Wie groß ist ein Drache? - Fragen, die alles offen lassen

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Wie groß ist ein Drache?
Mega: Offenbarung Kapitel 12, Vers 3
Ein Mega-Drache
Umweg statt Kurzschluss
Symbol und Wirklichkeit
Die Bedeutung des Kontextes für die Bedeutung
Gegensatzpaare
größer und kleiner
Was groß ist, kann auch klein sein
Absolute Gegensätze
Fragen, die alles offen lassen
Eine vielfach unterteilte Skala
Auf der Zielgeraden
Die Größe des Drachen
Einführung ausführlich - Wiederholung kurz und knapp
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Fragen, die alles offen lassen

(e) Zurück zu unserem Ausgangssatz: Das Haus ist groß. Machen wir daraus doch einmal eine Frage. Angenommen, Sie wollen die Größe eines Hauses in Erfahrung bringen. Was würden Sie fragen? Wie groß ist das Haus? Aber merkwürdigerweise nicht: Wie klein ist das Haus? Theoretisch könnten wir doch auch so fragen, solange wir noch nicht wissen, wie das betreffende Haus beschaffen ist. Aber so fragen wir nicht, und das ist auch gar nicht nötig. Offensichtlich setzt die Frage Wie groß ist es? nicht voraus, dass das Objekt, dem die Nachforschung gilt, eher groß als klein klassifiziert wird, sondern ist völlig offen oder (wie man in der Fachsprache sagt) unmarkiert, was die Erwartungen des Fragestellers anbelangt. Die Frage Wie groß ist das Haus? sagt also nichts anderes als: Ist das Haus groß oder klein? Ist es eher größer oder eher kleiner? Das liegt eben genau an dem Umstand, von dem bisher die Rede war: Antonyme machen - qualitativ gesehen - keine absoluten Angaben. Sie sind - ob es ausgesprochen wird oder implizit bleibt - immer gradiert, d. h. sie können die ganze Bandbreite aller tatsächlichen Größen abdecken. Deshalb zielt die Frage Wie groß ist das Haus? in beide Richtungen, und die Antwort kann sowohl sein: Es ist groß als auch: Es ist klein.

Ein anderes Beispiel: Wie alt ist er? Genauso wird auch gefragt, wenn es sich um ein gerade erst geborenes Baby handelt - also nicht: Wie jung ist es?, sondern: Wie alt ist es?

Die Frage führt in das Gespräch gewissermaßen einen stillschweigend vorausgesetzten Maßstab ein, der von den Partnern als verbindlich anerkannt wird (eine Übereinkunft über das, was groß bzw. alt ist), und stellt die Forderung, dass das betreffende Objekt sozusagen anhand dieses Maßstabes gemessen wird. Die erste Messung (die erste Antwort) erfolgt dichotomisch (in zwei Richtungen gegabelt) mittels eher groß als klein oder eher klein als groß (nämlich in Bezug auf diese Norm). Wem die Beschreibung nach dieser ersten Stufe nicht ausreichend genau ist, der kann immer noch eine weitere, diesmal eine markierte Frage stellen: Wie groß ist das Haus? oder Wie klein ist es? (beachten Sie den Akzent bzw. die Intonation zur Unterscheidung von der unmarkierten Frage). Hinter der markierten Frage steht bereits die Voraussetzung, dass das Objekt, um das es geht, mehr an dem einen Ende des Maßstabs als an dem anderen lokalisiert worden ist; mit ihr wird die nähere Festlegung des genauen Punktes auf dem Maßstab gesucht, und zwar in bezug auf die verbindliche Größennorm.

Dieser neutralisierende, den Gegensatz aufhebende Gebrauch eines Antonyms findet sich übrigens nicht nur bei den Adjektiven (Eigenschaftswörtern), sondern z. B. auch bei den Substantiven (Hauptwörtern): Wir messen die Größe, Höhe, Breite, Länge des Schrankes, nicht die Kleinheit, Niedrigkeit, Schmalheit, Kürze - selbst wenn es sich um ein minikleines Möbelstück handelt.

Sowohl beim Messen als auch bei der Frage greifen wir also immer nur auf den einen Pol des Antonymenpaares zurück. Wir fragen: Wie groß ist das Haus?, nie: Wie klein ist es? (obwohl damit im Grunde genau dasselbe erfragt würde). Es scheint so - das nebenbei bemerkt; jetzt machen wir beinahe einen Ausflug in die Sprachphilosophie -, als wäre für unser Empfinden das eine Antonym von positiver, das andere von negativer Polarität (wobei der positive Begriff den Ausgangspunkt unseres Denkens bildet). Wir gehen gewissermaßen von einer Normgröße aus und fragen von diesem positiven Pol aus nach der tatsächlichen Größe. Wir gehen von einem gewissen Alter aus und fragen von dort aus nach der absoluten Jahreszahl. Deshalb sagen wir normalerweise auch, dass kleine Dinge von geringer Größe sind, und nicht, dass große Dinge von geringer Kleinheit sind. Und im allgemeinen wird das unmarkierte Antonym (z. B. groß) beim Komparativ für die positive Seite gebraucht, also für das, was als mehr als, aber nicht für das, was als weniger als die Norm empfunden wird.