlament. Solch ein Instrumentarium gab es damals nicht - auch nicht in der hochgelobten Demokratie der griechischen Städte. Wer dort abstimmen durfte, waren nur die freien Bürger, nicht die Sklaven. Und die freien Bürger hätten niemals einer Änderung des Sklavenstatus zugestimmt.

Man stelle sich vor, Paulus hätte es von außen versucht, mit der Brechstange sozusagen, hätte die bürgerliche Schicht in den griechischen und römischen Städten aufgefordert: Im Namen Jesu Christi - gebt eure Sklaven frei! Was ihr tut, ist Unrecht! Damit hätte er mit einem Schlag alle freien Bürger gegen sich gehabt. Denn erstens hatten die eine Heidenangst vor Sklavenaufständen, zweitens konnten sie sich ein Leben ohne Sklaven gar nicht vorstellen, und drittens hätten sie überhaupt nicht begriffen, was daran so verkehrt sein soll. Sklaven gehörten nun mal zum Dasein wie Frau und Kind und Haus und Hof; sie gehörten dazu, solange sie zurückdenken konnten. Die Bürger hätten im Evangelium nicht eine gute Nachricht gesehen, sondern eine bedrohliche, die ihre ganze Wirtschaftsordnung auf den Kopf stellte, die ihr soziales Gefüge in Unordnung brachte, ihr Staatswesen zerstörte.

Oder man stelle sich vor, Paulus hätte die Sklaven aufgestachelt: Im Namen Jesu Christi - befreit euch! Schüttelt das Joch ab, das eure Herren euch auferlegt haben! Damit hätte er einen Sklavenaufstand angezettelt, und das wäre böse ausgegangen. Immer wieder hat es solche Aufstände gegeben (man denke nur an den berühmtesten von ihnen, den Spartakus-Aufstand), und immer sind sie kläglich gescheitert. Und das schlimmste, wenn Paulus es auf diese Weise versucht hätte: Mit der Rebellion wäre dann auch das Evangelium untergegangen.

Paulus wollte dem Evangelium Gehör verschaffen; das war sein Auftrag. Und das Evangelium zielt nicht in erster Linie auf eine Änderung der Gesellschaftsordnung, sondern darauf, dass Menschen sich in allen denkbaren Lebensumständen von Christus bestimmen lassen. Um dieses Ziel zu erreichen, musste Paulus alle anderen Konfliktherde so gut wie möglich umgehen. Im Evangelium geht es darum, Jesus Christus als den Sohn Gottes und den einzigen Retter anzuerkennen; es geht um Vergebung der Schuld und um ewiges Leben - das war Konfliktstoff genug. Hätte Paulus sich als Sozialrevolutionär versucht, dann wäre das Evangelium zu einer innerweltlichen Botschaft verkommen und wäre mit Paulus untergegangen.

Das heißt nun aber nicht, dass die Botschaft von Jesus Christus im zwischenmenschlichen Be-reich alles beim alten lässt. Ganz im Gegenteil. Aber die Umwälzungen kommen von innen her, nicht von außen. Erst wer seine Beziehung zu Gott ins reine gebracht hat, kann dann auch seine Beziehung zu den Mitmenschen ändern. Erst wer Gottes Liebe persönlich erfahren hat, kann sie dann auch an andere weitergeben. Immer wieder weist Paulus in seinen Briefen auf diesen Zusammenhang hin. „Nehmt einander an, so wie Christus euch angenommen hat.“ „Vergebt einander, so wie Christus euch vergeben hat.“ (Vergleiche Epheser 4, 32; Kolosser 3, 13 u. a.). Was Christus für uns getan hat, ist die Voraussetzung für das, was wir für andere tun.

Genau dieses Rezept wendet Paulus nun auf Philemon an. Er sagt nicht: „Lass Onesimus frei!“ Das wäre von außen her aufgezwungen; außerdem hätte er, juristisch gesehen, gar kein Recht, das zu fordern. Er sagt: „Nimm ihn als Bruder auf! Nimm ihn so auf, wie du mich aufnehmen würdest!“ Nach dem Maßstab der damaligen Gesellschaft war Paulus ein freier Mann und Onesimus ein Sklave; die beiden lebten auf zwei völlig unterschiedlichen Ebenen, und man konnte und durfte sie nicht gleich behandeln. Aber auf der neuen, höheren Ebene, die Jesus Christus eingeführt hat, ist Paulus ein Kind Gottes, und Onesimus ist ein Kind Gottes. Und deshalb muss man die beiden gleich behandeln. Im 1. Korintherbrief geht Paulus sogar noch weiter, dreht den Spieß um, formuliert provozierend und beinahe überspitzt: „Ein Sklave, der Christus gehört, ist ein freier Mensch; Christus hat ihn befreit. Und ein Herr, der Christus gehört, ist ein Sklave, ein Sklave Jesu Christi.“ (1. Korinther 7, 22).

Den Grund für diesen neuen Maßstab hat Jesus Christus selbst gelegt. Was hat er gelehrt? „Einer ist euer Meister, und ihr alle seid Brüder.“ (Matthäus 23, 8) Und ein paar Verse später: „Der Größte unter euch soll euer Diener sein.“ (Matthäus 23, 11) Das hat Jesus gelehrt, und das hat Jesus gelebt: „Er stand vom Tisch auf, zog sein Obergewand aus und band sich ein leinenes Tuch um. Dann goss er Wasser in eine Waschschüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Tuch abzutrocknen, das er sich umgebunden hatte.“ (Johannes 13, 4+5). Anderen die Füße waschen war Sklavenarbeit. Jesus, der Herr, hat sich zum Sklaven gemacht. „Ihr nennt mich Meister und Herr, und das mit Recht, denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und der Meister, euch die Füße gewaschen habe, sollt auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ (Johannes 13, 13-15) Die Lehre und das Leben von Jesus haben den Grundstein gelegt für die Überwindung der Sklaverei. Leider hat es lange gedauert, bis die Christenheit damit Ernst machte, viel zu lange - bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts. Aber immerhin, es waren Christen, die für das gesetzliche Verbot des Sklavenhandels und die endgültige Abschaffung der Sklaverei zumindest in der westlichen Welt sorgten, allen voran der englische Methodist William Wilberforce.

(f) Noch ein letzter Aspekt, der für die Lösung des Konflikts von Bedeutung ist: Die Rolle der Gemeinde. Der Philemonbrief ist ein Privatschreiben, habe ich gesagt, ein ganz und gar persönlicher Brief. Was darin stand, war für Philemon bestimmt; Philemon war in keiner Weise verpflichtet, den Brief seiner Hausgemeinde vorzulesen.

Aber: Paulus bestellt Grüße an verschiedene Leute aus der Hausgemeinde - an eine Christin namens Aphia, an einen Christen mit Namen Archippus und überhaupt an die ganze Gemeinde, die in Philemons Haus zusammenkommt. Diese Grüße muss Philemon natürlich ausrichten. Und schon ist es vorbei mit der absoluten Geheimhaltung. Ah, du hast einen Brief von Paulus bekommen? Was schreibt er dir denn? Soll Philemon einfach schweigen? Die Leute kriegen ja mit, dass Onesimus wieder aufgetaucht ist. Er besucht jetzt sogar die Hausgemeinde und erzählt, wie er zum Glauben an Jesus gekommen ist: in Rom, durch Paulus, in dessen Gefängnis! Wer eins und eins zusammenzählen kann (und das konnten die Leute damals so gut wie wir heute), der wird wissen, dass Paulus dem Philemon etwas zu Onesimus geschrieben hat. Aber was hat er ihm wohl geraten? Alle warten gespannt darauf, wie Philemon mit seinem untreuen Sklaven verfahren wird. Wird er ein Exempel statuieren und ihn auspeitschen lassen? Wird er ihn womöglich verkaufen? Eins ist klar: Philemon kann seine Entscheidung nicht unabhängig von der Gemeinde und unbeobachtet von den Mitchristen treffen. Das macht Paulus ihm klar, indem er Grüße an die Geschwister bestellt. Philemon, du lebst als Christ nicht nur in deinen eigenen vier Wänden; du bist eingebunden in eine Familie von Brüdern und Schwestern, und ihr seid füreinander verantwortlich.

Noch auf eine andere Weise macht Paulus ihm diese Einbindung in die Gemeinde klar: Er lässt ihn von verschiedenen Mitarbeitern grüßen - von Timotheus, von Markus, Aristarch, Demas und Lukas. Das bedeutet doch: Diese Brüder wissen Bescheid. Sie kennen vielleicht nicht alle Details von meinem Brief, aber sie wissen, dass ich Dir in der Causa Onesimus geschrieben habe. Sie alle interessieren sich brennend dafür, wie du mit Onesimus verfährst. Du bist nicht nur mir Rechenschaft schuldig, sondern auch ihnen.

Paulus bringt sogar sich selbst sozusagen als Gemeindemitglied ins Spiel: Er kündigt seinen Besuch an und bittet Philemon um ein Gästezimmer (Vers 22). Ganz schön schlau, nicht? Wenn Philemon sich in Sachen Onesimus querstellt, wie soll er Paulus dann unter die Augen treten? Was wäre das für eine frostige Atmosphäre zwischen Gastgeber und Gast! Indem Paulus sich für einen Besuch anmeldet, sorgt er schon mal im Vorfeld für gut Wetter.

Und ganz am Schluss dieses Briefes rückt die Gemeinde noch einmal ins Blickfeld: „Die Gnade des Herrn Jesus Christus sei mit jedem einzelnen von euch!“ (Vers 25). Philemon, ich wünsche dir Gottes Gnade - dir und allen, die zu deiner Hausgemeinde gehören. Auch Onesimus gehört jetzt dazu. Du kannst die Gnade Gottes nicht für dich allein haben. Sie ist für euch alle da; in ihrer ganzen Fülle werdet ihr sie nur gemeinsam erleben.