Wir betrachten den Psalm 42 miteinander

Psalm 42 eröffnet die zweite der insgesamt fünf Teilsammlungen des Psalters:
I. Ps 1-41
II. Ps 42-72
III. Ps 73-89
IV. Ps 90-106
V. Ps 107-150

Sieben oder acht Psalmen der Korachiten (Luther: der Söhne Korach), einem Geschlecht von Sängern und später auch Torwächtern des Tempels, leiten diese zweite Sammlung ein. Ps 42 als „kunstvoll gestaltete Lied zum Nachdenken“ - so unsere Wiedergabe des hebräischen Begriffs maskil, bringt die Gedanken sehnsüchtiger Erwartungen eines einzelnen Beters zum Ausdruck, der sich unfreiwillig weit entfernt vom Heiligtum aufhalten muss. Das Heiligtum bzw. der Tempel auf dem Berg Zion galten dem alttestamentlichen Menschen als die Stätte der göttlichen Offenbarung schlechthin.

Die Sehnsucht des Psalmisten richtet sich also aus der Ferne hin zu diesem Berg, auf dem Jerusalem liegt, auf dem sich das ‚Haus Gottes' mit der Bundeslade befindet, wo Gott nach damaliger Vorstellung präsent ist wie sonst nirgends auf Erden. Sein Verlangen spricht sich besonders schön aus in v3; nach dem Masoretischen Text (= dem von jüdischen Überlieferern fixierten und mit Vokal- und Betonungszeichen versehenen hebräischen Text, wie er uns insbesondere in einer Handschrift aus dem Jahr 1008 n. Chr. vorliegt) heisst es dort wörtlich:
Es dürstet meine Seele nach Gott (elohim), dem lebendigen Gott (el), wann werde ich kommen und erscheinen (= mich sehen lassen) vor Gottes Angesicht?
Ohne Berücksichtigung jener Vokalzeichen, die in der Zeit der Masoreten (etwa 600 bis über 1000 n. Chr.) dem ursprünglichen Konsonantentext hinzugefügt wurden, könnte man die zweite Zeile sogar folgendermaßen übersetzen: wann werde ich kommen und Gottes Angesicht sehen. In der Tat gibt es Übersetzungen und Kommentatoren, die sich dieser Alternative anschließen. Ihr Argument für ein ursprüngliches ‚Gottes Angesicht sehen/schauen' lautet, die Masoreten hätten mit Rücksicht auf 2. Mose 33,20 (Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch bleibt am Leben, der mich sieht.) die Vokale, die ja sozusagen nur in Form von Punkten und Strichen in oder unter den Text gesetzt werden, so gewählt, dass jede Anstößigkeit vermieden wird.

Der Meinung dieser Ausleger steht jedoch ein gewichtiges Argument von anderer Stelle entgegen: Sowohl in 2. Mose 23,17 wie auch in 34,23 lautet Gottes Gebot: Dreimal jährlich soll jeder Mann vor dem Angesicht des HERRN erscheinen / sich sehen lassen. Gemeint ist: Jeder Israelit soll sich Jahr für Jahr an den drei großen Jahresfesten - Passa, Wochenfest, Laubhüttenfest - nach Jerusalem begeben und dort vor das Heiligtum bzw. den Tempel und somit vor Gott treten um seine Gaben zu bringen und um zu beten. Anders gesagt: Wer vor dem Tempel steht, der steht unmittelbar vor dem Angesicht Gottes, der unsichtbar über der Bundeslade thront und durch sein irdisches Heiligtum repräsentiert ist. Und eben die zuletzt genannten Parallelen sprechen sehr überzeugend für die Wiedergabe von Ps 42,3b genau nach dem masoretischen Text, also für unser: erscheinen (= mich sehen lassen) vor Gottes Angesicht.

Nun unsere Versuche zu v3 vom ersten Textentwurf an bis hin zur Endfassung (in unserem Übersetzerteam sprechen wir von der A- bis E-Version):
A: 3 Meine Seele ist voll Durst nach dem HERRN, voll Verlangen nach dem lebendigen Gott. Wann endlich werde ich ‚wieder zum Heiligtum‘ kommen, wann kann ich neu vor dem Angesicht Gottes erscheinen?
B: 3 Meine Seele dürstet nach Gott, ja, sie verlangt nach dem lebendigen Gott. Wann endlich werde ich wieder zum Heiligtum kommen und in Gottes (/seiner) Nähe sein?
C: 3 Meine Seele dürstet Gott, ja, sie verlangt nach dem lebendigen Gott. Wann endlich werde ich ‚wieder zum Heiligtum‘ kommen und dort neu vor dem Angesicht Gottes erscheinen / stehen?
D: 3 Meine Seele dürstet nach Gott, ja, sie verlangt nach dem lebendigen Gott. Wann endlich werde ich ‚wieder zum Heiligtum‘ kommen und dort vor Gottes Angesicht stehen?
E: 3 Meine Seele dürstet nach Gott, ja, nach dem lebendigen Gott. Wann endlich werde ich ‚wieder zum Heiligtum‘ kommen und dort vor Gottes Angesicht stehen?


 Unsere Versuche zeigen zum einen sehr schön das Bemühen, dem Leser die nötige Hintergrundinformation zu geben, indem wir das explizieren (= zum Ausdruck zu bringen), was nur implizit (= unausgesprochen, aber dem Leser aus damaliger Zeit ohnehin bekannt) im Text enthalten war: vor Gottes Angesicht erscheinen = vor dem Tempel und somit vor Gott stehen und seiner Nähe sowie seinem Blick ausgesetzt sein. (Vgl. zu vor dem Tempel und damit vor Gott stehen auch 2. Chronik 20.9.)

Zugleich erkennt man unser verantwortungsbewußtes Abwägen: Wieviel verdeutlichen wir dem heutigen Leser, ohne die Wiedergabe zu überladen? Vgl. dazu die A- mit der E-Version.

In Fußnote folgt dann noch die wörtliche Wiedergabe des ‚umstrittenen' Passus (W und vor Gottes Angesicht erscheinen) sowie aus Rücksicht auf jene andere diskutierte Variante, die - als andere Lesart = AL - ja auch von einigen wenigen hebräischen Handschriften unterstützt wird: AL(1) und Gottes Angesicht sehen. Damit hat der Leser die Freiheit, sich selbst für eine der beiden Möglichkeiten zu entscheiden.

Zuletzt noch eine weitere interessante Frage: Weiß man denn, wo sich der Beter dieses Psalms - so unfreiwillig weit entfernt von Gottes Angesicht bzw. Gegenwart auf dem Zion - tatsächlich aufhielt? Antwort geben uns die vv 7+8. Von der Ferne des Jordanlandes und des Hermongebirges und vom Berg Misar aus gehen seine Gedanken hin zum Gott auf dem Zion. Gleichzeitig hört oder sieht er, wie gewaltige Wassermassen brausen und tosen, und dies wird für ihn zum Sinnbild seiner eigenen momentanen Situation: als riefe eine Flut die andere herbei. Auch darin erkennt und bejaht er den Willen Gottes: Du hast sie geschickt; deine Wellen und Wogen rollen über mich hinweg.

Der Psalmist befindet sich anscheinend am Oberlauf des Jordan oder dort, wo dieser Fluss durch Quellen und durch Quellflüsse mitsamt ihren Wasserfällen entsteht. Aber die persönliche Situation des Beters lässt ihn für jetzt über solche Schönheiten der Natur hinweg schauen. Er sieht stattdessen in den herabstürzenden Wassermassen ein Sinnbild der ihn bedrängenden Not. Und doch resigniert er nicht! Im Gegenteil, er gewinnt im Gebet neuen Mut und setzt seine Zuversicht auch aus der Ferne auf den Gott seines Heils, indem er seiner Seele die Worte zuspricht: Warte nur zuversichtlich auf Gott! Denn ganz gewiss werde ich ihm noch dafür danken, dass er sich mir wieder zuwendet und mir hilft. Wolfgang Loy