Neue Perspektiven durch Jesus - auch für Frauen

Beitragsseiten
Neue Perspektiven durch Jesus - auch für Frauen
Mann und Frau im Lukasevangelium: Beispiele
Mann und Frau in der Apostelgeschichte: Beispiele
Mann und Frau stehen Seite an Seite vor Gott
Vertauschung der Rollen!
Maria und Martha, neues Verständnis von der Rolle der Frau
Die Frau befreit als Jüngerin Jesu
Schlussbemerkung zum Feminismus
Alle Seiten

Lukas 4, 16-27

Wissen Sie, was ein Dragoman ist? Hier vorne steht einer. Dragoman, ein arabisches Wort - so wird im Nahen Osten der Dolmetscher genannt, der Übersetzer. Mein Metier ist das Übersetzen, und die Texte, die ich übersetze, haben mit dem Nahen Osten zu tun und stammen aus dem Nahen Osten. Es sind die vielen großartigen Bücher des Alten und Neuen Testaments. Ich bin Mitarbeiter an einem Bibelübersetzungsprojekt, der Neuen Genfer Übersetzung.

Das letzte Buch, das ich übersetzt habe, ist die Apostelgeschichte gewesen. (Inzwischen habe ich mit dem 1. Korintherbrief begonnen.) Wenn man sich so lange mit einem Buch beschäftigt, macht man sich die verschiedensten Gedanken dazu. Eine solche Überlegung war: Was für eine Rolle spielen eigentlich die Frauen in der Apostelgeschichte? Die Apostelgeschichte ist von Lukas verfaßt. Wie denkt Lukas über die Frauen? Tauchen sie in seinem Geschichtswerk überhaupt auf? Sind sie Mauerblümchen, die in der nahöstlichen Männerwelt ein Schattendasein fristen?

Wenn man die Rolle der Frau in der Apostelgeschichte untersuchen möchte, scheint es mir besonders wichtig, daran zu denken, daß die Apostelgeschichte eigentlich nur die Hälfte von dem ist, was Lukas geschrieben hat, die zweite Hälfte. Die erste Hälfte ist das Lukas-Evangelium, und beide Bände zusammen bilden ein zusammenhängendes, fortlaufendes Geschichtswerk über Christus und die ersten Christen.

Die Punkte, die Lukas in der Apostelgeschichte wichtig sind, sind ihm natürlich auch schon in seinem Evangelium wichtig. Seine Einstellung zum Thema Frau ist im ersten Teil seines Werkes dieselbe wie im zweiten. Und weil so vieles dazu schon im Evangelium deutlich wird, ist es hilfreich, dort zu beginnen. Und wahrscheinlich kommen wir heute auch gar nicht über das Evangelium hinaus.

Eine kleine Bemerkung noch vorweg: Es ist erst einige Wochen her, da hat unser Prediger, Herr Birnstiel, eine Predigtreihe über das Thema Mann und Frau gehalten. Wenn ich dieses Thema heute nochmals aufgreife, ist das reiner Zufall und geschieht ganz sicher nicht, um an dieser Predigtreihe, die ich als sehr hilfreich empfunden habe, irgend etwas zu kritisieren oder zu verbessern. Sehen Sie es einfach als Ergänzung an - so, wie man dieselbe Sache von verschiedenen Blickwinkeln aus betrachten kann. Wir haben vier Evangelien, nicht nur eines. Aber das heißt noch lange nicht, daß sich diese vier widersprechen, im Gegenteil: Sie ergänzen sich; sie zeigen uns Jesus unter vier verschiedenen Aspekten. Entsprechend möchte ich das Thema Frau heute aus einem speziellen Blickwinkel untersuchen - dem von Lukas.

Es gibt - ziemlich am Anfang des Lukas-Evangeliums - ein Ereignis, das geradezu programmatisch ist für alles, was dann folgt. Ich denke an Lukas 4,16-21: der erste öffentliche Auftritt Jesu, über den Lukas ausführlich berichtet. Es ist Sabbat. Jesus befindet sich in der Synagoge seiner Heimatstadt Nazaret. Er steht auf, um aus der Heiligen Schrift vorzulesen, und man reicht ihm die Buchrolle des Propheten Jesaja. Er rollt sie auf und beginnt zu lesen:

„Der Geist des Herrn ruht auf mir,
denn der Herr hat mich gesalbt.
Er hat mich gesandt mit dem Auftrag,
den Armen gute Botschaft zu bringen,
den Gefangenen zu verkünden, daß sie frei sein sollen,
und den Blinden, daß sie sehen werden,
den Unterdrückten die Freiheit zu bringen
und ein Jahr der Gnade des Herrn auszurufen.“

Jesus liest aus dem Propheten Jesaja vor. Er liest von einem geheimnisvollen „Ich“, den Gott in die Welt gesandt hat. Dann rollt er die Buchrolle zusammen, setzt sich (ein Zeichen, daß er den Text jetzt auslegen wird) und sagt: Dieser „Ich“ - das bin ich. Ich bin der, den Gott gesandt hat. Es ist mein Auftrag, den Armen eine gute Botschaft zu bringen, die Gefangenen aus dem Gefängnis zu führen, den Blinden das Augenlicht wiederzugeben, die Unterdrückten in die Freiheit zu führen und euch allen zu verkünden, daß Gott euch seine Gnade anbietet.

Und in der Folge nennt Jesus zwei alttestamentliche Beispiele, wo Menschen in Not geholfen wurde - die Witwe in Sarepta im Gebiet von Sidon, die durch Elia vor dem Hungertod gerettet wurde, und den syrischen Feldherrn Naaman, der durch Elisa von seinem Aussatz befreit wurde. Haben Sie es beachtet? Das erste Beispiel spricht von einer Frau, einer Witwe.

Das ist übrigens nicht das einzige Mal, daß Lukas auf Witwen zu sprechen kommt. Die Witwen waren in der damaligen Gesellschaft eine besonders benachteiligte Gruppe, und immer wieder zeigt Lukas, wie Jesus sich in auffallender Weise um sie gekümmert hat, mindestens siebenmal in seinem Geschichtswerk.

[Die alte Prophetin Hanna im Tempel von Jerusalem (2,36-38), die Frau in Nain, deren einziger Sohn gestorben war (7,11-17), die hartnäckige Bittstellerin im Gleichnis von der Witwe und vom Richter (18,1-8), die Witwen, deren Besitz, wie Jesus sagt, die religiösen Anführer des Volkes „verschlingen“ (20,47),  die bettelarme Frau, die ihr letztes Geld, zwei kleine Kupfermünzen, in den Opferkasten im Tempel legt (21,1-4), die Witwen in der Jerusalemer Gemeinde, für die eigens sieben besonders vertrauenswürdige Männer als Diakone angestellt werden, damit sie bei der täglichen Versorgung mit Lebensmitteln nicht zu kurz kamen (Apg 6), die vielen Witwen in Joppe, für die Tabita Kleider und Mäntel nähte (Apg 9).]

Also: Lukas nennt das Programm, das Jesus für seinen eigenen Dienst aufgestellt hat, und macht deutlich, daß benachteiligte Frauen zu den Gefangenen gehören, die Jesus in die Freiheit führen will.