„Konfliktbewältigung“ - V. Taktik ist kein Tabu

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„Konfliktbewältigung“
Der Brief des Apostels Paulus an Philemon
I. Die Personen - 1. Paulus, Apostel und Gefangener
II. Das Dilemma
III. Wege zur Konfliktbewältigung
IV. Konflikt gelöst?
V. Taktik ist kein Tabu
Neutestamentliche Texte zur Sklavenfrage
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V. Taktik ist kein Tabu

Eins ist bei dem Ganzen auch klar geworden, und das möchte ich als kleinen Nachtrag und damit als Schlussgedanken noch anfügen: Strategie und Taktik sind für Christen nicht tabu! Im Gegenteil. Strategisches Denken und taktisches Geschick sind ein Teil der Weisheit, die Gott uns geben möchte. Paulus geht doch ganz schön raffiniert vor, finden Sie nicht auch? Er nimmt sich ganz zurück und bringt sich doch ständig in Erinnerung. Er verzichtet auf alles Drohen und Befehlen und äußert seine Wünsche doch so geschickt, dass Philemon fast keine andere Wahl bleibt, als sie ihm zu erfüllen. Er lobt Philemon so überschwenglich für seine Hilfsbereitschaft, dass der am Ende eigentlich nicht anders kann, als auch gegenüber Onesimus hilfsbereit zu sein. Er schreibt scheinbar ganz verschwiegen und privat und bringt doch die Gemeinde ins Spiel als Zeugen für das, was Philemon tun wird. Er dosiert den Druck, den er mit seinen Bitten ausübt, so fein, dass Philemon, wenn er nachgibt, nicht das Gesicht verliert, sondern mit Würde und großherzig antworten kann.

Übrigens denke ich, dass wir den Brief verkehrt lesen, wenn wir das alles nur als Raffinesse deuten. Was darin ebenfalls und eigentlich vor allem anderen zum Ausdruck kommt, ist Vertrauen. Paulus vertraut Philemon, weil er ihn als bewährten Mitarbeiter kennt; Paulus vertraut darauf, dass er im Sinn Gottes handeln wird. Und deshalb - nicht nur aus taktischen Gründen - nimmt er das gute Ergebnis, die richtige Entscheidung schon vorweg: „Ich habe dir das alles im Vertrauen auf deine Einwilligung geschrieben.“ (Vers 21).

Wir Christen sind oft viel zu tollpatschig, zu naiv, geradezu sträflich leichtsinnig, wenn es um Konfliktlösung geht. Wir benehmen uns wie der Elefant im Porzellanladen und zerschlagen massenweise unnötig Geschirr. Manche Christen lehnen es geradewegs ab, psychologisch geschickt vorzugehen. Das ist Menschenwerk, sagen sie; das überlassen wir Gott. Der Heilige Geist wird uns schon helfen, das Richtige zu sagen! Sicher will der Heilige Geist helfen - aber warum soll er nicht schon im Vorfeld dabei sein, wenn ich mir Gedanken mache, wie ich das Gespräch führen könnte? „Die Wahrheit muss geradeheraus gesagt werden!“ Wirklich? Freuen wir uns denn, wenn man uns die Wahrheit geradeheraus sagt? Hätten wir es nicht lieber, die Wahrheit wäre in rosarotes Seidenpapier eingewickelt, wenn man sie uns präsentiert? Paulus jedenfalls hat es so gemacht. Er hat unheimlich viel rosarotes Seidenpapier verwendet und ist unglaublich geschickt vorgegangen, um Philemon dorthin zu bringen, wo er ihn haben wollte. Und doch ist das Ganze keine böswillige Trickserei. Paulus schrieb aus Liebe zu Onesimus, dem er unbedingt zu einem glücklicheren Dasein verhelfen wollte. Paulus schrieb aus Liebe zu Philemon, den er zu einem noch glaubwürdigeren Christen machen wollte. Und - last but not least - Paulus schrieb aus Liebe zu Jesus, dessen fantastischer, umwälzender Botschaft er überall und auf allen Ebenen zum Durchbruch verhelfen wollte. Wenn wir so handeln - in Liebe zu Jesus und in Liebe zu unseren Mitmenschen -, dann handeln wir richtig. Und wir stellen uns damit in eine Reihe mit Paulus, mit Onesimus, mit Philemon und mit allen anderen Christen jener ersten Stunde, die ein so glaubwürdiges Christsein gelebt haben.