Wie groß ist ein Drache? - Was groß ist, kann auch klein sein

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Wie groß ist ein Drache?
Mega: Offenbarung Kapitel 12, Vers 3
Ein Mega-Drache
Umweg statt Kurzschluss
Symbol und Wirklichkeit
Die Bedeutung des Kontextes für die Bedeutung
Gegensatzpaare
größer und kleiner
Was groß ist, kann auch klein sein
Absolute Gegensätze
Fragen, die alles offen lassen
Eine vielfach unterteilte Skala
Auf der Zielgeraden
Die Größe des Drachen
Einführung ausführlich - Wiederholung kurz und knapp
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Was groß ist, kann auch klein sein

(2) Nehmen wir uns den impliziten Vergleich vor (jetzt wird es ein wenig komplizierter).
Beispiel: Unser Haus ist groß.

(a) Zunächst muss ich noch einmal an den Unterschied zwischen Antonymität und Komplementarität erinnern: Im Gegensatz zu den Komplementärbegriffen impliziert bei den Antonymen die Negation (Verneinung) des einen nicht zwingend und in jedem Fall die Assertion (Bejahung) des anderen. Die beiden antonymen Begriffe schließen sich nicht unbedingt aus.

Unser Haus ist nicht groß impliziert nicht zwingend: Unser Haus ist klein. Der Besitzer, der (in aller Bescheidenheit!) Satz 1 sagt, würde sich unter Umständen sehr dagegen verwahren, Satz 2 gelten zu lassen (das würde ihn dann doch in seinem Stolz treffen!). Also: groß und klein sind keine sich ausschließenden Gegensätze!

(b) Sätze mit Antonymen sind immer komparativ; d. h. es wird immer etwas verglichen, selbst wenn das nicht explizit gemacht wird. Es ist eine Illusion zu meinen, mit Gegensatzpaaren wie klein/groß, wenig/viel seien (innerhalb des Feldes der Quantität) absolute Werte gegeben (vergleichbar z. B. den qualitativen Unterschieden bei Farbwerten: rot/grün). Der Eindruck der absoluten Angabe rührt daher, dass das Gradieren, die Abstufung formal nicht markiert ist (so beim expliziten Komparativ: Er ist größer als ...). Aber: Während rot oder grün tatsächlich feststehende Farbqualitätswerte darstellen, die in jeder Erfahrungssituation gleich bleiben, ist z. B. viele ein relativer Begriff ohne jede absolute Quantitätsangabe.

In Zürich wohnen viele Menschen - sagt der Dorfbewohner. Genau dasselbe könnte auch der verwitwete und kinderlose Bauer auf seinem Aussiedlerhof vom Nachbargehöft sagen: Auf jenem Hof wohnen viele Menschen. Das eine Mal umfasst viele ca. 200 000 Menschen, das andere Mal vielleicht ein Dutzend). Eine genauere Vorstellung über die tatsächliche Anzahl entsteht erst durch die Bezugsgröße (Stadt, Hof) bzw. durch einen ausdrücklichen Vergleich (In Zürich wohnen mehr Menschen als in Basel; Auf dem Nachbarhof wohnen mehr Menschen als bei mir). Wenn jemand von viele spricht, heißt das lediglich: Er wählt eine Anzahl als Ausgangsbasis, die er (subjektiv) als ziemlich umfangreich empfindet; objektiv kann diese Anzahl beliebig variieren.

Ein anderes Beispiel: Das Antonymenpaar reich-arm. Beides sind sehr relative Begriffe! Es gibt reiche Millionäre und arme Millionäre. Ein Reicher fühlt sich arm, wenn er sich als Zweitwagen keinen Ferrari leisten kann, und ein Armer fühlt sich reich, wenn er nach jahrelangem Sparen endlich imstande ist, ein Fahrrad zu erstehen.

(c) Wörter wie groß und klein beziehen sich also nicht auf gegensätzliche Eigenschaften, sondern sind ein lexikalisches Instrument zum Gradieren, zur Markierung von Abstufungen. Eine Person ist entweder männlich oder weiblich. Aber: Dieselbe Person kann klein sein (verglichen mit X) und groß (verglichen mit Y) - was aber nicht bedeutet, dass ihr gleichzeitig 2 verschiedene Größen zugeschrieben werden müssen; in ihrem Pass steht mit Sicherheit nur eine Größenangabe! Objektiv gesehen ist die Person selbstverständlich immer gleich groß - subjektiv wird sie in der einen Situation als groß erlebt und in der anderen als klein.

Beispiele:
Die Tante, die ihrem Neffen nach über zwei Jahren endlich wieder mal einen Besuch abstattet, ruft verblüfft aus: So ein großes Kind! (groß: verglichen mit seinen Altersgenossen bzw. verglichen mit den Erinnerungen der Tante; aber verglichen mit der Tante selbst ist das Kind natürlich klein).

Deshalb kann auch der Biologe, der durchs Mikroskop sieht, zu Recht sagen: Hey - diese Amöbe ist riesig! (riesig: gegenüber der üblichen Amöben-Größe).

Und auch der Ausruf eines Mädchens stimmt, als es Xian zum ersten Mal zu Gesicht bekommt (Sie wissen schon: Xian - der Jungelefant aus dem Zürcher Zoo): Ist das ein winziger Elefant! (obwohl der Elefant - auch dieser - zu Recht als großes Tier bezeichnet wird). Ein großes Tier - verglichen mit der übrigen Tierwelt. Ein winziges Tier - verglichen mit anderen Exemplaren seiner Rasse. Man darf es also ruhig so paradox formulieren: Ein kleiner Elefant ist ein großes Tier. Wären klein und groß komplementäre und damit inkompatible Ausdrücke, dann wäre dieser Satz kontradiktorisch (vgl.: Ein männlicher Elefant ist ein weibliches Tier). So aber ist die Aussage völlig korrekt und verständlich: Ein Elefant, der - gemessen an der für Elefanten verbindlichen Norm - eher klein als groß ist, ist (trotzdem) - gemessen an der für Tiere im allgemeinen verbindlichen Norm - eher groß als klein. Die implizierte Größennorm für Elefanten ist eben nicht unbedingt dieselbe wie die für Tiere als ganze Klasse.

(d) Der Satz Unser Haus ist groß ist also formal-morphologisch (so, wie die Wortform gebildet ist) ein Positiv (das Adjektiv liegt in der ungesteigerten Form vor, in der Grundstufe), semantisch hingegen (was seine Bedeutung betrifft)  ist er ein Komparativ: Unser Haus ist größer (als das normale Haus).