Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Markus 15,34 (NGÜ)

Frage

Ist das griechische eis ti mit „warum“ wirklich korrekt übersetzt? Müsste es nicht vielmehr heißen: „wozu“? „Warum“ drückt Gottverlassenheit aus, während „Wozu“ nach dem Sinn des Leidens fragt in der Gewissheit, dass der geglaubte und geliebte Gott („mein Gott, mein Gott“) die Antwort geben kann.

Antwort von Pfr. Andreas Symank

(a) Wenn man die zugrunde liegenden Originalausdrücke wortwörtlich wiedergibt, haben Sie recht:
  • eis ti (Markus 15,34) = „zu was?“/ „wozu?“
  • hinati (Matthäus 27,46), verkürzt aus hina ti [genätai] = „damit was [geschieht]?“
  • lama (hebräisches/aramäisches Äquivalent im ursprünglichen Psalmzitat, Psalm 22,2) = „zu was?“ / „wozu?“

(b) Sowohl die hebräischen als auch die griechischen Wörterbücher weisen zwar auf diese Etymologie hin (die Herkunft/ Ableitung eines Wortes), geben aber (so weit ich das kontrolliert habe) ausnahmslos „warum“ als Hauptbedeutung an. Ein paar Beispiele:
  • „Warum bist du zornig?“ (Gott zu Kain, 1. Mose 4,6).
  • „Warum hast du mir nicht mitgeteilt, dass sie deine Frau ist?“ (der Pharao zu Abraham, 1. Mose 12,18).
  • „Warum hat Sara gelacht?“ (Gott zu Abraham, 1. Mose 18,13).
  • „Warum denkt ihr Böses in eurem Herzen?“ (Jesus zu den Gesetzeslehrern, Matthäus 9,4).
    An keiner dieser Stellen würde „wozu“ passen.
(c) Die Wiedergabe des wörtlichen „wozu“ durch „warum“ hat ihren guten Grund. Inhaltlich besteht nämlich gar kein wirklicher Unterschied. Oder genauer gesagt: „Wozu“ ist in „warum“ mit eingeschlossen. „Warum“ weist keineswegs nur auf Vergangenes zurück; es kann genauso gut nach einem Grund fragen, der in der Zukunft liegt („wozu?“), also nach einer Absicht, einem Zweck. „Warum kommst Du heute so früh zur Arbeit?“ - „Weil ich eine Stunde früher als sonst nach Hause muss!“ Man könnte in diesem Beispiel „warum“ durch „wozu“ ersetzen oder durch „in welcher Absicht“, ohne dass sich der Sinn ändert. Allerdings würde die Frage dadurch weniger natürlich klingen, zu gespreizt bzw. reflektierend.

(d) Ich glaube aber gar nicht, dass Jesus am Kreuz eine Überlegungsfrage dieser Art stellte; das wäre nicht situationsgerecht und daher befremdlich. Im Vorfeld einer Herausforderung oder im Rückblick darauf mag man fragen: „Wozu soll das gut (gewesen) sein?“ Aber mitten in der größten Not? Die Worte Jesu stellen vielmehr eine sehr natürliche Form der Klage (nicht: Anklage!) dar. Wenn jemand schreckliche Schmerzen durchleidet, sagt er vielleicht: „Es tut so weh!“ Aber er könnte ebenso gut sagen: „Warum tut es nur so weh!“ - ohne dass er deshalb eine Antwort auf seine Frage erwartet. Es handelt sich einfach um eine besonders naheliegende Art des Klagerufs.

(e) Das reflektierende „wozu“ stört aber nicht nur, weil ein akut Leidender so nicht fragt. Es stört auch, weil es eine Erklärung für das Verlassensein fordert, und genau diese Antwort wird nicht gegeben; sie kann - auf rationaler Ebene - gar nicht gegeben werden, und ich denke auch nicht, dass Jesus danach fragt. Das Ziel der Warum-Frage ist nicht eine intellektuell befriedigende Antwort, sondern - pragmatisch gesprochen - die Aufhebung der Trennung. Hinter der Frage steht letztlich eine Bitte: Lass mich nicht länger allein! Wenn ein Kind seiner Mutter schluchzend vorhält: „Warum hast du mich allein gelassen?“, und die Mutter es daraufhin in die Arme nimmt, ist die Frage beantwortet.

(f) Ich würde jeden Versuch abweisen, Jesu Verlassensein abzuschwächen (etwa, als würde Jesus eine Verlassenheit empfinden, die nicht der Realität entspräche). Es scheint mir für die Soteriologie (die Lehre von unserer Rettung) eminent wichtig, dass Jesus wirklich von Gott verlassen war, genau wie er es sagte. Denn hier am Kreuz trug er ja die Schuld der Welt, und Sünde trennt von Gott. Wäre Jesus nicht wirklich von Gott getrennt gewesen, könnte/ müsste man in Frage stellen, ob er tatsächlich das Opferlamm war, das die Sünde der ganzen Welt wegnahm (Johannes 1,29). Auf ein echtes Verlassensein weisen auch Stellen wie Galater 3,13 (Christus ist für uns ein Fluch geworden, also ein von Gott Verstoßener) und 2. Korinther 5,21 hin (Gott hat Christus unseretwegen zur Sünde gemacht). Darin (und nicht in den körperlichen Schmerzen der Kreuzigung) bestand der eigentliche Schrecken des "bitteren Kelchs", den Jesus zu trinken hatte (Markus 14,36): dass er, der absolut Reine und Heilige, der sich nie etwas zuschulden hatte kommen lassen, wie ein Sünder behandelt wurde und die Schuld aller Menschen und aller Zeiten auf sich nehmen musste.

(g) Gleichzeitig ist aber auch daran festzuhalten, dass Vater und Sohn bei dieser Erlösungstat eins sind: „Gott war in Christus, als er die Welt mit sich versöhnte.“ (2. Korinther 5,19) Deshalb redet Jesus den Vater auch als seinen Gott an („Mein Gott, mein Gott“). Wie sonst noch oft in der Bibel müssen wir solche paradoxen Aussagen als komplementäre Aussagen verstehen und sie zusammen lesen, damit das ganze, das richtige Bild entsteht. („Gott von Gott verlassen- wer kann das fassen?“)

(h) Im übrigen bekommt Jesus von Gott am Ende doch noch eine Antwort auf seine Frage (oder besser: seine Bitte, seinen Hilfeschrei). Aber diese Antwort besteht nicht in einer rationalen Erklärung, sondern darin, dass Gott ihn nur wenige Tage später von den Toten auferweckt hat. Damit hat er sich vor aller Welt zu ihm bekannt. Er hat sich nicht wirklich, nicht für immer von ihm getrennt, im Gegenteil: Er hat sich für immer mit ihm verbunden, er hat ihm den Ehrenplatz an seiner rechten Seite gegeben und hat ihn zum Herrn über die ganze Welt gemacht. Damit ist nachträglich auch das Kreuzesgeschehen gerechtfertigt: Jesus hat dort nicht etwas getan, was Gottes Zorn nach sich ziehen würde, nein, er hat im Sinn der Liebe Gottes gehandelt und hat in umfassender, unüberbietbarer Weise Gottes Willen erfüllt: „Er war gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz.“ (Philipper 2,8)
Pfr. Andreas Symank