Neue Perspektiven durch Jesus - auch für Frauen - Vertauschung der Rollen!

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Neue Perspektiven durch Jesus - auch für Frauen
Mann und Frau im Lukasevangelium: Beispiele
Mann und Frau in der Apostelgeschichte: Beispiele
Mann und Frau stehen Seite an Seite vor Gott
Vertauschung der Rollen!
Maria und Martha, neues Verständnis von der Rolle der Frau
Die Frau befreit als Jüngerin Jesu
Schlussbemerkung zum Feminismus
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Vertauschung der Rollen!

Es gibt bei der Berichterstattung von Lukas noch einen dritten Aspekt, und der ist von allen wohl der auffälligste und überraschendste: Immer wieder kommt es zu einer Vertauschung der Rollen! Frauen übernehmen die Verantwortung, Frauen treten als Zeugen auf, Frauen sind ein Vorbild für die Männer! Das mag uns selbstverständlich vorkommen, aber für die damalige Zeit und besonders für die fromme jüdische Welt war das geradezu undenkbar.

Gehen wir nochmals rasch einige der Stellen durch, wo Lukas in derselben Begebenheit oder in zwei aufeinanderfolgenden Begebenheiten von einem Mann und einer Frau berichtet.

Kapitel 1: Der Engel Gabriel kündigt sowohl dem Zacharias als auch der Maria an, daß sie je einen Sohn bekommen werden. Zacharias glaubt das dem Engel zunächst nicht (und wird dafür mit zeitweiligem Stummsein bestraft). Maria hingegen ist von vorneherein offen und bereit für das Wunder (obwohl es für sie viel schwerer ist, damit fertig zu werden - sie ist noch unverheiratet, hat noch nie mit einem Mann geschlafen und wird jetzt in den Verdacht des vorehelichen Verkehrs oder, schlimmer noch, der Untreue gegenüber ihrem Verlobten Josef geraten; der verheiratete und kinderlos alt gewordene Zacharias dagegen kommt bei dem Wunder sehr gut weg - er steht als einer da, der auch noch im hohen Alter potent ist!). Und trotzdem hat Zacharias viel mehr Vorbehalte. Er hinterfragt das Ob, Maria nur das Wie. Er bezweifelt, ob es überhaupt geschehen kann, sie weiß nicht, wie das Ganze zustande kommen soll. Maria bittet um eine Erklärung, Zacharias fordert einen Beweis. (Übrigens kommt Zacharias auch beim Vergleich mit seiner Frau Elisabeth schlechter weg: Die glaubensstarke Person ist eindeutig sie, nicht er.)

Kapitel 2: Die Rolle von Maria bei Jesu Geburt ist unvergleichlich viel wichtiger als die von Josef. Josef ist ein vorbildlicher Charakter, ein richtiger Ehrenmann. Aber im Mittelpunkt steht seine Frau, die Jungfrau Maria. Josef hat das Kind nicht gezeugt; sie bringt es zur Welt. Immer wieder ist es Maria allein, die etwas unternimmt oder über deren Empfindungen etwas berichtet wird: „Maria prägte sich alle diese Dinge ein und dachte immer wieder darüber nach“ (2,19); (2,48b); „Seine Mutter behielt alle diese Dinge im Gedächtnis“ (2,51b).

Beinahe schockierend ist der Rollentausch in Kapitel 7,36ff: Der fromme Simon und die Frau mit dem anrüchigen Lebensstil. Dabei beginnt alles wie gewohnt, wie erwartet. Da ist ein Pharisäer, ein Angehöriger der moralischen Elite des Landes, und er ist so großzügig, daß er Jesus zusammen mit anderen Gästen (sicher auch mit seinen Jüngern) zu einem Essen einlädt: vorbildlich! Und da ist eine Frau, die für ihren unmoralischen Lebenswandel bekannt ist - alles andere als vorbildlich. Na ja, so sind Frauen eben (häufig): Verführerinnen, die ehrbare Männer in Gefahr bringen. Unvermittelt taucht sie in dieser erlauchten Gesellschaft auf, wirft sich vor Jesus zu Boden, bricht in Tränen aus und salbt ihm die Füße mit einem kostbaren Öl. Mensch, Jesus, denkt der Pharisäer, wenn du wüßtest, was das für eine Person ist, würdest du dich niemals von ihr berühren lassen! Aber dann steht plötzlich alles auf dem Kopf. Jesus klagt den Pharisäer an und hält ihm die sündige Frau als Vorbild vor Augen: Du hast mir die Füße nicht gewaschen, wie sich das gehört - sie hat es getan. Du hast mir keinen Begrüßungskuß gegeben - sie hat meine Füße geküßt. Du hast meinen Kopf nicht einmal mit gewöhnlichem Öl gesalbt - sie hat meine Füße gesalbt, noch dazu mit einem ganz besonders kostbaren Öl. Und Jesus sagt noch mehr: Die Liebe, die sie mir erwiesen hat, ist der Beweis dafür, daß ihre Sünden vergeben sind. Geh in Frieden, sagt er zu der Frau; dein Glaube hat dich gerettet. Die Sünderin glaubt, ist rein, ist gerettet. Und Simon? Von ihm wird nichts dergleichen gesagt. Die Ex-Prostituierte als Vorbild für den Musterfrommen! Unerhört! Schockierend!

Diese Begebenheit erinnert an eine Stelle, die allerdings nicht im Lukas-Evangelium steht, eine Stelle aus der Bergpredigt, Matthäus 5,27f. Dort sagt Jesus: „Ihr wißt, daß es heißt: Du sollst nicht die Ehe brechen! Ich aber sage euch:  Jeder, der eine Frau mit begehrlichem Blick ansieht, hat damit in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“

Das Stereotyp in einer Männer-orientierten Gesellschaft war (und ist es im Grunde genommen bis heute geblieben): Die Frau ist die Verführerin, der Agressor, von ihr geht die Versuchung zur sexuellen Sünde aus. Entsprechend wurde die Frau damals von den Rabbinern (und wird sie heute in frommen Kreisen) ermahnt und zurechtgewiesen: Ja nicht zu viel an die Öffentlichkeit, ja keine unanständige Kleidung, ja kein herausforderndes Verhalten! Der Frau wird die ganze Verantwortung zugeschoben; sie ist schuld, wenn der Mann vor ihren Reizen kapituliert. Aber Jesus dreht die Sache um: Der Mann ist verantwortlich, der Mann trägt die Schuld. Der Mann ist nicht der Schwache angesichts einer aufdringlichen Frau; er ist der Agressor. Nicht die Frau geht mit ihrer Verführungskraft auf ihn zu, sondern er geht mit seinen gierigen Blicken auf sie zu. Wenn es zum Ehebruch kommt, hat nicht sie ihn verführt, sondern er sie. Jesus macht den Mann verantwortlich und nimmt die Frau in Schutz. In gewissem Sinn bestätigt Jesus damit die Führerschaft des Mannes. Er fordert den Mann heraus: Übernimm soziale Verantwortung, schütze deine eigene Frau, deine eigene Familie, schütze die fremde Frau, die andere Familie. Sorge für einen offenen, entspannten Umgang von Mann und Frau miteinander! Und gleichzeitig befreit Jesus damit die Frau aus der finsteren Ecke, in die eine Männergesellschaft sie immer wieder drängt und wo sie entweder gar nicht in Erscheinung treten darf oder nur als Sexobjekt wahrgenommen wird.

Wie sagt Jesus in der Bergpredigt unmittelbar nach der zitierten Ehebruch-Stelle? „Wenn dein rechtes Auge dich zur Sünde verführt, dann reiß es aus und wirf es weg!“ (Matthäus 5,29) Er hätte ja auch sagen können: „Dann befiehl der Frau, sich zu verhüllen, mehr und immer mehr!“ Meine Familie und ich sind im Februar in Ostafrika gewesen, in Djibouti. Schon auf dem Flug dorthin und dann auch im Land selbst begegneten wir zahlreichen moslemischen Pilgern, die nach Mekka unterwegs waren. Die Männer zeigten stolz ihre braungebrannte, dicht behaarte Brust. Aber von den Frauen war schlicht und einfach nichts zu sehen, nichts außer einer Masse schwarzer Stoff. Einigen gestattete man immerhin noch einen Sehschlitz, anderen hatte man nicht mal das gelassen: schwarz eingehüllt vom Scheitel bis zur Sohle. Ist das die Lösung? Jesus sieht es anders. Jesus setzt nicht bei der Frau an, sondern beim Mann. Und vor allem: Jesus setzt tiefer an. Er Ehebruch beginnt im Herzen, sagt er. Und die Bekämpfung des Ehebruchs muß daher ebenfalls im Herzen beginnen, durch eine Erneuerung der Gedanken und Empfindungen. Diese Erneuerung bietet er uns allen an, den Männern und den Frauen.

Auch an Johannes 8,2-11 mußte ich in diesem Zusammenhang denken. Eine Ehebrecherin wird zu Christus geschleppt. Auf frischer Tat ertappt! Alle Blicke richten sich auf die Frau. Alle Anklagen zielen wie Speere auf die Frau. Sie hat eine todeswürdige Sünde begangen; sie muß gesteinigt werden. Jesus dreht den Spieß um, richtet seinen Blick auf die Ankläger: Wo ist der Ehebrecher? Zu einem Ehebruch gehören doch zwei, gehört doch auch ein Mann. Wo ist der Ehebrecher? Womöglich in euren Reihen? „Wer von euch ohne Sünde ist, der soll den ersten Stein auf sie werfen!“ Dann bückt sich Jesus und schreibt etwas auf die Erde. Und wie er sich wieder aufrichtet, sind sie alle weg. Einer nach dem anderen hat den Hut genommen und hat sich verdünnisiert. Die Ankläger mußten kapitulieren - vor ihrem schlechten Gewissen, vor Jesu Wahrhaftigkeit, vor Jesu Vollmacht! „Hat dich keiner verurteilt?“ - „Nein, Herr, keiner.“ - „Dann verurteile ich dich auch nicht; du darfst gehen. Sündige von jetzt an nicht mehr!“

Am allerauffälligsten ist der Rollentausch bei den Auferstehungsberichten, Lukas 24. Es sind Frauen, die das leere Grab entdecken. Es sind Frauen, denen die Engel erscheinen. Es sind Frauen, die als erste glauben, daß Jesus tatsächlich auferstanden und wieder lebendig ist. Es sind Frauen, denen die Engel den Auftrag geben, diese Supermeldung den Aposteln zu bringen. Die Männer tauchen zunächst gar nicht auf. Sie brauchen ein viel längeren Anlauf, bis sie begreifen und glauben können, was wirklich geschehen ist. Und das sind ja nicht irgendwelche Männer, das sind die Zwölf, die 3 Jahre lang mit Jesus unterwegs gewesen waren. Mehrfach waren sie Augenzeugen einer Totenauferweckung gewesen, hatten Jesu Macht über den Tod miterlebt. Dreimal hatten sie seine Ankündigung gehört, daß er zwar sterben, dann aber wieder lebendig werden würde! Aber dann, als es wirklich eintraf, standen sie auf der Leitung, auf was für einer langen Leitung! Die Frauen waren viel schneller. Was für eine Aufwertung der Frau! Frauen sind würdig, direkte Anweisungen Gottes zu bekommen. Frauen sind würdig, seine Botschaft weiterzusagen - sogar an die Apostel! Frauen sind würdig, als vertrauenswürdige Zeuginnen auszusagen (gegen jüdisches Recht; nach jüdischem Recht konnten nur Männer Zeugen sein).